Optionen für Fortgeschrittene: Bear-Call-Spreads
Alexander Hahn in Investoren Wissen zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 30. Dezember 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
die heutige Ausgabe von Investoren Wissen enthält wieder einmal eine ganze Reihe verschiedener Punkten für Sie. Im ersten Artikel setze ich die beliebte Serie "Optionen für Fortgeschrittene" fort und befasse mich heute einmal ausführlicher mit Bear Call Spreads.
Anschließend habe ich einen ganz interessanten Medientipp für Sie. Thema des verlinkten Artikels ist die Frage, in wie weit das Boni-System der Bankenbranche für die Finanzkrise mitverantwortlich ist.
Danach gibt es nochmals einen Artikel von Herr Stephan zum Thema "Gold und Preisblase" (hierbei teile ich übrigens Herrn Stephans grundsätzliche Betrachtungsweise weitgehend, halte jedoch sein Preisziel für die nächsten 12 Monate für sehr ambitioniert und bin hier deutlich konservativer).
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Lektüre der heutigen Ausgabe und natürlich einen guten Nachmittag.
Alexander Hahn
Optionen für Fortgeschrittene Teil 6: „Bear Call Spreads"
Der folgende Artikel setzt ein Grundwissen in der Thematik „Optionen" voraus. Unter den folgenden Links können Sie Ihr Wissen zu diesen Grundlagen wieder auffrischen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen:
Keine Angst vor Optionen (Teil 1 von 4)
Keine Angst vor Optionen (Teil 2 von 4)
Keine Angst vor Optionen (Teil 3 von 4)
Keine Angst vor Optionen (Teil 4 von 4)
Optionen für Fortgeschrittene (Teil 1)
Optionen für Fortgeschrittene (Teil 2)
Optionen für Fortgeschrittene (Teil 3)
Optionen für Fortgeschrittene (Teil 4)
Optionen für Fortgeschrittene (Teil 5)
Hinweis:
Der heutige Artikel zeigt Ihnen erstmals ausführlich eine Optionsstrategie, welche normalerweise nur von Profihändlern wie z.B. Hedgefonds, Optionstradern oder guten Vermögensverwaltern angewendet wird. Schrecken Sie daher bitte nicht gleich zurück, wenn Sie den Artikel mehrmals lesen müssen. Auch bietet es sich an, das vorgestellte Beispiel einmal selbst nachzurechnen (Und wenn Sie insgesamt „Lust auf mehr“ bekommen sollten, so können Sie natürlich gerne auch meinen neuen Börsenbrief zum günstigen Kennenlernpreis testen).
Bitte beachten Sie beim folgenden Artikel auch, dass ich ihn weitgehend bereits letzte Woche verfasst habe und krankheitsbedingt leider damals nicht bringen konnte. Wenn es also um Kursangaben und Charts geht, sind diese nicht vollständig aktuell. Dies ändert jedoch am Informationsgehalt und der Technik nichts. Viel mehr habe ich mich bewusst entschlossen, die "alten" Daten zu verwenden, da Sie so noch klarer bzw. authentischer erkennen dürften, in welchem Markt- bzw. Kursumfeld die genannten Spreads Sinn machen können.
anlässlich meines Mitte Januar 2010 startenden Börsenbriefes „US Options Extreme“ setze ich heute die Serie „Optionen für Fortgeschrittene“ mit Teil 6 „Bear Call und Bull Put Spreads“ weiter fort. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und hoffe, Sie können den ein oder anderen Punkt hieraus für sich mitnehmen.
Wie Sie wissen, bewegt sich der S&P 500 seit Mitte November in einer sehr engen Handelsspanne zwischen 1120 und 1085 Punkten, welche somit gerade einmal ca. 3% beträgt. In dieser Zeit liefen auch die meisten anderen Indizes wie der DAX oder NYSE Composite und natürlich die Mehrzahl der darin enthaltenen Aktien mehr oder weniger "flat" (d.h. sie bewegten sich nicht wirklich vom Fleck).

Abb.: Tages-Chart des S&P 500 (Stand 21.12.2009)
Viele erfolgreiche Handelssysteme (wie z.B. auch der stark auf Sektoren basierende Point & Figure-Handelsansatz) brauchen jedoch Bewegung in den zugrundeliegenden Aktien, um ihre Stärken ausspielen zu können und Ihnen Gewinne zu bescheren. In solch trendlosen Phasen wie zur Zeit lässt sich somit kaum Geld verdienen (eher noch im Gegenteil, gem. dem Sprichwort „Hin und her macht Taschen leer“). Als vorausdenkender Anleger brauchen Sie somit eine oder mehrere Strategien, um auch in solch „langweiligen“ Börsenphasen ein kleines Einkommen zu generieren. Und wie könnte es anders sein... Optionen sind dafür genau die richtigen Instrumente.
Der Bear Call Spread
Die Ausgangslage eines Bear Call Spreads ist stets ein Basiswert, dem Sie im nächsten Monat (in den nächsten Monaten) neutral bis leicht bärisch gegenüberstehen. In unserem Falle (keine Trading-Empfehlung - nur zur Veranschaulichung) setzen wir darauf, dass der S&P 500 zum Optionsverfallstag im Januar 2010 tiefer steht als heute.
Der in den USA sehr bekannte S&P 500 ETF mit dem Tickersymbol "SPY" steht z.Z. (21.12.09 - US-Handelsende) bei 111.33 Punkten. Wie Sie im Chart sehen können, hat der ETF somit den oberen Rand der Handelsspanne erreicht. Da wir bis Mitte Januar 2010 eher bärisch für den S&P 500 gestimmt sind, aber gleichzeitig nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Index nach oben ausbricht, bietet sich hier die Bear Call Spread-Strategie an.
Abb.: Tages-Chart des S&P 500 ETFs "SPY" (Stand 21.12.2009)
Konstruktion eines Bear Call Spreads
Um einen Bear Call Spread zu "bauen“, müssen wir einen „in the money“ (ITM) Call (Call mit innerem Wert ungleich Null) mit Laufzeit Januar 2010 verkaufen und einen „out of the money“ (OTM) Call mit gleicher Laufzeit kaufen. Dies sei in unserem Beispiel wie folgt durchgeführt:
- Verkauf ITM-Call mit dem Basispreis von $106 für $586
- Kauf OTM-Call mit dem Basispreis von $112 für $152
Addieren wir Einnahme und Ausgabe, so erhalten wir einen Sofortgewinn in Höhe von $434 auf unserem Konto ($586 für den Verkauf minus $152 für den Kauf)
Es ist sehr wichtig zu verstehen, was wir mit diesem "Konstrukt" für Rechte und Pflichten haben.
Durch den Verkauf des ITM-Calls müssen wir dem Käufer der Option 100 Anteile des SPY ETF zum Kurs von $106 am Optionsverfallstag verkaufen, wenn der SPY zu diesem Zeitpunkt über $106 steht (und wir ausgeführt werden). Steht der SPY bei $105,99 oder tiefer, wird der Käufer der Option auf diesen Handel verzichten und sich lieber zu einem günstigeren Marktkurs mit dem ETF eindecken.
Durch den Kauf des OTM-Calls haben wir das Recht (aber nicht die Pflicht), 100 Anteile des SPY ETF zum Kurs von $112 am Optionsverfallstag zu kaufen. Steht der Kurs des SPY tiefer, verzichten wir natürlich auf den Deal, da wir den ETF am Markt günstiger kaufen können.
3 Szenarien für den weiteren Verlauf
Schauen wir uns nun an, welche 3 Szenarien auftreten können:
1) Der SPY schließt am Optionsverfallstag unterhalb der Marke von $106
- Wir verzichten auf unser Recht, den SPY für $112 zu kaufen - damit verfällt unser OTM-Call wertlos und wir realisieren einen Verlust von $152.
- Der ITM-Optionskäufer verzichtet ebenfalls auf sein Recht, uns den SPY für $106 abzukaufen (da der aktuelle Marktkurs ja tiefer liegt). Wir können somit die erhaltenen $586 als Gewinn verbuchen.
- Damit beträgt unser Gesamtgewinn $434, was gleichzeitig der höchst mögliche Gewinn bei diesem Bear/Call Spread ist.
2) Der SPY schließt am Optionsverfallstag innerhalb der Spanne von $106 und $112
- Wir verzichten wiederum auf unser Recht den SPY für $112 zu kaufen - > Verlust von -$152
- Der ITM-Optionskäufer übt sein Recht aus und kauft uns 100 SPY Anteile für $106 ab. Da wir diesen allerdings nicht besitzen, kaufen wir ihn (das macht oftmals Ihr Broker automatisch für Sie) zum aktuellen Marktkurs und verkaufen ihn gleich weiter (der ETF wird gar nicht erst eingebucht, lediglich der Gewinn /Verlust wird Ihnen vollautomatisch gutgeschrieben bzw. abgezogen)
- Wie groß ist nun der Gewinn / Verlust? Dies hängt natürlich davon ab, zu welchem Kurs wir den SPY am Markt kaufen müssen. Der sog. Break-Even-Kurs (d.h. der Schwellkurs, an welchem sich ein Gewinn in einen Verlust verwandelt) muss berechnet werden:
- Dazu addieren wir zum Kurs von $106 (zu welchen wir dem Optionskäufer den SPY verkaufen müssen) den bisher erhaltenen Gewinn in Höhe von $4.34 pro ETF (eine Option bezieht sich immer auf 100 SPY Anteile; deshalb müssen wir den Gewinn in Höhe von $434 durch 100 teilen) und erhalten den Break-Even-Kurs:
- $106 + $4.34 = $110.34
- Sollte der SPY unter $110.34 am Optionsverfallstag schließen, verbuchen wir mit unserem Bear Call Spread einen Gewinn. Kurse über $110.34 bringen uns am Verfallstag Verluste.
- Die Formel, mit der Sie den Gewinn/Verlust ausrechnen können lautet:
- $110.34 minus Kurs SPY am Optionsverfallstag = Gewinn / Verlust
- z.B. $110.34 - $106.38 = $3.96 (d.h. ein Gewinn von $396)
3) Der SPY schließt am Optionsverfallstag überhalb von $112
- Wir üben unser Recht aus und kaufen den SPY für $112 (das macht wiederum Ihr Broker automatisch für Sie)
- Selbstverständlich kauft uns der Käufer des ITM-Calls den SPY für $106 ab (da er ihn gleich wieder zu einem höheren Kurs verkaufen kann).
- Der Verlust, der hier entsteht, lässt sich leicht berechnen:
- $106 (erhalten wir pro SPY ETF vom Käufer) minus $112 (diesen Betrag müssen wir maximal für den Kauf des SPY zahlen) = $6.00 = $600 Verlust
- Von den $600 Verlust subtrahieren wir unseren Sofortgewinn in Höhe von $434, den wir bei Positionseröffnung verbuchten, und erhalten $166.
- Wir können somit nicht mehr als $166 verlieren, ganz egal, wie hoch der SPY am Optionsverfallstag steht (da wir uns ja das Recht zugesichert haben, den SPY für $112 in jedem Fall kaufen zu können).
Mit Bear Call Spreads sind hervorragende Risk/Reward-Ratios möglich
Sie können mit dem obigen Spread maximal $166 verlieren und $434 Gewinnen. Damit beträgt das Chance / Risikoverhältnis sehr erfreuliche 2.61 ($434 / $166), während Ihr Risiko klar begrenzt ist. Bear Call Spreads eigenen sich somit bei richtiger Konstruktion und richtigem Money Management durchaus auch als konservativere Depotbeimischung, welche Ihnen auch in Seitwärtsphasen (je nach Konstruktion) aufgrund des Zeitwertverfalls der Optionen Gewinne liefert.
Zusammenfassung:
Die größte Stärke eines Bear Call Spreads liegt in der (schon vor dem Trade) bekannten maximalen Verlusthöhe. In unserem Beispiel können wir einfach nicht mehr als $166 pro einfachem Bear Call Spread verlieren.
Selbstverständlich können Sie auch einen, ein-,zwei-, drei-, oder sogar zehnfachen Bear Call Spread bauen (10-facher Bear Call Spread - max Verlust: $1.660). Ganz nach Ihrer Risikoneigung und Ihrer Portfoliogröße lassen sich diese Dinge frei wählen. Weiterhin können Sie auch die Basispreise für den ITM / OTM Call variieren und somit Ihren maximalen Verlust / Gewinn gem. Ihres Risikoprofils erhöhen oder verringern und festlegen, ob Sie eher eine "Zeitwertverfallstrategie" oder eine "Richtungsstrategie" nutzen wollen (das obige Beispiel gehört zur zweiten Kategorie). Auch die Laufzeit können Sie selbst festlegen, und niemand verbietet Ihnen, den Trade vorzeitig aufzulösen. Sie haben die Wahl und sind sozusagen Ihr eigener "Emittent". Völlig stressfrei.
Mir ist klar, dass es zu Beginn etwas Einarbeitungszeit benötigt, bis Sie ein Gefühl dafür bekommen, welcher Spread wann den größten Sinn macht. Machen Sie sich aber bitte keine Gedanken, wenn Sie nicht gleich alles in diesem Artikel auf Anhieb verstanden haben sollten. Dieser Artikel steht im Netz im Archiv von Investoren Wissen auf Abruf für Sie jederzeit bereit. Sie können beim Berechnen eigener Konstruktionen somit sich jederzeit nochmals "Hilfestellung" holen.
Und zu guter Letzt noch einmal der Hinweis: Falls Sie Abonnent meines ab Januar startenden Börsenbriefes US Options Extreme sind, können Sie sich entspannt zurücklehnen. Ich werde u.a. auch Bear/Call Spreads (neben zahlreichen weiteren Optionsstrategien) zur Senkung unseres Portfoliorisikos einsetzen. Gleichzeitig werden wir dadurch in Seitwärtsphasen ständig ein kleines Einkommen erzielen, während viele andere Anleger den nicht vorhandenen Zinsen des Tagesgeldkontos nachweinen oder irgendwelche risikoreichen Zinsprodukte kaufen.
Beste Grüße
P.S.:
Übrigens: Das logische Gegenstück zum Bear-Call-Spread ist der Bull-Put-Spread, welcher völlig analog funktioniert, nur eben auf neutral bis leicht bullische Entwicklung des Basiswerts setzt.


