Neues Allzeithoch im Dax und die Angst vor den Tausendern!
Jochen Steffens in Investors Daily zum Thema Dax 30
vom 13. Juli 2007 18:00 Uhr
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Das war ja eine beeindruckende Short-Squeeze gestern bei den Amis. Nach „guten“ Nachrichten, steigen die Kurse. Hauptauslöser war wohl, dass sich bei der US- Handelsbilanz, die sich aus der Differenz zwischen Exporten und Importen zusammensetzt, die Exporte um 2,2% verbessert haben.
Steigende Exporte = solides Wachstum?
Das wurde als Hinweis für eine starke US-Wirtschaft gewertet. Viele Analysten gehen davon aus, dass die Konsumneigung in den USA gegen Ende des Jahres nachlassen wird (im Prinzip aus Geldmangel - wegen des Immobilienmarkts und der höheren Energiepreise). Also nehmen diese Analysten an, dass, wenn der Konsum zurückgeht, auch die Importe nachlassen werden. Wenn dann gleichzeitig die Exporte weiter steigen, wie es sich durch die gestrigen Zahlen andeutete, dann wird sich das Handelsbilanzdefizit weiter deutlich verbessern. Das wäre natürlich ein sehr gutes Zeichen.
Seltsam nur, dass die Devisentrader (die zu den bestinformiertesten gehören) das offenbar anders sehen, der Dollar fällt weiter zum Euro. Es könnte daran liegen, dass dieser These einige Annahmen zugrunde liegen, die alles andere als bestätigt sind:
1. Annahme: Der Ölpreis steigt NICHT weiter. Denn wenn der Ölpreis weiter steigt, wird auch der Wert der Importe ansteigen. Das Problem: Keiner weiß genau, wie sich die Hurrikansaison entwickeln wird. Doch auch generell weist der saisonale Verlauf des Öls darauf hin, dass sich ein Preishoch erst im Oktober ausgebildet wird. Und in diesem Jahr hat sich Öl bisher sauber an seinen typisch saisonalen Verlauf gehalten. Es gibt insoweit kein Grund zur Annahme, dass es in diesem Jahr nicht zu einem solchen Preishoch im Oktober kommen wird.
2. Annahme: Bei dem Anstieg des Exports handelt es sich nicht nur um eine Eintagsfliege, zum Beispiel, weil mal eben ein paar hundert Flugzeuge mehr verkauft wurden.
Der wirkliche Grund des Anstiegs
Ich glaube nicht, dass diese wirtschaftlichen Zahlen selbst diese gestrige Short-Squezze ausgelöst hat. Meines Erachtens hatte es mit einem Zusammentreffen mehrerer Phänomenen zu tun:
Wie ich in den letzten Tagen schon geschrieben hatte, waren nach dem überdurchschnittlichen Anstieg des Exportüberschuss in China und dem stark gestiegenen Ölpreis mit einem wesentlich schlechteren US-Handelsbilanzdefizit gerechnet worden. Darauf hatten viele getradet, indem sie Shortpositionen aufgebaut hatten. Insbesondere da sich große Topp-Formationen im S&P500 als auch im Dow Jones abgezeichnet hatten. Ich denke, viele Anleger hatten damit gerechnet, dass diese Topformation im Zuge eines schlechten Handelsbilanzdefizits in den USA nach unten aufgelöst und damit bestätigt würden.
Sie sehen hier im Chart die drei Hochs (Dow Jones = rote Linie / S&P500 = Kerzen) , die man als Tripple-Top interpretieren konnte. Doch schon vorgestern wollten die beiden Indizes nicht weiter fallen (grüner Pfeil). Diese positive Kerze vom Mittwoch hätte aber noch als eine Bearflag durchgehen können.
Überraschung trat eine Lawine los, erst langsam, dann immer schneller
Dann passierte folgendes: Das Handelsbilanzdefizit war deutlich besser als diese Anleger gedacht haben. Was tut man? Man geht aus den Shortpositionen raus. Das führte zu nach und nach steigenden Kursen. Der erfahrene Trader gibt so einer Position vielleicht auch noch etwas Luft, frei nach dem Motto: Die erste Reaktion nach der Veröffentlichung solcher Zahlen ist oft die falsche.
Als dann aber die Kurse doch weiter anstiegen, fürchteten immer mehr dieser „Shorties“ um ihr Geld. Sie mussten also die Short-Positionen wieder zurückkaufen, was den Kaufdruck auf die Indizes noch mehr erhöhte.
Wenn so eine Lawine erst einmal ins Rollen kommt, dann kann man sich nur noch in Deckung bringen. Viele werden gewartet haben, bis die leicht abwärtsgerichtete Abwärtstrendlinie (rot) gebrochen wurde und sind dann erst ausgestiegen. Als dann das letzte Hoch (blaue Linie) auch noch überwunden wurde, bekamen alle Shorties kalte Füße, denn das war ein starkes Kaufsignal. Wer will dann noch Short sein? So kam es zu diesem rasanten Anstieg in den Indizes.
Kaufsignale brachten zusätzliche Käufer in den Markt
Natürlich waren das auch Kaufsignale, und andere Trader und Spekulanten, die auf ein solches Signal gewartet hatten, sind noch aufgesprungen und haben den Kaufdruck bestätigt.
Die alles entscheidende Frage ist also, kommt es heute zu Anschlusskäufen, oder war es nur eine Short-Squeeze, die aufgrund eine Fehlpositionierung in den Indizes entstanden ist? Dazu gleich mehr.
Neues Allzeithoch im Dax!
Diese Short-Squeeze führte natürlich auch dazu, dass sich heute ein neues Allzeithoch im Dax gebildet hat und das am Freitag den 13. - ob das ein gutes Omen ist? Hier der Chart dazu:
Sie sehen, ganz kurz hat der Dax über diese Markte von 8136,16 Punkte geschaut ein neues Allzeithoch Hoch bei 8151, 57 gebildet.
Auch hier fragt sich: Kommt es zu Anschlusskäufen?
Denn wenn es ein nachhaltiger Ausbruch wird, dann wäre das ein eindeutiges und sehr starkes Bullensignal! Keine Frage, der Dax könnte dann noch locker 5, 10 oder mehr Prozente drauf legen.
In Erinnerung an 2000
Mir ist egal, ob es dazu kommt. Ich werde auf jeden Fall den heutigen Tag mit einem guten Essen und einem dem Anlass angemessenen Getränk feierlich begehen. Ich habe dazu extra eine Flasche „zurückgelegt“ - aus dem Châteauneuf-du-Pape, den ich vor zwei Jahren dort persönlich bei einer Weinverkostung bei mehreren Winzern entdeckt hatte. 2000er Jahrgang, einer der wirklich großen Jahrgänge – auch wenn es vielleicht noch etwas früh für den Wein ist - es passt einfach zu gut.
Aber fragen Sie sich mal, für wie bekloppt Sie jemanden Anfang 2003 erklärt hätten, der Ihnen allen Ernstes etwas von einem Dax auf einem neuen Allzeithoch 2007 gesagt hätte! Ich denke, aus damaliger Sicht ist das derart verrückt, dass man so ein Ereignis entsprechend feiern sollte. Denn was wäre die Börse, wenn sie nicht immer wieder die Masse der Börsianer auf so charmante Art und Weise vorführen würde.
Die Crux mit den psychologisch wichtigen Marken
Aus diesem Anlass möchte ich Ihnen, damit die Stimmung nicht zu euphorisch wird, ein interessantes Phänomen vorstellen. Offenbar hat der Dax seine erheblichen Schwierigkeiten mit großen Zahlen.
Sie sehen in dem Chart alle runden 1000er Marken ab 2000 Punkten eingezeichnet. Interessanterweise bildet sich immer nach einem kurzen Überwinden einer neuen Tausender-Marke eine längere Konsolidierung aus. Und das auch noch schön im Wechsel: Zunächst eine kleine, dann folgt bei der nächsten Marke eine große Konsolidierung, dann wieder eine kleine. Besonders schön ist dieses Phänomen bei der 6000er und 7000er Marke zu erkennen.
Die wichtige Frage ist nun, kommt es auch bei der 8000er, die ja in der Nähe des Allzeithochs bei der 8136er Marke liegt (das dürfte zu einer Verzerrung führen) ebenfalls zu einer solchen Korrektur? Vielleicht sogar zu einer stärkeren oder größeren? Denn diese wäre ja jetzt fällig, wenn auch der Wechsel zwischen großer und kleiner Konsolidierung weitergeht?
Der langsame Mensch und die Unfähigkeit sich an schnelle Veränderungen anzupassen
Die Regelmäßigkeit, in der an diesen eigentlich nur psychologisch relevanten Marken dieses Phänomen auftaucht, spricht dafür, dass es sich hierbei ebenfalls um ein psychologisches Phänomen handelt.
Es kann damit zusammenhängen, dass der Mensch einfach eine gewisse Zeit braucht, um sich an neue Niveaus zu gewöhnen. Das würde auch diesen Wechsel zwischen großer und kleiner Konsolidierung erklären. Wenn gerade eine große Konsolidierung hinter dem Anleger liegt, hatte er mehr Zeit sich an das neue Niveau zu gewöhnen. Der Anstieg ist entsprechend „langsam“ genug gewesen, es blieb also genug Zeit. Wenn lediglich eine kleine Konsolidierung hinter den Anlegern liegt, wird ihm etwas mehr bange an so einer Marke – zumal es dann 2000 Punkte ohne größere Korrektur angestiegen ist.
Das spräche dafür, dass wir noch einige Zeit, eventuell auch ein Jahr lang, an dieser Marke herumlaborieren und vielleicht tatsächlich erst Mitte 2008 diesen Bereich nachhaltig verlassen. Wobei ein starker Anstieg zuvor immer noch nicht ausgeschlossen ist – eben weil wir in einer Übertreibungsphase sind. Das würde aber das Phänomen nur um einige hundert Punkte nach oben verschieben.
Viele Grüße
Und: „Auf zu neuen Ufern im Dax!“
Ihr
Jochen Steffens


