Oje – was für ein "Angebot"!
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 20. Oktober 2004 12:00 Uhr
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Dank an Trader's Daily-Leser Ernst K.! Denn der hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, was für ihn "vermutlich nur ein dummer Jungenstreich" ist. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich seiner Bitte, "bitte nicht gleich wieder aufregen!", nachkommen kann. Denn für mich ist diese Sache eine ganz miese Story. Also, um was geht's:
Da wirbt ein Anbieter damit, dass er einem "100 Euro schenkt, wenn Sie mit unserer Anlageempfehlung in 12 Monaten nicht mindestens 30 % verdient haben!"
Klingt doch ganz gut, dieses Angebot, oder?
Nein! Ich kann Sie nur dringend warnen.
Warum, das sage ich Ihnen jetzt. Und zwar in der Sprache, in der die Lutherbibel und das Bürgerliche Gesetzbuch geschrieben worden sind:
Es geht um eine Aktienempfehlung. Und die soll zunächst einmal 400 Euro kosten. Für diese 400 Euro sollen Sie dann einen Briefumschlag erhalten. Der soll beinhalten: Den Namen der Aktie, eine Studie zu dieser Aktie, inklusive der Garantie, diese 400 Euro zurückzuerhalten UND außerdem die angesprochenen 100 Euro, wenn der Kurs der betreffenden Aktie in spätestens 12 Monaten nicht 30 % höher notiert. Das wird mit viel wohlklingendem, aber letztlich irrelevantem Geblubbere (Empfehlung "erhalten Sie per Einschreiben", "Wirtschaftsprüfer-Bestätigung über die Hinterlegung der notwendigen Summe auf ein Treuhandkonto") ausführlich erklärt.
Soweit, so gut. Eher: So weit, so schlecht. Denn das spricht dagegen:
- Ich achte immer auf das Kleingedruckte und scheinbar nebensächliche Formulierungen, die andere leicht überlesen. In diesem Fall ist das Wort "spätestens" wichtig! Sie erhalten die 400 Euro plus 100 Euro nur dann, wenn der Kurs der Aktie "spätestens" in 12 Monaten nicht um 30 % gestiegen ist. Das bedeutet NICHT, dass der Kurs der Aktie in 12 Monaten um 30 % gestiegen sein muss. Sondern es bedeutet, dass es schon ausreicht, wenn der Aktienkurs wenige Tage – oder auch nur einen Tag – nach Empfehlung um 30 % gestiegen ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das wird: Denn höchstwahrscheinlich handelt es sich bei dieser Aktie (die ich nicht kenne, die 400 Euro werde ich ganz bestimmt nicht ausgeben) um keinen großen Blue Chip, sondern um einen kleineren Titel. Der alleine schon aufgrund der durch diese "Empfehlung" ausgelöste Nachfrage locker um 30 % nach oben schießen dürfte! Dieses Spiel kennen Sie doch, ich habe das schon öfter angeprangert: Man nehme einen kleinen, relativ marktengen Titel, am besten von der Nasdaq, empfehle ihn, und dank der in Deutschland plötzlich explodierenden Nachfrage schießt der Kurs kurzfristig um 30 %, 40 % oder 60 % nach oben. Danach sackt er aber wieder durch, da es sich nur um einen einmaligen Nachfrageschub gehandelt hat. Verdient haben die, die VORHER gekauft haben. Womit wir zu Punkte 2 kommen:
- Im "Disclaimer" zu diesem Angebot heißt es wörtlich: "Der Verlag oder nahestehende Dritte können Positionen in den analysierten und an dieser Stelle vorgestellten Anlagen eingegangen sein." Ist klar, was das bedeutet: Die Empfehlenden dürfen sich vorher selbst kräftig mit dieser Aktie eindecken, und wenn der Kurs durch den Nachfrageschub um 30 %, 40 % oder 60 % steigt, können diese Herren (merkwürdigerweise ist mir noch nie eine Frau aufgefallen, die sich an solchen "Geschäften" beteiligt) wieder aussteigen.
Ich fasse zusammen: Bei diesem Angebot ist es legal möglich (ich formuliere es bewusst vorsichtig), dass die Empfehlenden die Aktie, die Sie in diesem Briefumschlag empfehlen wollen, vorher selbst massiv gekauft haben. Wenn die Empfehlung dann herausgeschickt würde, wäre es bei einem kleineren Wert so gut wie sicher, dass er durch die Käufe der Kleinanleger nach oben schießen würde. Der Kurs dieser Aktie müsste nur einmal vorübergehend um 30 % gestiegen sein (sehr wahrscheinlich), dann würde bereits die Garantie – dass die Kosten für die Empfehlung von 400 Euro und die 100 Euro zusätzlich bezahlt werden müssen – erlöschen. Und die Empfehlenden würden in diese steigenden Kurse hinein ihre Bestände verkaufen.
Die Empfehlenden könnten sich darüber freuen, dass die Kleinanleger wieder einmal so dumm gewesen sind und die "Empfehlung" befolgt haben – denn dadurch würden die Empfehlenden ihre eigenen Bestände an dieser Aktie mit deutlichem Gewinn verkaufen können.
Der Dank an die Kleinanleger: Diese dürfen dafür, dass sie den Empfehlenden einen Gewinn bescheren, auch noch 400 Euro zahlen! Das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit!
Oder wie würden Sie ein solches Angebot nennen? Meine Meinung dürfte klar geworden sein ...
Und vor diesem Hintergrund kann ich nur bitter lächeln, wenn ich in diesem Angebot lese: "Nur ein Verlagshaus, das absolutes Vertrauen in die Qualität seiner Empfehlungen hat, kann es sich überhaupt leisten, ein solches Angebot zu unterbreiten."
Sein Sie wachsam!
Freundliche Grüße,
Michael Vaupel