Neue Freunde
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 12. Dezember 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Also in den letzten Tagen kam ich mir manchmal wie in einem Film vor. Was für interessante Menschen ich hier in Istanbul kennengelernt habe!
Und was für Gegensaetze es in Istanbul gibt. Die Einkaufsstrasse Isitklal inkl. historischer Strassenbahn...das historische Viertel mit Cafés um den Galata-Turm...Sultanahmet mit den historischen Moscheen und Kirchen...also meine Ablehnung eines EU-Beitritts der Türkei begann sich in Luft aufzulösen. Um mir aber ein vollstaendigeres Bild zu machen, ging ich auch in die vom Zentrum entfernteren und aermeren Stadtteile.
Am Rand von Schischli sah ich einen grossen Friedhof mit interessanten Skulpturen...und da morbide Dinge mich anziehen, sah ich mir das mal aus der Naehe an. Auf dem völlıg menschenleeren christlichen Teil des Friedhofs sprach ich den Friedhofswaerter an – der sich freute, dass überhaupt mal jemand vorbeikam. Als ich in der Friedhofskapelle eine Kerze anzündete, war er ganz begeistert – und sagte mir, dass er türkischer Katholik sei. Er zeigte mir ein Foto vom Papstbesuch; aus dem Land des „Papa“ komme ich ja, erwiderte ich. Da hatte ich einen neuen Freund gewonnen: Mitkommen, Tee trinken, essen, Familienfotos anschauen...die Herzlichkeit war überwaeltigend!
Dann ging ich weiter, in einen noch aermeren Stadtteil. Nach Fatih. Die türkische Familie, bei der ich wohne, hatte abgeraten, das sei kein schöner Stadtteil. Na, ebendrum wollte ich hin – mein Aufenthalt soll ja kein Schönwetter-Tourismus sein! In Fatih sah es dann in der Tat schlagartig anders aus. Die Frauen auf einmal meist schwarz verschleiert, auf einem Werbeplakat, auf dem eine Frau im T-Shirt zu sehen war (nein, sowas!), war jeder Fleck, auf dem Haut zu sehen war, mit Farbe übermalt (auch das Gesicht).
Na, auch hier versuchte ich jedenfalls, offen an die Sache ranzugehen. Als ich mich ein wenig verlaufen hatte, fragte ich deshalb einen freundlich aussehenden Menschen nach dem Weg...kam ins Gespraech...und er meinte, ich solle doch mit ins Café kommen, auf einen Tee. Machte ich natürlich, und auf einmal fand ich mich im tiefsten Fatıh in einem dieser kleinen Hinterhof-Cafés, in denen nur Maenner sitzen. Die Maenner freuten sich über die wenigen Worte Türkisch, die ich kann - offensichtlich war ich in diesem Café ein Exot. Ein aelterer Mann sprach zum Glück gut Englisch, und es stellte sich heraus, dass diese Maenner dem Sufı-Orden der Naqschbandi angehoeren.
Moslemische Sufis sind ja bekanntlich gute Menschen...und auch diese waren keine Ausnahme von der Regel. Ich war froh, mitten unter den Extremisten an diese Sufis geraten zu sein. Diese Tariqa („Tariqa“ bedeutet in etwa „Weg“, und es gibt mehrere Sufi-Tariqa, in etwa Sufi-Orden) stehen dem wahhabitischen Islam (und das sind die Extremisten) genauso ablehnend wie ich gegenüber, was mich sehr gefreut hat. Ich hörte insbesondere dem alten Mann aufmerksam zu...konnte auch ein wenig beitragen, wenn es zum Beispiel um die Bibel ging. Jesus wird von den Naqschabandi zu Recht als "Prophet der Liebe" hoch geschaetzt. (Die Evangelien hat Mohammed sehr gewürdigt, und einigen Quellen zufolge war er durchaus für eine „Super-Umma“, also eine Gemeinschaft der monotheistischen Religionen. Warum sollten gerade diese miteiander verfeindet sein?) Na, jedenfalls blieb ich ca. 2 Stunden, trank fleissig Tee („Çay“), diskutierte über „Gott und die Welt“ und hatte eine gute Zeit.
Die Zeit verging so schnell wie jetzt gerade, waehrend ich das schreibe...und damit muss ich abrupt zum Ende kommen, damit der heutige Trader’s Daily noch rechtzeitig verschickt werden kann.
Bis morgen!
Michael Vaupel