Ölpreise bleiben weiterhin stark schwankungsanfällig dank Kaukasus
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Rohöl als Geldanlage
vom 11. August 2008, 20:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
Au Weia! Das große, alte Kaukasus-Konflikt-Geschwür hat mittlerweile wieder angefangen zu eitern! Klingt nicht sehr appetitlich, ich weiß...doch genau so kommt es mir bildhaft vor. Denn der gegenwärtige Konflikt zwischen Russland und Georgien ist ein ganz alter! Und die ewig krisengeschüttelte Kaukasus-Region bleibt ein triefendes altes Geschwür, eine tiefe alte Wunde die nicht verheilen mag und sich nun wieder aufs Neue infiziert hat.
Letzte Woche hatte es begonnen, da brach das Geschwür erneut auf! Georgische Truppen hatten versucht Südossetiens Provinzhauptstadt einzunehmen. Das wiederum machte die Russen rasend wütend. Südossetien ist wie Abchasien eine autonome Teilrepublik. Und beide Teilrepubliken fühlen sich stark den Russen verbunden. Dies gefällt wiederum den Georgiern nicht, die das Gefühl haben die beiden wiederspenstigen Teilrepubliken gehörten faktisch zu ihnen. Tatsächlich war Georgiens Präsident Saakaschwili mit dem erklärten Ziel angetreten die Abtrünnigen wieder anzugliedern.
Nun ist der ehemalige New Yorker Anwalt Saakaschwili ein großer Freund der USA. Oder umgekehrt! Zumindest versteht sich Georgien als Vorposten" Amerikas in der Geschwürregion. Und die USA haben in Georgien nicht nur einen Freund fürs Leben, sondern auch ein Land durch das zwei der bedeutendsten Ölpipelines vom Kaspischen Meer, also von Aserbaidschan her, führen.
Gegenwärtig gibt es keine wirklich unabhängigen Berichterstattungen über das was tatsächlich gerade in den umkämpften Teilrepubliken passiert. Zu unterschiedlich bleiben die Aussagen von beiden Seiten. Allein über die Anzahl der Todesopfer gehen die Aussagen von knapp 100 bis über 2.000 massiv auseinander.
Während der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler den Georgiern den Bruch des Völkerrechts vorwirft und ganz allgemein die Europäer - nicht ganz uneigennützig - für einen schnellen Frieden plädieren (Sarkozy will nun auch bald runter fliegen und für Frieden werben), erregen die Russen nun zunehmend US-amerikanisches Missfallen.
Denn mittlerweile hat sich der Krieg auch auf georgisches Staatsgebiet ausgeweitet.
Die USA jedenfalls sind beunruhigt. Haben Angst die Russen könnten in Georgien einmarschieren um den USA-treuen Saakaschwili zu stürzen. Zudem hatten sie dem Land geholfen sein Militär aufzubauen. Präsident Bush wollte Georgien schon in die NATO aufnehmen. Noch hält er sich im Übrigen mit Kommentaren eher zurück. Dafür sein Vize Dick Cheney umso weniger: die russische Aggression dürfe nicht unbeantwortet bleiben, soll er laut New York Times gesagt haben, und dass bei einer Weiterführung die Russen mit ernsthaften Konsequenzen in Bezug auf ihr Verhältnis zueinander rechnen müssten.
Hingegen die Russen: sie haben ein Ultimatum an Georgien gestellt, die Waffen niederzulegen. Zudem gaben sie an, sich gerne mit der NATO zu einem Krisentreffen verabreden zu wollen.
Tja, so sieht es momentan aus. Wir stehen wieder vor dem alten Krisenherd der nun wieder angefangen hat zu eitern. Und dabei geht es im eigentlichen Sinne gar nicht um diese ewig kriselnde Kaukasusregion, sondern -eine Stufe höher - nun mal um die strategischen Interessen zwischen den beiden Großen USA und Russland. Und natürlich ums Öl - wie immer! Und dabei zeigt nun das zwiegespaltene Verhältnis zwischen den USA und Russland einmal mehr seine hässliche Fratze.
So viel ist nun geschehen in dieser Woche! Ohne, dass der Markt zunächst großes Interesse an der Weltpolitischen Bühne oder dem Schicksal der beiden Teilrepubliken gezeigt hätte. Erst übers Wochenende machten sich die Marktteilnehmer dann doch mehr Sorgen über die Kontinuität von Öllieferungen aus Aserbaidschan.
Denn zu allem Überfluss gab es letzte Woche auch noch eine Explosion mit anschließendem Feuer im türkischen Teil der Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline. Diese Pipeline führt von Aserbaidschan über Georgisches Gebiet im Süden des Landes bis in die Türkei und transportiert etwa 6% der 12,8 Millionen Barrel die die ehemaligen Sowiet-Republiken der Region pro Tag fördern. Das Feuer ist zwar mittlerweile gelöscht, doch die Abkühlungsphase dauert noch etwas. Stattdessen pumpt man jetzt einen Teil des Öls über die Baku-Supsa-Pipeline. Diese führt von Aserbaidschan aus mitten durch Georgien und endet am georgischen Schwarzmeer-Hafen Supsa.
Nun, nachdem die Russen bis nach Georgien vorgedrungen sind wird's auch den Marktteilnehmern mulmig. Denn die schöne Alternative Baku-Supsa könnte vielleicht auch bald keine mehr sein.
Grund genug für die Marktteilnehmer den Preis pro Barrel Brent Crude (über die BTC-Pipeline wird übrigens Öl der Marke Azeri Light gepumpt, dessen Preis sich am Brent orintiert) zunächst noch einmal über die 117,20 US-Dollar zu treiben.
Worauf dann ein Rückgang auf bis zu 113,60 US-Dollar pro Barrel folgte. Gegenwärtig notiert Brent bei 115,27 US-Dollar pro Barrel.
Diese Entwicklung zeigt: der Markt ist noch immer offen für die geopolitischen Brandherde. Auf der anderen Seite steht allerdings die Überlegung, ob eine Liefer-Unterbrechung tatsächlich großen Einfluss auf das Angebotsverhältnis in Europa haben wird. Zumal da für Europas Raffinerien bald die Wartungssaison beginnt, wobei die Nachfrage dann sowieso temporär sinkt.
Ich möchte es einmal so sagen: wenn es tatsächlich zu einem kompletten Transport-Stopp über beide Pipelines kommt und das über einen längeren Zeitraum, dann kriegen wir wohl doch ein Problem. Eines, das dann dem Brent-Preis durchaus einen größeren Kick nach oben geben könnte. Eines werden sie jedenfalls auch weiterhin bleiben die Ölpreise: hoch volatil.