Neue Regeln für den Ratingmarkt 3/3
Thomas Kallwaß in Devisen-Monitor zum Thema Ratingagenturen
vom 26. Januar 2012, 08:30 Uhr
ENL5454
Banken und Versicherungen vorzuschreiben, eigene Bonitätsbewertungen vorzunehmen, würde den Wettbewerb zugunsten der Großunternehmen verzerren. Die haben ohne eigene Abteilungen für das Risikocontrolling - zusätzliche Kosten würden nur in geringem Umfang entstehen. Anders sieht es bei kleineren Instituten aus, die den großen Aufwand nicht bezahlen können und sich daher der Ratings der etablierten Agenturen bedienen.
Müssten diese Institute künftig alle Risiken von vorn bis hinten selbst beurteilen, dürfte das eine neue Fusionswelle unter Banken und Versicherungen auslösen. Die Marktkonzentration wäre noch höher - und wir hätten noch mehr „Too big to Fail"-Unternehmen.
Richtlinien, die für alle gelten
Beide Vorschläge, eine EU-eigene Agentur oder unternehmenseigene Ratings bei jeder Bank und jeder Versicherung, würden zwar die Marktmacht der US-Ratingagenturen brechen, das eigentliche Problem bestünde aber fort.
Es fehlt an einheitlichen Richtlinien zur Beurteilung von Schuldnerbonitäten. Richtlinien, die für alle Ratingagenturen verpflichtend sind. Ähnlich den Spielregeln der WTO, die den internationalen Handel regeln, bedarf es einer supranationalen Organisation, die objektive Maßstäbe setzt und die für alle Marktteilnehmer gelten. Denkbar sind festgelegte Indikatoren, die die Grundlage der Ratings bilden. Sinken mehrere Indikatoren in einem bestimmten Zeitraum oder verschlechtert sich eine Kennzahl gleich um mehrere Stufen, könnte dies den Maßstab bilden, um eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit zu rechtfertigen.
Der Ausblick als Reputationsgeschäft
Das Verfahren wäre transparent und für die betroffenen Staaten nachvollziehbar. Zweifelsohne würde dies zu Einheitsratings führen, die unanfechtbar sind. Der Wettbewerb der Ratingagenturen bliebe auch erhalten - denn Länderratings werden derzeit ohnehin kostenlos erstellt.
Staaten folgen den Anforderungen der Ratingagenturen
Bisher schützt die Geheimhaltungspraxis der Verfahren die Ratingagenturen vor objektiver Kritik. Denn wer das Verfahren nicht kennt, kann nur Allgemeinplätze formulieren, während sich die Bonitätswächter hinter ihren Analysemodellen verschanzen und Objektivität versprechen. Die Marktstellung der Ratingagenturen, ob sie nun amerikanisch oder in Zukunft auch europäisch sind, ist so enorm, dass die Wirtschaftspolitik schwacher Staaten sich an den Anforderungen der Ratingagenturen orientiert. Sie richten ihre Entscheidung nach der Vermutung, was die Ratingagenturen veranlassen könnte von einer Herabstufung abzusehen.
Jetzt ist auch die Bonität der EFSF in Gefahr
Die jüngste Abwertungsrunde trifft auch das zentrale Euro-Instrument EFSF. Der Rettungsschirm mit dem komplizierten Namen „Europäische Finanzstabilisierungsfazilität" (EFSF) sollte klamme Eurostaaten mit frischem Kapital ausstatten und dafür am Finanzmarkt selbst Kredite aufnehmen. Der Gedanke, dass die gebündelte Kreditwürdigkeit der Eurostaaten günstige Gemeinschaftsschulden ermöglicht, könnte bald zur Makulatur werden. Denn mit Frankreich und Österreich verliert die EFSF gleich zwei Triple-A Staaten. Damit verschlechtert sich die Kreditwürdigkeit der EFSF und ist direkt vom Entzug der Bestnote bedroht. Spätestens wenn auch die EFSF das Top-Rating verliert, geht die Diskussion über eine europäische Ratingagentur in die nächste Runde.