Öl: Ausblick Nachfrage 2007
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 25. Januar 2007 12:00 Uhr
ENL5454
Gerade liegt eine Prognose über den Erdölverbrauch 2007 vor mir, von der IEA (International Energy Agency), die sozusagen die höchste Instanz bei solchen Prognosen ist.
Nachdem der Ölverbrauch 2006 weltweit um 1,1% zugenommen hat, prognostiziert die IEA nun für 2007 eine Zunahme um 1,7%.
Ein großes Fragezeichen setzt sie allerdings hinter die Größe des US-Wirtschaftswachstums 2007 – und klar, dass davon auch die Höhe des US-Erdölverbrauchs 2007 abhängen wird.
Doch wie verteilt sich eigentlich das Wachstum der Erdöl-Nachfrage? Also, bitte beachten: Das Wachstum der Nachfrage (mit anderen Worten: Wo kommt die Dynamik her?). Dazu eine schöne Grafik:
Quelle: IEA
Die Grafik zeigt, dass der größte Batzen zusätzliche Nachfrage 2007 aus Asien kommen wird (je größer die Fläche, desto größer die zusätzliche Nachfrage). Es sind also nicht die USA, welche für das Wachstum der Erdöl-Nachfrage am wichtigsten sind, sondern insbesondere China (welche Überraschung) und Indien.
Afrika ist eine fast vernachlässigbare Größe, wenn es um den weltweiten Erdöl-Verbrauch geht (auf der Angebotsseite spielt Afrika hingegen eine etwas wichtigere Rolle, Stichwort neu entdeckte Öl-Vorkommen in Ländern wie Angola). Und Europa ist global gesehen „neutral“, was die Steigerung der Nachfrage angeht. Denn die europäische Nachfrage nach Erdöl stagniert mehr oder weniger. (Sie geht sogar leicht zurück, da z.B. Länder wie Schweden gerade dabei sind, ihren Erdölverbrauch gegen Null zu drücken – klasse!).
In Südamerika steigt die Erdöl-Nachfrage seit Jahren um rund 100.000 Barrel pro Tag. Nicht viel, aber immerhin…und dieser Zuwachs ist relativ stetig. Ähnlich die Situation im Mittleren Osten, wo Jahr für Jahr eine zusätzliche Nachfrage von mindest. 300.000 Barrel pro Tag hinzukommt.
Die größte Volatilität (=Schwankungsbreite) bei der zusätzlichen Nachfrage weisen die USA vor. 2006 ging ihre Nachfrage um 64.000 Barrel pro Tag zurück…aber 2007 beträgt das prognostizierte Plus 322.000 Barrel.
Hier hat die IEA wie gesagt (bzw. geschrieben) ein Fragezeichen platziert. Aber selbst wenn es nun in den USA zu einem Wachstumseinbruch kommen sollte, und die zusätzliche Nachfrage nicht 322.000 Barrel pro Tag, sondern 0 Barrel pro Tag betragen sollte…
…dann würde das weltweite Plus immer noch bei gut 1% liegen, China, Lateinamerika und dem Mittleren Osten sei Dank. Und gerade Volkswirtschaften wie die chinesische haben gezeigt, dass sie durchaus auch während einer amerikanischen Rezession kräftig weiter wachsen können.
Halten wir fest: Die Nachfrage nach Öl steigt Jahr für Jahr. 2007 könnte sich das Wachstum der Nachfrage auf 1,7% beschleunigen. Es reicht also nicht aus, dass das Angebot nur konstant bleibt. Es müssen laufend neue Vorkommen erschlossen bzw. vorhandene ausgebaut werden.
Wann ist der Punkt erreicht, an dem die zusätzliche Nachfrage nicht mehr durch zusätzliches Angebot erreicht werden kann? Da gibt es Prognosen, welche Jahre zwischen jetzt und 2012 nennen. Eins dürfte aber klar sein: Der Ölpreis wird nicht erst dann steigen, wenn die Nachfrage nicht mehr befriedigt werden kann, sondern lange vorher. Auch das wird vorweggenommen werden, das ist nun einmal typisch für Börsen.
Doch was hilft uns das für eine kurzfristige Prognose des Ölpreises? Kurzfristig nichts. Die Tatsache, dass sich das Wachstum der Erdöl-Nachfrage in diesem Jahr aber deutlich beschleunigen wird (falls IEA Prognose Recht behält), bewerte ich aber auf jeden Fall schon einmal als „bullish“ für den Ölpreis in diesem Jahr. („In diesem Jahr“ bedeutet nicht „nächste Woche“, aber über den Handelstag hinausschauen kann ja nicht schaden).
Beste Grüße,
Michael Vaupel
