Noch mehr Liquidität?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 25. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Liquidität ist alles. Die US-Aktienkurse steigen unter anderem auch, weil viel billiges Geld vorhanden ist. Das Geld wird investiert, egal ob in Aktien, Anleihen, etc. Es verwundert also nicht, dass General Motors eine Anleihe in Höhe von 10 Mrd. Dollar unter die Leute bringen kann, ohne dass der Kurs von General Motors besonders darunter leidet. Es wird "gekauft" was nicht niet und nagelfest ist.
Mir fiel bereits in den letzten Wochen auf, dass der Markt nicht mehr "sauber" reagiert. Ich analysiere seit mehreren Jahren täglich Charts. Während ich das hier schreibe, tickern auf meinen Monitoren die Intraday-Charts der europäischen und amerikanischen Futures. Mit der Zeit hat man einfach ein Art "Gefühl" für Charts. Und dieses Gefühl signalisiert seit Wochen, dass etwas nicht stimmt.
Normalerweise reagieren die Charts hauptsächlich "psychologisch". Es gibt bestimmte Muster, die immer wieder auftauchen. Im Moment stimmen diese Muster nicht. Fehlsignale über Fehlsignale. Das hat neben der extremen Bullenquote auch den Grund, dass einfach zu viel Liquidität vorhanden ist. Sobald Verkaufssignale generiert werden, tauchen plötzlich wieder Käufe auf. Die niedrigen Zinsen und die hohe Liquidität erklären auch, warum Aktien und die Anleihenmärkte gleichzeitig steigen.
Die Fed hofft, dass steigende Aktienkurse und ausreichend Liquidität zu neuen Investitionen und zu einer Konjunkturerholung führen wird. Doch die US-Konjunkturdaten verbessern sich nur sehr mäßig. Viel zu langsam, um diese schnelle Rallye zu untermauern. Die Arbeitslosenzahlen bleiben hoch, die Verschuldung der Bevölkerung wächst. Der Konsum ist weiter gefährdet, etc.
Ich will noch einmal darauf hinweisen, dass die Aussicht den Job zu verlieren die Konsumfreundlichkeit der US-Verbraucher stark beeinflusst. Nicht umsonst sind beim Verbrauchervertrauen die Fragen: "Wie sehen Sie die aktuelle Arbeitsmarktsituation?" und "Wie schätzen sie die Arbeitsmarktsituation in der Zukunft ein?" zu einem Drittel Bestandteil des Index. Und genau aufgrund des Themas Arbeitslosigkeit sinkt auch das Verbrauchervertrauen. Würde man diesen Aspekt herausnehmen, sähen die Werte sicherlich wesentlich besser aus.
Noch etwas anderes zeichnet sich aktuell ab. Die Umsätze der Technologiefirmen sinken (AMD). Ich hatte bereits von der Technologiemüdigkeit gesprochen. Natürlich versuchen die Firmen die Ursachen mit SARS und ähnliches zu "verschleiern". Wobei ich nicht ausdrücken will, dass SARS keinen Einfluss gehabt hat. Es geht vielmehr darum, dass der Konsum in diesem Segment einfach nicht schnell genug ansteigen will. Um aber die aktuellen Kurse und das KGV zu rechtfertigen, müssten die Umsätze schon ziemlich heftig ansteigen. Aus diesen Gründen werden die Zahlen der nächsten Wochen wieder einmal sehr aufschlussreich.
Bisher sind die Gewinne der Firmen, die die Anleger erfreuten, auf Kostensenkungen zurückzuführen. Sollten also die Umsätze weiterhin nicht deutlich ansteigen, dann kann die Konjunkturerholung schneller einbrechen, als erwartet wird. Denn dann werden weitere Kostensenkungen nötig. Daraus folgt direkt: Entlassungen. Seit 18 Wochen ist die Anzahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in Amerika über der kritischen Grenze von 400.000.
Um 14.30 Uhr wurde dann eine neue enttäuschende Zahl veröffentlicht. Die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter für Mai 2003 sind erneut zurückgegangen, um 0,3 %. Das ist der zweite Rückgang in Folge, nach 2,4 % zuvor. Analysten hatten mit einem Anstieg um 1,0 % gerechnet.
Ohne "Transport" sind die Aufträge um 0,2 % gestiegen. Auch hier wurden +1,0 % erwartet. Wenig erfreuliche Nachrichten.
Erfreulicher sind da schon die Zahlen vom Immobilienmarkt: Die Zahl der Verkäufe bestehender Häuser liegt bei 5,92 Mio. Erwartet wurden 5,90 Mio. Hausverkäufe nach zuvor 5,85 Mio. (revidiert von 5,84 Mio.). Die Zahl der Verkäufe neuer Häuser liegt bei 1,157 Mio. Erwartet wurden 1,000 bis 1,040 Mio. Hausverkäufe nach zuvor 1,028 Mio. Die Spekulationsblase geht also weiter. Noch immer keine Anzeichen von Schwäche. Warum sollte man auch bei den extrem niedrigen Zinsen nicht Häuser kaufen?
Ich habe mir heute die Charts der amerikanischen Indizes noch einmal genauer angesehen. Ich kann verstehen, warum einige amerikanischen Anleger so bullish eingestellt sind. Aber ich befürchte, dass sich die diversen Kursziele nicht erfüllen. Eigentlich befindet sich der Dow in einer großen Seitwärtsbewegung. Auch wenn er gerade über die obere Begrenzung lugt. Ich befürchte, es ist ein false break. Aber ich warte erst mal das Ende dieses Quartal und den weiteren Verlauf ab. Dann schaue ich weiter, ob ich long oder short gehe.
Gold ist bei 350 Dollar leider (im Gewinn) ausgestoppt worden. Das ist deswegen bedauerlich, weil es VOR der Zinsentscheidung geschehen ist. Aber Stopp ist Stopp. Zudem hat sich der Goldchart wesentlich verschlechtert. Die erhoffte Flagge wurde nach unten aufgelöst. Gold wird weiter beobachtet.
Witzig sind die vielen Prognosen, die ich in den letzten Tagen gelesen habe. Die verschiedenen Meinungen, was denn passieren wird, wenn die Fed die Zinsen senkt, deutlich senkt oder gar nicht senkt. Diese doch sehr verschiedenen Interpretationen zeigen überdeutlich, dass auch hier hohe Uneinigkeit herrscht.
Wie viele andere Anleger stehe ich da lieber an der Seitenlinie und schaue interessiert zu. Sollten die Aktien (entgegen meiner Ansicht)auch nach dieser Konsolidierung und über das Halbjahresende weiter ansteigen, dann ist noch viel Platz nach oben. Zeit genug einzusteigen.