Nachdenken über Alan Greenspan, Teil 1
Bill Bonner in Investors Daily
vom 09. Juni 2005 18:00 Uhr
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Ich beschäftige mich heute wieder einmal mit Alan Greenspan. Der US-Konsument war – und ist immer noch – der "letzte Aufrechte" der US-Wirtschaft. Greenspan musste alles tun, um ihn aufrecht zu halten – selbst wenn er schon tot war. Greenspan ging es jetzt nicht mehr um reiche Investoren. Mit seiner Senkung der kurzfristigen Zinssätze um nicht weniger als 475 Basispunkte trieb er Millionen unschuldiger Konsumenten weiter in die Verschuldung hinein, indem er sie regelrecht dazu nötigte, sich neue Geländewagen zu kaufen und ihre Häuschen zu refinanzieren. Die Konsumenten taten sich mit der Aufnahme höherer Hypotheken und Darlehen zur Finanzierung der Autokäufe allerdings überhaupt keinen Gefallen. Einige merkten das sogar. Greenspan vermittelte inzwischen nicht mehr den Eindruck des großen Retters, sondern eher den des ehrgeizigen Schlitzohrs, das er tatsächlich ist.
Ende 2002 war die Anzahl der vorzeitigen Kündigungen von Hypothekendarlehen auf den höchsten Stand seit 30 Jahren angestiegen. Die Zahl der Firmenzusammenbrüche erreichte einen neuen Rekord. Und die Unternehmensgewinne fielen immer noch.
Und Alan Greenspan? Von der Komödie zur Tragödie ...? Von wahrer Poesie zum Knittelvers? Am 30. August 2002 – anlässlich eines Fed-Symposiums in Jackson Hole, Wyoming – erreichte Alan Greenspans Lebenswerk einen neuen Gipfel der Absurdität.
Sechs Jahre zuvor hatte er die Aktienmarkt-Investoren als "irrational und überschwänglich" bezeichnet. Jetzt gab er vor, nichts derartiges entdecken zu können, obwohl der Dow Jones 100 % höher stand als damals. Es schien, als wolle er sagen, dass er nicht einmal das Platzen einer Spekulationsblase unmittelbar vor seiner Nase noch wahrnehmen könnte. Da müsste er sich erst die blauen Flecken im Gesicht ansehen, bevor er bemerken würde, dass wirklich etwas passiert sei.
Selbst wenn er in der Lage gewesen wäre, die Spekulationsblase zu bemerken, wäre er nicht in der Lage gewesen, die Nadel zu finden, mit der er die Blase zum Platzen hätte bringen können, so verkündete er. Die Hundertschaften von Ökonomen der Fed waren machtlos "angesichts der Konfrontation mit Kräften, mit denen niemand je zuvor konfrontiert worden war ... mit Ausnahme der Erfahrungen, die Japan erst vor kurzem machen musste, gab es die Schlüssel zur richtigen geldpolitischen Haltung doch nur in Geschichtsbüchern und staubigen Archiven".
Das Time Magazin hatte ein "Triumvirat zur Rettung der Erde" erkoren – und von diesem Triumvirat war Greenspan als Einziger noch im Amt. Er war der Cäsar der Zentralbanken geworden. Wie lange noch? Die Fachgelehrten begannen, ihre goldenen Dolche zu wetzen. Von Paul Krugman in der New York Times bis hin zu Alan Abelson vom Barron's Magazin – die Attacken von den verschiedensten Seiten mehrten sich. Sie reichten von einfacher Kritik bereits bis zu offener Geringschätzung.
Dabei hatte der Meister der Nation doch nur genau das gegeben, was sie gewollt hatte.
Am 14. November 2000 war Bob Woodwards Hommage an Greenspan mit den Titel "Maestro" in die Buchläden gekommen. Greenspans Ruhm ist wahrscheinlich nie größer gewesen als an diesem Tag. An diesem Tag mussten für die Unze Gold – sozusagen als Kehrwert von Greenspans Ruhm – nur noch 264 Dollar pro Unze gezahlt werden. Wer hätte da gedacht, dass Gold am Beginn eines neuen Bullen-Marktes stand? Nachdem das Gold im Februar und April 2001 noch zweimal kurz unter die Marke des Dollar abgerutscht war, begann der Preis scharf anzuziehen.
Während Gold also in eine Bullen-Phase eingetreten war, ging es mit Greenspans Ruf bergab. Er hatte beim Aufblasen der Spekulationsblase am Aktienmarkt kräftig mitgepustet – und dann hatte er es nicht geschafft, sie zum Platzen zu bringen. Er hatte zu allem Übel sogar dann noch für zusätzlichen Luftdruck gesorgt, als die Blase schon dabei war, sich selbst aufzulösen. Wenige Tage nach seiner Ansprache in Wyoming stieg der Goldpreis bis auf 320 Dollar. Zum Jahresende 2002 kostete die Unze Gold bereits 330 Dollar.
Auf einem Photo, das im Sommer 2002 veröffentlicht wurde, sieht der Titan des Zentralbankings etwas müde aus. Eine Stunde mit seinen Seifenblasen in der Badewanne – das schien nicht mehr genug zu sein. Absurdität kostet eben Energie. Auf den Bildern sah man den Fed-Vorsitzenden mit dem Kinn auf den Arm gelehnt, so, als ob es ihm gar nicht gut ginge.