Noch mehr Regeln
Von Georg Pröbstl in Investoren Wissen
vom 19. Mai 2005 16:00 Uhr
ENL5454
"Dazu darf ich nichts sagen ...", "Ich kenne die gesetzlichen Bestimmungen nicht genau und erzähle lieber nichts ...", "Tut mir leid, Auskunft geben ist verboten ..." Diese Antworten höre ich bei meiner Arbeit als Finanzjournalist seit Ende letzten Jahres jeden Tag.
Ich kann Ihnen ein Lied von den direkten Auswirkungen des Anlegerschutzverbesserungsgesetzes singen. Das Gesetz gibt es seit Oktober 2004. Seither dürfen Vorstände ohne vorherige Ad-hoc-Meldung zu Journalisten im Prinzip fast nur noch "Guten Morgen" sagen, wenn sie straffrei bleiben wollen. Außer Verunsicherung der Manager und einem dünneren Informationsfluss gegenüber der Presse – und damit auch gegenüber Ihnen als Anleger – bringt das neue Gesetz nicht viel.
Das Anlegerschutzverbesserungsgesetz ist aber nicht die einzige Neuerung. Tatsächlich ist noch viel mehr los am Finanzplatz Deutschland. Die Regelungsdichte wächst, der Schnüffelstaat ist überall präsent: Wie Sie wissen gibt es seit 1. April kein Bankgeheimnis mehr. Und auch für die weitere Zukunft hat die Bundesregierung schon einige Überraschungen im Zylinder.
Hedgefonds sollen europaweit stärker überwacht, die Eigentumsrechte der Aktionäre eingeschränkt werden. Sie als Aktionäre sollen dann beispielsweise erst nach einer bestimmten Haltefrist einer Aktie Ihr Stimmrecht auf der Hauptversammlung ausüben dürfen.
Auch das Privatleben der Spitzemanager bleibt nicht mehr geheim. Geplant ist die detaillierte Veröffentlichung sämtlicher Bezüge der Vorstände von börsennotierten deutschen Unternehmen. Die Umsetzung ist nur noch eine Frage der Zeit. Sie als Anleger, vor allem aber der Staat, erfahren dann ohne großen Aufwand, was Manager von ihren Unternehmen alles bekommen: Gehälter, Boni, Mitarbeiteroptionen, Dienstwägen, Dienstwohnungen ...
Wie schon beim Anlegerschutzverbesserungsgesetz bringt es mehr Ärger als Gutes. Wie bei der Abschaffung des Bankgeheimnisses am 1. April: Befragungen bei einzelnen Banken in grenznahen Gebieten zeigen: Teilweise heben bis zu 50 % der Kunden ihre Ersparnisse ab und bringen das Geld ins Ausland. Die Auswirkungen auf den Stellenmarkt in der Bankenbranche können Sie sich vorstellen.
Immerhin: Bei geplanten Entlassungen hat das Anlegerschutzverbesserungsgesetz den Vorständen keinen Maulkorb verpasst. Wenigstens Stellenabbau wird sofort in die Öffentlichkeit transportiert.
Das können Sie noch in diesem Jahr machen:
1) Kaufen Sie keine Hedgefonds. Etwa 70 % dieser Fonds werden in den USA gemanagt. Dort, aber auch hier zu Lande, tummeln sich im Fondsmanagement immer wieder wildgewordene Kleinbürger, Snobs und Yuppies, die weder soziale Marktwirtschaft noch Artikel 14 Grundgesetz, "Eigentum verpflichtet", kennen.
Das heißt: Um so mehr Geld diesen Fonds zufließt, um so dreister werden die Ideen des Managements: Raubtierkapitalismus pur. Erst die Kasse plündern, dann das Unternehmen filetieren, den Rest auf den Müll. Siehe Deutsche Börse.
Bei einem notwendigen Strukturwandel können sich die Betroffenen so nicht an die globalen Erfordernisse langsam akklimatisieren, sondern werden eher durch eine "Revolution" von oben herab ins eiskalte Wasser geworfen bzw. auf die Straße gesetzt.
2) Wem die Schnüffelei der deutschen Verwaltung zu weit geht, der muss nicht gleich in die Arktis auswandern. Österreich, die Schweiz, Luxemburg und Liechtenstein versenden keine Kontrollmitteilungen an den deutschen Fiskus. Dort ist vielmehr ab Juli eine Quellensteuer mit einem Steuersatz von vorerst 15 % fällig. Der deutsche Fiskus bekommt davon wiederum einen Anteil von 40 %. Bei Banken in Österreich beispielsweise bleibt die deutsche Kundschaft dem deutschen Verwaltungsapparat völlig unbekannt.
3) Wenn Sie ungefähr wissen wollen, was deutsche Vorstände verdienen, brauchen Sie nur im Anhang der Geschäftsberichte blättern. Dort finden Sie bei vielen Firmen Angaben über Aufwendungen für den Vorstand und Optionsprogramme für Mitarbeiter.