Öl und Gold - Hand in Hand durch die Decke (I)
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Gold als Geldanlage
vom 17. Oktober 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Hand in Hand sausen in den letzten Tagen und Wochen Rohöl und Gold nach oben. Doch obwohl das wochenlang parallel zur Rallye der Aktienmärkte geschah, stecken andere Gründe dahinter. Es sind nicht einmal unbedingt nur die Skeptiker, die am Aktienmarkt zuletzt aufgrund der Schere zwischen steigenden Kursen und negativen Rahmenbedingungen keine Chancen sahen und sich neue Betätigungsfelder gesucht haben ... aber trotzdem scheint mir der Hintergrund beider Rallyes – bei Öl ebenso wie bei Gold – durchaus teilweise damit zusammen zu hängen.
Öl-Rallye nur ein Signal weiter wachsender Nachfrage?
Richtig ist natürlich, dass ein Kursanstieg im Rohöl mittelfristig das Abbild einer Verschiebung zwischen Angebot und Nachfrage ist. Je knapper das Gut wird, desto mehr muss man dafür bezahlen. Diese Argumentation wird auch immer ins Feld geführt, wenn man erklären will, warum die Aktienmärkte nicht auf steigende Ölpreise reagieren: Sie sind einfach nur ein Zeichen starken Wachstums. Nur:
Da wird die Kehrseite der Medaille eben vergessen: Steigende Energiepreise bedeuten steigenden Kostendruck für Unternehmen wie Privathaushalte gleichermaßen. D.h. es bedeutet Druck auf die Unternehmensgewinne, Druck auf die privaten Haushaltskassen und damit das Risiko abnehmenden Konsums und natürlich steigender Inflation. Und das ist letztlich negativ.
Es stellt sich nun die Frage, woher die laufende Rallye der Ölpreise kommt. Sind es wirklich die, die von einem weiterhin rasanten Wachstum der Weltwirtschaft – vor allem in Asien – ausgehen und damit auf steigende Ölpreise spekulieren? Oder ist es tatsächlich die faktische Verknappung des Angebots? Oder die Angst vor einer weiteren Verknappung durch politische Spannungen?
Gleich drei Preistreiber wirken zusammen: Irak ...
Ich meine, alle drei Elemente spielen momentan eine Rolle. Und das könnte bedeuten, dass der Spuk dieser Öl-Rallye in ein paar Wochen vorbei sein kann. Denn:
Die ganz kurzfristige Basis ist die Furcht vor einer Verknappung der Ölversorgung, wenn die Türkei im Nordirak intervenieren sollte. Doch damit ist dieses Element letztlich eingepreist. D.h. die Kurse sind daraufhin bereits gestiegen, die Spekulanten haben sich positioniert, sodass eigentlich das Eintreten der Situation, wenn überhaupt, nur noch einen kleineren Anstieg der Preise verursachen würde ... es sei denn, die Situation würde eskalieren, wovon man aber nicht ausgehen sollte.
... rostige US-Raffinerien ...
Kurz- bis mittelfristig wirken andere Elemente. Hier haben wir z.B. das Problem der Angst vor einem kalten Winter, vor doch noch auftretenden Hurrikans und den Blick auf die ungenügenden Raffinerie-Kapazitäten in den USA. Die Anlagen sind unter 90% ausgelastet, ein unerfreulich niedriger Wert. Vor allem, weil das nicht an der geringen Nachfrage liegt, sondern weil man einfach nicht mehr Kapazität ins Laufen bringt, die Quittung für die jahrzehntelang vernachlässigte Erneuerung der Anlagen.
Das ist in der Tat ein Problem, da es nicht möglich ist, hier binnen kurzer Zeit gegen zu steuern. Was Hurrikans und Winter angeht: Die Hurrikan-Saison endet in vier Wochen und es ist momentan sehr friedlich, der Winter – nun, das muss man mal abwarten. Aber:
Auch diese Aspekte sind nun alle im Preis drin. D.h. solange nicht plötzlich reihenweise Raffinerien in den USA unter ihrem Rost zusammenbrechen, ein Polarwinter auftritt und gleich zwei Hurrikans überraschend Schaden anrichten, ist nicht zu erwarten, dass diese Argumente den Ölpreis noch mal höher treiben könnten.
... und ewiges Wachstum in Asien
Der dritte, langfristigere Aspekt ist kniffliger, denn er ist eine Glaubensfrage. Dass die immer schneller wachsende Nachfrage in Asien weiterhin in diesem Tempo anhält, ist fast Allgemeingut. Obwohl man nicht übersehen kann, dass das Wachstum in den USA und Europa seinen Zenit erreicht haben dürfte, geht man davon aus, dass ein deswegen abnehmender Export aus Asien durch die dort schnell steigende Binnennachfrage kompensiert wird. Übersehen wird, dass die Binnennachfrage nur dann steigen dürfte, wenn der immer noch maßgebliche Export gut läuft.
Aber bis sich nun erweist, ob und in wie weit Asien ebenfalls langsamer oder gar nicht wachsen würde, vergehen mindestens ein paar Monate. Dieses Argument steigender Ölpreise ist also nicht kurzfristig zu eliminieren. Aber:
„Worst Case“-Szenario aktuell eingepreist
Als Fazit bleibt, dass momentan alle denkbaren kurstreibenden Elemente zusammen wirken. Wenn alleine die kurz- bis mittelfristigen Argumente wieder aus den Schlagzeilen verschwinden sollte das eigentlich ausreichen, um die Ölpreise zumindest in einer ordentliche Korrektur zu zwingen.
Sie sehen im Chart die relevanten Niveaus: Als wichtigste Chartmarke ist kurzfristig die Zone aus den Hochs von 2006 bei 78 Dollar und aus der Aufwärtstrendlinie bei aktuell 74/75 Dollar zu sehen. Das wäre ein Bereich, den man bei einer Korrektur als erstes realistisches Kursziel annehmen kann. Und dort gilt es dann genau hinzusehen:
Sollten die Wetterprognosen friedlich ausfallen und sich im Irak kein neuer Ärger ergeben wäre es durchaus drin, dass wir diesen Aufwärtstrend brechen und wieder in den Bereich des längerfristigen Aufwärtstrends bei 56 Dollar zurücksetzen. Das klingt utopisch, wenn man durch die dauernd steigenden Preise langsam mürbe gemacht wurde, ich weiß. Aber:
In fast jedem Spätjahr ging es mit den Ölpreisen nach unten, der Chart zeigt Ihnen das ja. Und auch im Sommer letzten Jahres hätte wohl niemand zu hoffen gewagt, dass die Ölpreise noch mal auf knapp unter 50 Dollar fallen würden! Man sollte also die Hoffnung auf günstigere Ölpreise nicht fahren lassen ... zumal sie es dann wirklich wären, denn der in den letzten Monaten stark gefallene Dollar bedeutet ja, dass es mehr Dollar – und damit mehr Öl – für den Euro gibt als in 2006! Nur noch tiefer als auf dem Level 56 Euro ... das wird wohl langfristig ein unerfüllbarer Traum bleiben.
