Optionen für Fortgeschrittene: „Positionsgröße von ITM-Optionen"
Alexander Hahn in Investoren Wissen zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 21. Oktober 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
bevor ich zur heutigen Ausgabe komme, gibt es einen kleinen Fehler von gestern zu korrigieren. Im zweiten Artikel (Archiv-Empfehlung) ging der Link auf Dr. Schoors Artikel verloren, so dass Sie diesen Artikel nicht lesen konnten. Den besagten Artikel erreichen Sie hier.
Heute knüpfe ich an meinen Artikel vom letzten Mittwoch an. Sie erinnern sich? Es ging um fortgeschritteneres Optionswissen und die Klärung der Begriffe "in the money", "at the money" und "out of the money". Heute werde ich u.a. Optionspositionen vs. Aktienpositionen näher betrachten.
Darüber hinaus habe ich noch einen äußerst interessanten Artikel für Sie, welcher auf ein bei den Anlegermassen bisher nur beschränkt bekanntes Manipulationsschema hinter den anscheinend bewusst orchestrierten Crashs von Bear Stearns und Lehman Brothers eingeht (siehe zweiter Artikel der heutigen Ausgabe von Investoren Wissen). Ich halte diesen für absolut lesenswert, auch wenn er leider nur auf Englisch zur Verfügung steht und aufgrund der Länge von mir nicht übersetzt werden kann.
Alexander Hahn
Gewidmet allen "Meteologen" der Börse, die heute schon die Kurse und Indexentwicklungen von morgen auf die zehnte Nachkommastelle genau kennen...
Meteorologen sind Leute, die über Geophysik, Thermodynamik und Klimatologie ungemein viel und über das Wetter von morgen fast nichts wissen.
Ron Kritzfeld
Optionen für Fortgeschritte: „Positionsgröße bei ITM-Optionen" & „Optionen statt Aktien"
Der folgende Artikel setzt ein Grundwissen im Bereich „Optionen" voraus. Unter folgenden Artikeln können Sie Ihr Wissen zu diesen Grundlagen wieder auffrischen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen:
Keine Angst vor Optionen (Teil 1 von 4)
Keine Angst vor Optionen (Teil 2 von 4)
Keine Angst vor Optionen (Teil 3 von 4)
Keine Angst vor Optionen (Teil 4 von 4)
Optionen für Fortgeschrittene (Teil 1)
Liebe Leser,
letzte Woche brachte ich an dieser Stelle den ersten Artikel zu meiner neuen Artikelserie „Optionen für Fortgeschrittene" und erklärte Ihnen den Unterschied zwischen „in, at und out of the money"-Optionen sowie deren mögliche Einsatzgebiete. Wie versprochen setze ich heute meine Serie mit den Themen „Positionsgröße von ITM-Optionen" und „Vorteile von ITM-Optionen gegenüber Aktieninvestments" weiter fort.
Wahl der richtigen Positionsgröße bei Ersatz von Aktien durch ITM-Optionen
Wie Sie sicherlich noch wissen, eignen sich Optionen mit entsprechendem innerem Wert (ITM-Optionen) vor allem für langfristige Investments und damit auch als Ersatz für Aktienpositionen. Eine Option bezieht sich so gut wie immer auf 100 Aktien des jeweiligen Basiswertes, weshalb Sie beim Ersatz von Aktienpositionen durch Optionen immer die Positionsgröße auf die Anzahl der Aktien und nicht auf den ursprünglich für die Aktien vorgesehenen Investitionsbetrag beziehen sollten.
Ein Beispiel:
Trader Grünschnabel will sich für $24,000 Aktien von IBM kaufen, welche gerade bei um die $120 notieren. Ein Freund gab ihm den Tipp, statt auf Aktien auf Optionen zu setzen. Grünschnabel kauft deswegen statt 200 IBM Aktien zu je $120, ITM-Optionen für $24,000. Bei einem Optionspreis von $1600 pro Option (Basispreis: $110, Laufzeit: April 2010) kann Grünschnabel 15 Optionen à $1600 erwerben. Was der naive Trader in diesem Moment wohl nicht ahnt: Jede Option steht für 100 Aktien und somit bewegt unser Börsen-Grünschnabel 1500 Aktien statt der ursprünglich vorgesehenen 200!
Die wenigsten Optionsanfänger sind sich dessen bewusst und nicht selten verliert ein Trader bei einer derartigen Hebelwirkung die Nerven und erleidet einen Totalverlust (ein analoger Sachverhalt gilt natürlich auch für Optionsscheine).
Und wen wundert es da, wenn solche Trader wie unser Grünschnabel aufgrund ihrer selbst verschuldeten Pannen andere Anleger vor Optionen warnen und ihnen davon abraten, denn hierbei verliere man ja "Haus und Hof"...
Anleitung zur Wahl der richtigen Positionsgröße bei Ersatz von Aktien durch ITM-Optionen
1. Bestimmen Sie die die Höhe des Betrages, welcher für die Aktienposition vorgesehen ist (egal ob long oder short)
Bsp: Sie wollen 10.000€ in die Aktie XY investieren
2. Teilen Sie diesen Betrag durch den aktuellen Aktienkurs und Sie erhalten die Anzahl der Aktien, die Sie für diesen Betrag erwerben können.
Aktueller Kurs XY sei: 80€
10.000€ / 80€ = 125 Aktien
3. Runden Sie die Anzahl der Aktien auf die Hunderterziffer
125 Aktien werden auf 100 Aktien abgerundet
4. Kaufen Sie pro 100 Aktien eine ITM-Option, welche mindestens 5 Punkte im Geld ist, und eine Restlaufzeit von mindestens 6 Monaten hat.
Da Sie auf hundert Aktien gerundet haben, kaufen Sie eine Option auf die XY-Aktie.
Welche Vorteile bietet Ihnen der Optionskauf gegenüber dem Kauf von Aktien?
ich könnte hier viele kleine Vorteile aufzählen, jedoch möchte ich mich auf die in meinen Augen drei wichtigste Argumente "pro Option" beziehen:
- Sie „steuern" über die Option hundert Aktien, müssen jedoch deutlich weniger bezahlen, als wenn Sie die Aktien gekauft hätten. In unserem XY-Beispiel hätten Sie für 100 Aktien bei einem Kurs von 80€ genau 8000€ zahlen müssen. Für die ITM Option (April 2010, 70€) zahlen Sie nur einen Bruchteil; nehmen wir hier realistischerweise einen Preis von 1700€. Damit hätten Sie 6230€ oder 78% weniger gezahlt, obwohl Sie die gleiche Anzahl an Aktien kontrollieren. Die 6230€ können Sie zum Beispiel auf ein Tagesgeldkonto legen (und damit Zinsen erwirtschaften) oder für andere Trades nutzen.
- Gehen wir von einem Worst-Case Szenario aus. Eine große amerikanische Bank gerät über Nacht in Schieflage und wird von der amerikanischen Regierung nicht gestützt (Ein zweites Lehmann Brothers-Szenario). Die Aktienmärkte reagieren panisch und gerade die Banktitel stürzen ins Bodenlose. Unser XY sei eine Bankaktie und eröffnet nun 30% im Minus. Ihr Stop-Loss auf Ihre Aktienposition greift, jedoch können Sie aufgrund des Eröffnungsgaps XY nur deutlich unter der von Ihnen gesetzten SL-Marke von 70€ verkaufen. Ihre Bank verkauft die 100 XY-Aktien nach Durchbrechen des Stop-Loss „bestmöglich" für 63€ und Sie realisieren einen Verlust von 2700€. Hätten Sie in diesem Fall statt den hundert Aktien die besprochene Option im Depot gehabt, hätten Sie maximal 1700€, also den Kaufpreis der Option verloren. Da sich eine Option aber aus innerem Wert plus äußerem Wert (=Zeitwert) berechnet, hätten Sie die Option immer noch für ca. 200€ verkaufen können, da der Zeitwert der Option durch den Kursverfall nicht betroffen ist. Sie hätten mit einer Option also maximal 1500€ gegenüber 2700€ beim Halten einer Aktienposition verloren.
- Speziell die ITM-Optionen helfen Ihnen, Ihr Gewinnpotential zu steigern und gleichzeitig Ihr Verlustrisiko senken. Dies hängt mit dem Delta einer Option zusammen.
In der nächsten Woche werde ich in einem gesonderten Artikel die wichtigsten Fakten rund um das Delta wiederholen und Ihnen anhand von praktischen Beispielen zeigen, warum das Delta bei Wahl der richtigen Option Ihr bester Verbündeter sein kann.
Beste Grüße,
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