Notenbank-Sitzung - für jeden Bären etwas
Axel Retz in DAX Daily
vom 09. August 2006 08:30 Uhr
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Der gestrige, wegen der US-Notenbanksitzung mit Unruhe und Spannung erwartete Handelstag an der Wall Street endete mit einem moderaten Minus aller US-Aktienindizes und einem leicht gestiegenen US-Dollar. Und dieser Ausgang war für die Marktteilnehmer reichlich unbefriedigend, zuvorderst aber für die Bullen. Was war geschehen?
Zunächst hatte die Fed bekannt gegeben, dass sie den Leitzins erstmals nach 17 Zinserhöhungen in Folge tatsächlich unverändert belassen würde. Dies führte zu einer kleinen, fünf Minuten andauernden Rallye, die sofort deutlich fallenden Kursen wich. So gab der Dow Jones alleine zwischen 20:22 und 20.28 Uhr über 100 Punkte ab. Das unter dem Strich stehende Minus verstärkt die eher bearishe Situation des Dow Jones unmittelbar unterhalb der wichtigen Widerstandszone 11.250/11.280. Aber wie sie dem Chart entnehmen können, ist trotz des jetzt klar vollzogenen Verkaufssignals der Stochastik noch nichts endgültig entschieden. Dafür ist das gestrige Minus zu klein und der Abstand zu den vorgenannten Widerständen zu gering. Es wird nun darauf ankommen, was die US-Investoren aus dem machen, was ihnen die US-Notenbank zum Nachdenken hinterlassen hatte.
Denn die abwärts gerichtete Reaktion am Vorabend war definitiv noch kein adjustieren von Positionen aufgrund neuer Rahmenbedingungen sondern schlicht ein Abverkauf im Vorfeld mit Blick auf die Zinspause aufgebauter Positionen. Auf dieses Ereignis hin wurden in den Tagen zuvor Longpositionen aufgebaut. Und nachdem wenige Minuten nach der Entscheidung erkennbar wurde, dass keine größeren Käufe folgen würden, wurden diese Positionen schnell wieder glattgestellt. Die klassische Verhaltensweise „buy the rumour, sell the fact“.
Dies dürfte auch der Grund gewesen sein, weshalb der Euro/Dollar-Kurs am späten Abend von der Widerstandsmarke um 1,12850/1,29 wieder unter 1,28 zurückfiel: Die Trader hatten auf eine Zinspause gesetzt. Die war nun gekommen, aber mehr auch nicht. Denn im Statement der Fed fehlte jeglicher Hinweis darauf, dass die Serie der Zinsanhebungen nunmehr zu Ende sei. Im Gegenteil, dieses Statement enthielt eigentlich überhaupt keine Hinweise!
Die Nuss, welche die US-Notenbank den Anlegern als Hausaufgabe zu knacken aufgab, war: Die Kommentierung der Zinsentscheidung hatte faktisch den selben Wortlaut wie vor sechs Wochen, als der Leitzins zum bislang letzten Mal angehoben wurde. Es war von Inflationsrisiken die Rede, von denen man erwarte, dass sie sich mit der Zeit moderieren würden und dem Warten auf neue Daten um zu prüfen, ob weitere Zinserhöhungen nötig werden könnten.
Das war bekannt. Demnach blieb also offen, warum die Fed die Zinsen diesmal nicht erhöht hatte, wenn doch die Gesamtlage unverändert schien. Und erst recht, ob doch noch weitere Zinsmaßnahmen folgen werden. Das gibt natürlich Anlass zu Spekulationen:
Es wäre natürlich möglich, dass die Federal Reserve einfach eine Pause einlegt um zu prüfen, wie weit sich die bisherigen Zinserhöhungen in den kommenden Monaten auf Konjunktur und Inflation auswirken werden. Sie wissen ja, dass die Veränderungen des Zinsniveaus sich erst mit vielen Monaten Verspätungen voll in der Wirtschaft niederschlagen. Aber irgendwie mag man das nicht so recht glauben. Warum dann erst jetzt und nicht vor drei Monaten?
Und so könnte nun ein neues Gespenst durch die Köpfe der Investoren spuken: Rezessionsgefahr! Die Fed könnte die Zinserhöhungen beendet haben weil sie fürchtet, dass die US-Konjunktur unweigerlich in Richtung Rezession abdriftet und aus der geplanten weichen Landung eine unsanfte Bauchlandung wird. Schon kam gestern abend in den US-Börsensendern die Frage nach dem Zeitpunkt der ersten Zinssenkung auf.
Eines können wir festhalten: Was sich die Notenbanker dabei wirklich gedacht haben, werden wir nicht erfahren. Klare Worte gehören nicht zur Politik einer jeden Notenbank, denn sie darf nie im Vorfeld als berechenbare Größe eingestuft werden ... das wäre der erste Schritt, nicht ernst genommen zu werden. Aber das eröffnet im Gegenzug nun einmal Raum für Spekulationen – und gerade in einem Umfeld unveränderten Preisdrucks bei zugleich abkühlender Wirtschaft ist jedes negative Szenario denkbar. Bis zum Beweis des Gegenteils.
Und so wird es, wie könnte es auch anders sein, beim alten Rhythmus der Börsen bleiben: Jede auch nur halbwegs wichtige Konjunkturzahl wird im Vorfeld nervös diskutiert. Rezession? Stagflation? Deflation? Jede Form der –flation wäre in den kommenden Monaten theoretisch möglich.
Für die Bullen ist der gestrige Abend zunächst daneben gegangen. Ob sich die abwärts gerichtete Reaktion der Wall Street aber über den Abend hinaus fortsetzen wird, wird sich erst heute und morgen erweisen. Es kommt sehr darauf an, wie die US-Investoren dieses nichtssagende Fed-Statement verdaut haben. Aber die Bären haben in jedem Fall Punkte gemacht. Denn egal, wie man es dreht und wendet, es fällt schwer, aus dieser Situation Aspekte herauszufiltern, die für deutlich steigende Aktienkurse sprechen würden.
