New Orleans oder die Frage nach dem Sinn

in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
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von Bill Bonner

„Ergibt das irgendeinen Sinn?“

Mein Reiseführer in New Orleans unterbrach seine Abhandlung so oft mit dieser Frage, dass ich schon anfing zu glauben, dass es keinen Sinn ergab.


„New Orleans unterscheidet sich von jeder anderen Stadt in Amerika“, fing er an, „Während die Engländer ihre Kolonien entlang der Ostküste errichteten, bauten die Franzosen eine Modellstadt gleich hier unten. Sie pickten sich das beste Stück Land heraus, genau hier, im French Quarter, und bauten die Stadt. Und sie warnten, dass jeder, der jemals hinter der Rampart Street baut, die die Begrenzung des Viertels bildete, es bereuen würde. Und was haben wir getan? Wir haben noch weit hinter der Rampart Street gebaut. Wir haben einfach dort gebaut, wo die französischen Landvermesser sagten, man solle besser nicht dort bauen. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Betrachten Sie diese Gebäude. Wissen Sie, ich mag Architektur, also sehe ich mir solche Dinge ganz genau an. Zuerst einmal sind hier im Viertel die Häuser sehr dicht beieinander gebaut. Ohne Vorgärten und auf sehr kleinen Grundstücken. Warum haben sie das gemacht? Weil es nicht ausreichend gutes Land gab, auf dem man hätte bauen können. Und sehen Sie sich das an ... die Häuser haben sehr hohe Decken. Warum? Weil es sehr heiß und feucht hier unten war und weil die hohen Decken die heiße Luft nach oben steigen ließen. Und jetzt sehen Sie sich die Fenster dieser alten Gebäuden an. Sie gehen fast immer bis unter die Decke. Sie sind vertikal und nicht horizontal eingebaut. Warum das? Weil so die Luft besser zirkulieren kann.“

„Doch wenn wir das French Quarter verlassen, dann sehen wir, wie die Amerikaner ihre Häuser bauen. Sie werden sehen, dass sie nicht nur auf dem niedriger gelegenen Land gebaut haben, sondern auch mit niedrigen Decken und niedrigen Fenstern. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Wir werden jetzt über die Brücke fahren und uns den berühmten 9th Ward ansehen. Sie können zu Ihrer Linken sehen, an welcher Stelle die Deiche nachgegeben haben. Augenzeugen berichten, dass eine Wand aus Wasser an dieser Stelle den Fluss herab kam. Jetzt sehen Sie sich an, was passiert ist. In der Nähe der Stelle, an der der Deich brach, wurden die Häuser quasi von der Landkarte gewischt. Sehen Sie die leeren Grundstücke? Und Wände wurden umgerissen ... die Kraft des Wassers war so stark, dass sie die Häuser umriss und Schulbusse davontrug. Wissen Sie, heute findet man im Golf von Mexiko Schulbusse.“

„Und sehen Sie sich die Seiten der Häuser an, die noch stehen. Man kann sehen wie hoch das Wasser gestiegen ist – zwischen 1,5 und 3 Metern. Sehen Sie wie gelb diese Flecken sind? Das Wasser war mit allen möglichen Dingen kontaminiert. Und sehen Sie sich die Seitenwände der Häuser an. Sehen Sie, dass sie alle mit einer Reihe von Buchstaben und Zahlen markiert sind, die den Rettern sagen sollten, was in den Häusern vor sich ging, ob es dort irgendwelche Leichen gab ... Überlebende oder Tote ... Haustiere, und ob man etwas für sie tun konnte. ‚F&W’ steht vermutlich für Food and Water (Lebensmittel und Wasser). Bedenkt man alle Opfer, dann liegt die Anzahl der Toten vermutlich bei ungefähr 3.000 Menschen.“

„Diese gesamte Gegend ist heute eine Geisterstadt. Die Häuser wurden abgerissen oder entkernt. Und das hier ist das Haus von Fat Domino. Wir dachten schon, er gehörte zu den Opfern. Aber er blieb in dem Haus und überlebte. Wenige Leute sind zurückgekehrt und leben heute in Wohnwagen. Aber diese Leute sind arm; sie haben nicht das Geld, ihre Häuser wieder aufzubauen. Und vermutlich würden sie das auch gar nicht wollen ... denn wer will in einer Gegend Geld investieren, in der es so scheint, als wäre sie für immer verlassen? Man könnte eine Menge Geld in diese Gegend stecken, und sie wäre immer noch wertlos. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Und wenn man alles wieder aufbauen wollte, dann stünde einem eine harte Zeit mit dem Elektriker und dem Klempner bevor – sie haben alle sehr viel zu tun. Und dann bezahlt man ein Vermögen für die Flutversicherung. Denn wer will schon eine Flutversicherung an Leute ausstellen, die unterhalb des Meeresspiegels leben? Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Diese nächste Gegend gehört eher der Mittelschicht“, fuhr der Stadtführer fort. „Diese Leute stammen überwiegend aus Sizilien. Sie geben nicht auf. Man kann sehen, dass sie hier schon wieder aufbauen. Es gibt hier einen Typen, der hat sein Haus beim Aufbau aufgeständert. Das ist ein echt schlauer Typ. Doch die meisten Leute gießen wieder einfach nur Betonfundamente und bauen genauso wie zuvor. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Sie bekommen Hilfe von der Regierung. Aber ich muss Ihnen sagen, die Regierung hat hier vollständig versagt. Alles was sie tut, ist, dumme, hässliche Wohnwagen in die Landschaft zu stellen ... hier nennt man sie die FEMA-Wohnwagen. Sie kosten die Regierung je 60.000 Dollar, und das obwohl man genau das gleiche Modell für 17.000 Dollar am freien Markt kaufen kann. Sie sollen nur vorübergehend hier stehen, aber ich weiß, dass sie auf ewig bleiben werden. Und sehen Sie sich einmal die Dächer von einigen dieser Häuser an. Sehen Sie das blaue Plastik, das so viele Dächer bedeckt? Es stammt auch von der Regierung. Es kostet die Regierung ungefähr 1.000 Dollar, das auf das Dach zu bringen ... doch man muss es alle drei Monate auswechseln. Und man kann in den Heimwerkerladen gehen und das gleiche Zeug für 200 Dollar kaufen. Ich kann Ihnen sagen, sie haben Milliarden ausgegeben, aber den Bewohnern von New Orleans hat es nicht viel gebracht. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Gleichzeitig reist der Bürgermeister nach Houston und nach Baton Rouge und versucht die Leute zu überzeugen, wieder in die Stadt zu kommen. Er will, dass die armen Schwarzen zurückkommen – denn sie sind die Leute, die ihn wählen. New Orleans war einst eine überwiegend schwarze Stadt... doch seit so viele von ihnen die Stadt verlassen haben und nicht wieder zurückgekehrt sind, ist es heute eine weiße Stadt. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

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Bill Bonner
Bill Bonner

Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.


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