Neulich bei einer Geburtstagsparty ...
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 30. August 2004 12:00 Uhr
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Am Wochenende war ich auf der Geburtstagsfeier eines alten Freundes, Rutger. Wie jedes Jahr feierte er groß, das volle Programm. Und wie jedes Jahr nahm ich das gerne zum Anlass, eine Libation – ein Trankopfer – zu bringen.
Dort traf ich auch einen Zeitgenossen, mit dem Rutger und ich in die Schule gegangen waren. Einen Menschen der Art "große Klappe – nichts dahinter". Solche Menschen sind mir meist unangenehm. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch mindestens eine interessante und letztlich auch sympathische Seite hat. Manchmal braucht es allerdings etwas länger, bis man die gefunden hat.
Sobald er – seinen Namen möchte ich nicht nennen, um den "Unschuldigen" zu schützen – hörte, dass ich Finanzjournalist geworden bin, legte er los. Ah, natürlich kenne auch er sich sehr gut mit Optionsscheinen und Zertifikaten aus. So habe er gerade den Kursrückgang des Euro von 1,24 auf 1,20 voll ausgereizt, mit einem Turbo-Schein. Das hätte ihm schnelle 100 % Gewinn eingebracht.
Ich war beeindruckt. Hatte ich diesen Zeitgenossen falsch eingeschätzt? Oder handelte es sich um eine übertriebene oder erfundene Geschichte? Frei nach dem abgewandelten Bismarck-Zitat: "Es wird nie so viel gelogen, wie an der Börse, nach der Jagd und vor den Wahlen."
Ich hakte nach:
"Wie bist Du denn darauf gekommen, dass der Euro bei genau 1,24 fallen würde?"
Antwort:
"Ach, der Dollar ist gar nicht so schlecht, der wird doch nur klein geredet."
(Trotz steigendem Alkoholpegel musste ich sofort daran denken, dass der Dollar durch das riesige amerikanische Handelsbilanzdefizit –1,5 Milliarden Dollar PRO TAG – und das US-Haushaltsdefizit in etwa gleicher Höhe belastet wird. Was nicht schlimm wäre, wenn das durch amerikanische Ersparnisse finanziert werden könnte. Problem allerdings: Die Amerikaner sparen fast gar nichts, so dass die Finanzierung nahezu komplett vom Ausland abhängt. Was, wenn die Ausländer dazu nicht mehr bereit sind?)
Ich fragte weiter.
"Wie bist Du denn dann auf einen Turbo-Schein gekommen? Da musst Du doch mit der Knock-Out Barriere aufpassen ..."
Seine Antwort:
"Was, die können verfallen? Ach, ich habe doch eh mit Gewinn verkauft."
Autsch.
"Machst Du öfter solche Trades?"
"Ich habe mir überlegt, jetzt einen Sparplan für Optionsscheine oder Turbo-Scheine anzulegen. Dann kauft man immer mehr, wenn die günstiger sind."
Nochmal autsch. Gerade bei Optionsscheinen – die unter kontinuierlichem Zeitwertverlust leiden – ist ein langfristiger Sparplan völlig ungeeignet.
Ich beschloss, das Gesprächsthema besser auf die gemeinsame Schulzeit zu lenken. (Vorher empfahl ich ihm noch, sich den "Trader's Daily" einmal anzusehen.)
Und die Moral von der Geschicht? Kaufen Sie
a) niemals Scheine, deren Konstruktionsweise Sie nicht verstehen
b) Optionsscheine nicht nach, nur weil diese "billiger" geworden sind. Ein niedrigerer Kurs bedeutet nicht gleichzeitig ein geringeres Risiko oder eine bessere Bewertung. Optionsscheine fallen wegen des kontinuierlichen Zeitwertverlustes auch dann, wenn sich der Kurs des Basiswertes überhaupt nicht verändert! (Profis sprechen hier vom "Theta", dem Zeitwertverlust).
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche!
Michael Vaupel
P.S.: Der Verlag hat mich gebeten, Sie darauf hinzuweisen:
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