Nun wird klarer, wie dieses Jahr weiter gehen kann ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 13. Mai 2005 18:00 Uhr
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Nach fünf Monaten Durststrecke habe ich endlich wieder mehr Klarheit gefunden. Sie wissen, dass ich mich um eine Prognose gedrückt habe. Sie wissen, dass ich mich nicht festlegen konnte, obwohl ich immer noch leicht bullish war. Mir fehlte einfach der Grund, der Anlass, warum der Markt nach der Wahlrallye weiter steigen sollte. Allerdings fehlten mir genauso die Gründe, warum er fallen sollte.
Im Rückblick war auch genau das, was der Markt (zumindest der Dax) umgesetzt hat: Orientierungslosigkeit. Nun ist wieder ein wenig Licht in das Dunkel gekommen. Das will ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten.
Doch zunächst ein Hinweis: Folgende Einschätzung steht unter der Prämisse, dass sich der US-Arbeitsmarkt weiter verbessert und dadurch der US-Konsum gestützt wird, das Außenhandelsbilanzdefizit nicht wieder steigt und der Dollar noch einige Zeit stark bleibt, zumindest das aktuelle Niveau hält! Dann erst fügt sich alles zusammen.
Wenn die Daten der letzten Woche jedoch nur Ausrutscher waren, dann muss neu überlegt werden.
Der Markt geht davon aus, dass nun, da die Wirtschaftsdaten sich verbessern, die Zinsen stärker angehoben werden. Das ist das, was die meisten Anleger in den letzten Monaten so gelernt haben. Steigende Zinsen = fallende Märkte. Gute Wirtschaftsdaten = steigende Zinsen.
Schlechte Wirtschaftsdaten = niedrige Zinsen. Die Masse liebt einfache Formeln, die Masse wird mit dieser Einschätzung falsch liegen. Auch das ist ein Puzzelteilchen in diesem Spiel.
Natürlich ist es komplexer:
Ein fallender Ölpreis wird sofort und dramatisch einen großen Teil des aktuellen Inflationsdruck vom Dollar nehmen. Ein fallender Ölpreis kann auch das Außenhandelsbilanzdefizit positiv beeinflussen.
Ein fallender Dollar wird zu fallenden Rohstoffpreisen führen. Sinkende Rohstoffkosten werden sich sofort positiv auf die Gewinnmargen der US-Firmen auswirken. Damit können die Gewinne der Unternehmen wieder zulegen. Auch ein sinkender Ölpreis wird die Energiekosten der US-Unternehmen schmälern und somit ebenfalls zu steigenden Gewinnmargen führen.
Steigende Gewinnmargen versetzten die Unternehmen wiederum in die Lage, mehr Arbeitnehmer einzustellen. Das stützt den Konsum und wird sich ebenfalls positiv auf die Gewinne auswirken.
Steigende Gewinne bei den US-Unternehmen führen dazu, dass Anleger darauf spekulieren werden, mit der Folge, dass die US-Kurse steigen.
Doch offenbar, und das zeigten die Kursabgaben gestern, sieht die Masse der Anleger diese Aspekte noch nicht. Sie denken: Der Wirtschaft geht es gut, also werden die Zinsen steigen, ergo werden die Märkte fallen. Sie haben verkauft, obwohl sogar der Ölpreis eingebrochen ist.
Doch selbst die Devisenhändler sind diesem Fehler unterlegen. Nach Aussagen von Händlern wurden gestern große Short-Positionen auf den Dollar geschlossen. Diejenigen, die das getan haben, gehen davon aus, dass steigende Zinsen den Dollar stützen.
Ich hatte immer ein Problem damit, dass so viele Anleger bearish auf den Dollar waren. Das konnte nicht gut gehen! Nun werden die Dollar-Bären weichgekocht, wurde ja auch Zeit. Langfristig wird der Dollar weiter abwerten, keine Frage – das muss und das wird er.
Ein starker Dollar bei sinkenden Rohstoffpreisen macht aus den Inflationssorgen schnell Schnee von gestern (natürlich etwas zeitversetzt). Das jedoch bedeutet, dass die Fed keine Eile mit weiteren Zinserhöhungen an den Tag legen muss.
Wenn die Wirtschaft jedoch wächst und die Fed die Zinsen NICHT aufgrund des Inflationsdrucks stärker erhöhen muss, dann braucht man nur noch 1 und 1 zusammenzählen und weiß was passiert: Rallye!
(Es kann natürlich sein, dass der Markt das zu schnell begreift und dann wieder Dollar shortet und damit auch die Rohstoffpreise nach oben drückt, aber lassen wir dieses Szenario mal außen vor.)
Das sind die Fundamentals hinter meiner neuen Prognose. Jetzt gilt es nur noch eine Frage zu klären: Wann wird diese Rallye starten? Nun, diese Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten, das Timing ist immer ein heikles Thema. Doch auch hier bleibe ich bei meiner alten Einstellung: Der Markt wird es uns zeigen. Vielleicht schon heute, vielleicht aber auch erst im Sommer. Eine solche Rallye wird in den USA bis zum Februar 2006 gehen und damit hat Old Greeny seinen glorreichen Ausstieg aus seinem Berufleben verwirklicht – auch das passt nun zusammen.
Im Dax kann die Rallye aufgrund der WM sogar noch bis April, Mai 2006 gehen. Dann werden wir neu analysieren müssen.
Der besondere Clou an dieser Prognose ist: Die Masse liegt falsch, das ist immer sehr gut!
Denken Sie, falls Sie skeptisch sind, in Ruhe über Folgendes nach: All die Sorgen: Inflation, hoher Ölpreis, schwaches Wirtschaftswachstum, sinkender Konsum, welche die US Märkte in den letzten 5 Monaten belastet haben, bröckeln gerade langsam weg.
Doch denken Sie daran, das alles gilt nur, wenn die letzen Zahlen zum Arbeitsmarkt, zum Außenhandelsbilanzdefizit und zum Konsumverhalten KEINE Eintagsfliegen waren!
Ich wünsche Ihnen ein frohes Pfingstfest!
Ihr
Jochen Steffens