Nur eine Frage der Zeit
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 19. Juli 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Die Chinesen verwenden immer mehr Öl. Aber sie verwenden es in einer Wirtschaft, die zu einem Großteil ein Phantasiegebilde ist – man produziert Dinge für die Amerikaner, die kein Geld haben, diese Dinge zu bezahlen. Es ist nur eine Frage der Zeit (ich werde das so lange sagen, bis genau diese Zeit reif ist ... oder bis ich unter die Erde komme ... was auch immer zuerst eintritt) bis die Amerikaner nicht weiter kaufen. Kein Volk kann auf ewig Schulden machen – selbst dann nicht, wenn man selbst die Reservewährung hält. Der amerikanische Schuldenhunger steht in enger Zusammenarbeit mit den steigenden Immobilienpreisen. Irgendwann wird auch das ein Ende haben. Sobald es so weit ist, wird auch die Nachfrage nach Produkten aus China sinken und damit dann auch der Ölverbrauch in China.
Aber der Rückgang des amerikanischen Konsums wird auch noch andere Konsequenzen haben. In der starken Schuldenkultur der angelsächsischen Welt wird eine Kontraktion bei den Krediten – oder ein Rückgang der Verbraucherausgaben – verheerende Auswirkungen haben. Zu viele Menschen schulden zu viel Geld. Wenn sie nicht mehr zahlen können, ist das gesamte System von einem Zusammenbruch bedroht. Das ist natürlich das Letzte, was die Heuchler bei der Fed, beim Kongress oder in Bushs Regierung wollen. Der ehemalige Senator der Fed, Ben Bernanke, kündigte an, dass es weitreichender Mittel bedürfe, das zu verhindern – "wir verfügen über eine technische Errungenschaft, die sich Druckerpresse nennt". Sie können sich den Aufschrei vorstellen, der von den Hausbesitzern kommen wird, wenn sie anfangen, ihre Häuser zu verlieren. Sie können sich vorstellen, wie eifrig die öffentlichen Vertreter darum bemüht sein werden, die Wunder der Vergangenheit zu wiederholen – die Rettungsaktionen des LTMC-Hedgefonds ... die Erholung von dem Crash nach 1987 ... die Abwendung der Rezession in 2001. Um alle hat man sich auf die gleiche Weise gekümmert. Mit mehr verfügbarem Geld und Kredit.
Egal aus welcher Richtung ich mir die Sache ansehe, sie sieht immer gleich aus. Es ist das Bild, das ich seit dem Technologiecrash zwischen 1999 und 2002 beobachtet habe. Die amerikanische Wirtschaft versinkt immer tiefer im Elend – eine sanfter und langsamer
Konjunkturrückgang, à la Japan. Unsere wichtigsten Korporationen geraten ins Schlittern. Die Löhne gehen nirgendwo hin. Die Wachstumszahlen sind positiv, sie sind aber auch gefälscht, sie geben die Rate wieder, mit der sich die Amerikaner immer weiter durch übermäßigen Konsum ruinieren, aber nicht die Rate, mit der die Wirtschaft immer stärker und reicher wird.
"Es gibt gutes und schlechtes Wachstum", schreibt Stephen Roach, "Das erste wird durch Einkommenssteigerungen im Inneren und durch Rücklagen getragen. Das zweite wird von Vermögenswertblasen und Schulden angetrieben. Die Vereinigten Staaten befinden sich meiner Ansicht nach schon seit mindesten zehn Jahren in einer Phase des schlechten Wachstums, ganz besonders aber in den letzten fünf Jahren. Die auf Amerika ausgerichtete Weltwirtschaft, d.h. der gesamte Rest der Welt, ist ebenso allzu abhängig von schlechtem Wachstum als Lebensgrundlage für einen falschen Wohlstand.
Irgendwann, wenn auch nicht notwendigerweise sehr bald, wird dieses Bild einem anderen weichen – dann, wenn verzweifelte Vertreter des Staates die imperiale Währung zerstören werden, um die Verbraucherausgaben im Inland aufrecht zu halten. Dann werden Öl, Kupfer – und ganz besonders Gold – Flügel bekommen. Letzten Endes ist der Vorrat an Dollars unbegrenzt. Auf der anderen Seite werden die Ölvorräte jedoch mit jedem Tag kleiner.