Neulich, im Internet-Cafe
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 28. Januar 2008 12:00 Uhr
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Auf Reisen verbringt ein Trader's Daily-Redakteur naturgemaess einen Teil seiner Zeit im Internet-Cafe oder in Zonen, in denen ein drahtloser Internet-Zugang besteht. So sass auch ich vor ein paar Tagen, genauer gesagt Anfang letzter Woche, in einem thailaendischen Internet-Cafe.
Neben mir bemerkte ich einen "Farang" (thailaendisch fuer "westlicher Auslaender"), welcher seinen Laptop hochfuhr und Bloomberg sowie ein Trading-Programm aufrief.
Als ich neben mir Stoehnen, an-die-Stirn-schlagen und aehnliche Geraeusche hoerte, sprach ich ihn an. Ein sympathischer Mittdreissiger mit Sonnenbrand in Form einer Qualle auf dem Arm klagte mir sein Leid:
Er sei seit 10 Jahren hauptberuflich (Day-)Trader, sei diesmal nach Thailand gefahren, ohne seine Positionen vorher zu schliessen. So etwas mache er sonst nie etc. pp., aber diesmal eben schon.
Da waren die Boersen weltweit gerade eingebrochen, und er starrte auf die tiefroten Kursveraenderungen seiner Positionen.
Da er wirklich getroffen war, wollte ich ihn aufmuntern und kommentierte einige Aktienpositionen, welche einen fundamental guten Eindruck machten. Ach, ob ich mich auch mit Boerse auskennen wuerde?
Ich teilte ihm mit, dass ich eher auf Rohstoff-Zertifikate als auf Aktien setzen wuerde, und die Rohstoffe hielten sich ganz gut, an diesem Tag seien sie teilweise sogar spuerbar gestiegen (wie Platin, Zucker).
Ach, da koenne ich ja gluecklich sein, meinte er. Er hingegen habe nun wirkliche Probleme: Denn mit Aussitzen sei nichts, er wuerde auf Kredit spekulieren. Und auch mit dem Geld einiger Bekannter, wenn ich das richtig verstanden habe.
Eine Zwangsschliessung seiner Positionen durch die Depotbank drohte seiner Aussage zufolge. Er sei ruiniert, der Verlust liege im 6 bis 7stelligen Bereich (was mir aber doch uebertrieben vorkam).
Nun, der Aermste sah wirklich wie ein Haeufchen Elend aus, liess sich kaum beruhigen. Ich riet ihm, die Positionen, welche noch am besten aussahen, zu schliessen und vielleicht von anderer Stelle noch ein bisschen Liquiditaet zu mobilisieren. Damit, als erstes Ziel, erst einmal eine Zwangsschliessung seiner Positionen durch die Bank unterbleiben wuerde. Dann koennte er zur Not bei den fundamental guten Positionen auf "Aussitzen" setzen.
Doch mein Gespraechspartner war seltsam apathisch. Er verblieb in Tatenlosigkeit, sass aber dennoch stundenlang vor dem Monitor und verfolgte einfach die Kursveraenderungen.
Als ich fertig war, meinte ich zu ihm, das bringe doch nichts. Da koenne er doch besser offline gehen, ich wuerde ihn gerne auf ein paar geistige Getraenke einladen. (Obwohl man, das ist eins der von mir erkannten Geheimnisse des Lebens, nur aus Freude trinken soll, nicht aus Kummer. Von dem, was man so hoert, ist in Russland oftmals Letzteres der Fall, was zu bekannten Problemen fuehrt.)
Doch entweder kannte dieser Trader auch dieses "Geheimnis des Lebens", oder er - wahrscheinlicher - war in diesen Momenten schlicht und einfach zu apathisch. Er blieb vor dem Monitor sitzen, lehnte ab.
Ich erkundigte mich am naechsten Morgen: Er soll noch bis 5 Uhr morgens vor dem Monitor gesessen haben und voellig fertig das Internet-Cafe verlassen haben.
Ich habe ihn danach nie wieder gesehen.
In der Hoffnung, dass es niemandem von Ihnen so ergangen ist, verbleibe ich
mit freundlichsten Gruessen
Ihr
Michael Vaupel