Niedrige Umsätze in den USA sind tendenziell bullish
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 20. März 2006 18:00 Uhr
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Das sah doch ganz gut aus, am Freitag. Nun ist auch der S&P über die 1300 Punkte Marke ausgebrochen. Zwar noch nicht nachhaltig, aber okay. So klamm und heimlich brechen die US-Indizes nach oben aus, und keiner merkt es. Seltsam ist derweil die Stimmung hier unter meinen Traderkollegen. Skepsis macht sich breit, selbst unter einigen meiner bullishten Kollegen.
Was macht denn den Markt aktuell eigentlich so schwierig? Nur weil der Dax eine Konsolidierung hingelegt hat? Warum sind eigentlich fast alle Anleger/Kommentatoren derart skeptisch bezüglich der US-Indizes? Die Charts geben das nicht her. Nur der Nasdaq100, der hängt etwas hinterher. Das bedeutet, das spekulative Geld positioniert sich noch nicht. Das kann man auf zweierlei Art und Weise interpretieren:
Bärenargumente
Auf der einen Seite, werden sich insbesondere die Bären überlegen, ist das ein Zeichen für die Suche nach Sicherheit. Der Dow Jones hat sich in den Jahren nach dem Crash am besten erholt. Er steht wieder knapp unter seinem Allzeithoch. Wenn man schlimme Zeiten erwartet, aber auch nicht völlig aus dem Markt gehen will, sucht man sich sichere Aktien.
Das waren hier im Dax zum Beispiel die Versorger, E.ON und RWE in den Jahren nach dem Crash. In den USA ist das offensichtlich der Dow, wie gesagt, schließlich hat er sich auf lange Sicht von allen Indizes am besten gehalten. Die Bären interpretieren also das gute Abschneiden des Dow bei vergleichsweise schwachem Nasdaq als ein Zeichen dafür, dass das große Geld in die Sicherheit flieht. Das wäre bearish.
Bullenargumente
Der bullishe, antizyklisch denkende Investor hingegen, sieht in genau dieser Suche nach Sicherheit ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Stimmung in den USA bei weitem nicht so bullish ist, wie Bill Bonner und Co uns so gerne glaubhaft machen wollen. Dazu passt auch, dass der "US-Börsenbriefindikator" in den USA so bearish ist, wie seit April 2003 (!) nicht mehr. Das bedeutet, die Zahl der bearish gestimmten Newsletter in den USA im Vergleich zu den bullish gestimmten ist so hoch, wie seit dem Irakkrieg 2003. Damals startete eine unglaubliche Rally. Danach war dieser Index nur noch im August 2004 so bearish und markierte damit wiederum ein markantes Tief der US-Indizes. Sie sehen, die Masse liegt wie immer falsch und das gilt auch für die Börsenbriefschreiber.
Ich frage mich nur, wieso Bill Bonner schreibt, dass die Stimmung in den USA so bullish sei, wenn doch die Fakten eindeutig dagegen sprechen. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass aus seiner Sicht wahrscheinlich die meisten anderen Börsenteilnehmer noch "vergleichsweise" bullish sind. Wer weiß.
Ein weiteres Börsenmärchen enttarnt
Die wirklich großen Rallys fangen im Allgemeinen unter großen Zweifeln, zähem Ansteigen, unterbrochen von stärkeren Einbrüchen, an. Keiner traut keinem und alle sind davon überzeugt, dass alles bald ein Ende findet.
Das Gerücht, große Aufwärtstrends würden unter großem Volumen entstehen ist eins dieser seltsamen Börsenmärchen, das sich halten kann, obwohl es so leicht zu widerlegen ist. Man muss es einfach mal anhand einiger großer Trends überprüfen. Es kann in einem Tief zu einer Verkaufspanik unter hohen Umsätzen kommen, das stimmt. Aber der Beginn des darauffolgenden Trends wird dann unter geringen bis fallenden Umsätzen starten. Das darf man nicht verwechseln. Häufig ist sogar ganz am Anfang ein kleiner massiver Einbruch in den Umsätzen zu erkennen.
Wie immer, wird besonders im Internet vieles übernommen, einfach als wahr angesehen und nur die wenigsten machen sich die Mühe, die Aussagen, die sie dann vollmundig in die Welt hinausbrüllen, an der Realität zu überprüfen. Obwohl ich dieses Argument auch schon in Charttechnik-Büchern gelesen habe.
Nehmen Sie zum Beispiel den Dax-Trend
Schauen Sie sich zum Beispiel den Dax Aufwärtstrend seit 2003 an. Sie erkennen einen deutliche Umsatzeinbruch zu Beginn des Trends, dann im Prinzip sogar leicht fallende bis stagnierende Umsätze. Es folgt eine gleichbleibende Umsatzentwicklung bis Oktober 2003. Hier ziehen die Umsätze an und deuten damit an, dass eine Konsolidierung folgen muss, die dann auch 2004 kommt. Etwas ähnliches passiert August 2004. Nach einem Einbruch in den Umsätzen kommt es wieder zu einer gleichbleibenden Umsatzentwicklung, die erst April 2005 in eine Aufwärtsbewegung übergeht. In diesem August war, wie oben erwähnt, der US-Börsenbriefindikator auch so niedrig wie aktuell.
Wenn Sie sich den großen Trend ansehen, dann ist im Prinzip von März 2003 – April 2005 ein ungefähr gleichbleibender Umsatz zu erkennen, der nun seit Monaten deutlich zulegt.
Das ähnelt dem Dow
Etwas ähnliches erleben wir im Moment im Dow. Die Aufwärtsbewegung seit Mitte Januar, die schließlich zu dem Bruch der 11.000er Marke geführt hatte, geschah unter fallenden Umsätzen! Natürlich ist es logisch, dass Trends starten, wenn die Zweifel groß sind und kaum jemand bullish investiert ist. Damit ist es auch genauso logisch, dass die Umsätze am Anfang gering sein müssen. Eine Trendbestätigung sind dann auch nicht ansteigende Umsätze, sondern gleichbleibende Umsätze. Wenn die Umsätze ansteigen, befindet man sich bereits in einem reiferen Stadium einer Rally, siehe den aktuellen Dax. Die niedrigen Umsätze sprechen zudem nicht dafür, dass große institutionelle Adressen aussteigen.
Für sich genommen sind allerdings fallende Umsätze bei steigenden Kursen nicht ein hinreichendes Kriterium für eine Rally. Da müssen schon andere Aspekte hinzukommen. Aus diesem Grund warte ich noch darauf, dass der Nasdaq100 endlich nachhaltig die 1300/1310 Marke nach oben auflöst.
Leider widersprechen sich die Signale der Amis und der europäischen Indizes
Das macht es mir auch so schwer. Bei den Amis sehe ich überwiegend eher bullishe Signale, im Dax sehe ich, wie Sie wissen, deutliche Signale, dass eine größere Konsolidierung ansteht. Leider passt das eigentlich nicht zusammen, weswegen ich davon ausgehe, dass die Amis dieses Jahr wesentlich stärker als der Dax laufen werden. Mir ist es allerdings grundsätzlich lieber, wenn ich eine Übereinstimmung in den USA und in Europa erkenne. Vielleicht gibt es also auch noch eine andere Möglichkeit wie sich das auflösen wird.
Denn egal wie sicher auch alle Hinweise und Indikatoren und Stimmungen auf ein bestimmtes Ereignis hinweisen mögen, an den Börsen kann immer alles passieren auch das Gegenteil! Deswegen muss man immer die Augen aufhalten.
Im Moment ist folgendes wichtig:
Der Tag und die Woche nach dem Verfallstag (letzten Freitag) ist übrigens häufig ein Hinweis, wie es mit den Märkten weiter geht. Noch traut sich der Dax nicht an die 6000er Marke ran, die Amis sind im Moment auch sehr schwach – das wäre kein gutes Zeichen.
Doch die Ursache hierfür liegt vielmehr in einer Rede des neuen Notenbankchefs Ben Bernanke, die heute stattfinden wird. Im Vorfeld will sich kaum jemand größer positionieren. Also muss man abwarten, wie diese Rede vom Markt aufgefasst wird.