Na wer sagt es denn, also doch Inflationsängste ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 09. März 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Hola, nun steht es auch in der FTD, zwar als Zitat, aber immerhin: "Die Wochenlöhne in den USA sind kaum gestiegen", sagt Mattera. "Damit geht vom Arbeitsmarkt erst einmal keine signifikante Inflations- und Zinserhöhungsgefahr aus." (Wenigstens stand in der FTD schon nichts mehr von der US-Arbeitslosenrate).
Man beachte: Wochenlöhne (!) und die Wörter "kaum" und "signifikant". Natürlich ist es ein Hinweis auf Inflation, wenn die Löhne steigen, das ist logisch und korrekt. Aber der Umkehrschluss, den will ich einfach nicht einsehen. Denn wenn die Löhne nicht steigen, heißt das nicht, dass dies ein Anzeiger für "keine Inflation" darstellt, besonders angesichts der vielen überall sichtbaren Inflationsanzeichen in den USA.
Dax bricht ein!
Doch was red ich. Heute bricht auf einmal urplötzlich der Dax um fast 50 Punkte ein. Erste Reaktion meinerseits: Irgendwelche Konjunkturdaten verpasst?? Nein, kann nicht sein, falsche Uhrzeit. Zweite Reaktion: "Hey, du hast gar nicht als erstes "Anschlag" gedacht!" – die Wunden heilen.
Als ich dann etwas später folgende Erklärung für diesen Kursrutsch las, hätte ich beinahe meinen Kaffee gegen den Bildschirm geprustet.
So war zu lesen, dass Marktteilnehmer die Kursverluste der Renten-Futures (die dann zu den Kursverlusten bei den Indizes sorgten) auf die Sorge vor stärker als erwarteten Zinserhöhungen in den USA zurückführen (hört, hört, wo kommen diese Ängste plötzlich wieder her?). Ferner wurde mitgeteilt: Die Rohstoffpreise steigen weiter und auch der Ölpreis setzt seinen Höhenflug fort. In diesem (inflationären) Umfeld seien überraschende Zinsschritte nicht undenkbar, so ein Händler (Ha! Da ist er wieder, einer dieser ominösen "Händler", der bei der FTD wenigstens noch namentlich genannt wurde). Diese Sorge habe vor allem die US-Treasurys im frühen Geschäft deutlich belastet.
Na, also doch Inflationsängste – all das Gerede der letzen Tage in den Medien – enttarnt ...
Ich würde jetzt gerne etwas dazu sagen, ein wenig darauf rumreiten ... – aber ich halte mich vornehm zurück und genieße.
Beige Book sorgt für Nervosität
Wie ich sagte, das Beige Book wird heute veröffentlicht. Und da könnte unter Umständen deutlich werden, wie es wirklich um die Inflation in den USA bestellt ist. Im Vorfeld kommt es zu Verkäufen von Investoren, die nun doch Angst vor stärkeren Zinserhöhungen haben. Die Rentenfuture fallen, das wirkte sich auf den Dax auf. Da keiner wusste was los war, lieber mal raus aus dem Markt, und dies lies die Kurse derart stark purzeln.
Warum ist der Euro so stark gestiegen?
Ich hatte am Freitag prognostiziert, dass aufgrund der Arbeitsmarktdaten der Dollar stärker notieren sollte. Leider trat genau das Gegenteil ein – der Euro legte zu. Das hat auch einen Grund, den ich natürlich nicht "vorhersehen" konnte. Es geht um Spekulationen über Zinserhöhungen im Euroraum. Nout Wellink, Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank, zeigt sich besorgt über die hohe Liquidität in der Euro-Zone. Er sagte, dass der Moment kommen werde, in dem die EZB Schritte einleiten müsse. Was nur heißen kann: Die EU-Leitzinsen könnten angehoben werden.
Völlig logisch ist daraufhin das Verhalten des Marktes: Da die Wochenlöhne jedwede Inflationsangst aus dem Markt genommen hatten, bestand natürlich überhaupt keine Sorge, dass die US-Regierung ihre Zinspolitik ändern wird und die Zinsen stärker erhöht. Wenn nun die EZB einen Zinsschritt verbal ankündigt – logisch, das hat natürlich sofort große Konsequenzen ...
Wieder einmal befinden wir uns also im tiefsten Sumpf der Börse. Und Bill Bonner hat schon recht, keiner von uns ist davor gefeit, hier in völlig falschen Theorien und Ideen zu versumpfen. Das passiert mir, und das passiert auch dem nun nicht mehr ganz so unbekannten Händler.
Warum äußert sich ein Ratsmitglied auf diese Weise, obwohl er wissen muss, dass dadurch der Euro stark angetrieben wird? Hat die EZB ein Interesse daran, den Euro hochzureden? Was soll diese "verbale" Zinserhöhung? Reine Dummheit? Fahrlässigkeit? Sicher nicht. Doch welches Kalkül könnte dahinter stecken? Das waren die Fragen, die sich mir stellten. Heute wird es etwas deutlicher. Will die EZB einem zu sehr erstarkenden Dollar einfach ein wenig vorbeugen? Schließlich sind viele europäischen Firmen gegen einen schwachen Dollar agehedged (abgesichert) und da wäre ein zu schnell steigender Dollar fatal. Wie die EZB selber oft genug betont hat, es besteht ein großes Interesse an stabilen Wechselkursen.
Russland rüstet auf?
Etwas noch, was mir wirklich Sorgen macht und mir ein ziemliches Unwohlsein in der Magengegend bereitet:
Mehrfach hatte ich hier schon erwähnt, dass ich Russland nicht einzuschätzen weiß. Nun hört man, dass Russland sich aus dem INF Abkommen, einem Abrüstungsvertrag, zurückziehen will. Dieser Vertrag untersagt den USA und Russland bestimmte Waffentypen. Darunter landgestützte nukleare und konventionelle Kurz- und Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 500 bis 5000 Kilometern.
Unschön, denn dann liegt zum Beispiel Europa im Bereich russischer Mittelstreckenraketen. Was mich noch mehr besorgt ist, dass Russland zuvor in den USA nachgefragt haben soll, wie sich die USA in diesem Fall verhalten werden. Und die USA hatten zunächst keine Einwände! Beide Seiten dementierten danach diese Vorfälle. Russland betonte sogar, dass es nicht aus dem INF-Vertrag ausscheren wolle. Ich hoffe, es bleibt dabei.
Zum Börsenstart von Premiere bin ich nun nicht mehr gekommen: Kurz: Es funktioniert wieder! Zeichnen und gewinnen. Wie sagte ein alter Traderkollege vor einem Jahr: Jochen, mach dir erst wieder Gedanken um die steigenden Kurse, wenn sie wieder eine Neuemission nach der anderen auf den Markt schmeißen und es fast einem Lottogewinn gleicht, wenn du ein paar der Aktien zugeteilt kriegst.
Zu dem Ölmarktbericht wie immer, im nächsten Abschnitt: