Mythos 1: Der Staat muss eingreifen!
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 21. Januar 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
heute möchte ich aus gegebenem Anlass mit ein paar Punkten aufräumen, welche aus meiner Sicht falsche Erwartungen und Missverständnisse bzw. populäre Mythen darstellen.
Um diese Ausgabe vom Umfang her lesbar zu halten, verschiebe ich die Dauerthemen "Optionen" und "Vermögenssicherung" entgegen meiner letzten Ankündigung auf morgen. Die heutigen Punkte halte ich von entsprechender Wichtigkeit und bitte daher um Verständnis für diesen Schritt.
Bevor ich damit jedoch beginne, möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass ich in der Vergangenheit schon mehrfach angesprochen habe, dass es verschiedene Ansätze gibt, das wirtschaftliche Geschehen zu betrachten. Der Ansatz, dem ich folge (Österreichische Schule der Nationalökonomie) steht hierbei oftmals im Gegensatz zur "konventionellen Weisheit" und ist verhältnismäßig eher unbekannt, was allerdings nichts über seine Qualität aussagt. Aus diesem Grund werden Sie auch oftmals Argumentationsweisen bei mir lesen, welche Sie vielleicht in anderen Publikationen, die eher dem "Mainstream" (und das meine ich hier rein neutral und nicht abwertend) folgen, nicht auftauchen werden. Die folgenden Punkte und Argumentationen meinerseits kommen daher aus einer anderen Betrachtungsecke, als Sie es vielleicht von einigen "etablierten" Ökonomen hören und lesen werden. Ich bitte daher, aus gegebenem Anlass, von unsachlichen und unfreundlichen Zuschriften abzusehen und diese Tatsache sich erst einmal zu vergegenwärtigen, denn dieser Ansatz, von dem ich hier spreche, sah diese Krise bereits vor Jahren klar und deutlich voraus. Dies können die Vertreter der "konventionellen Weisheit", welche sich meist (natürlich gibt es auch hier löbliche Ausnahmen) auf das dümmliche Verlachen der "ewig Negativen" beschränkten, großteils nicht von sich behaupten.
Mythos Nr. 1: Der Staat muss eingreifen!
Mir ist bekannt, dass in den Medien immer wieder hektisch und teilweise auch panisch durch diverse Ökonomen und andere als Experten bezeichnete Leute darauf hingewiesen wird und wurde, dass es völlig indiskutabel sei, darüber nachzudenken, dass der Staat nicht eingreifen solle. Schließlich geht es ja um Arbeitsplätze und nicht gerade wenige! Außerdem hätten gierige Banken ja die Krise verursacht und jetzt müsse eben der Steuerzahler die "Suppe auslöffeln".
Ich möchte hier ganz sicher niemanden "vorführen" und der Leser, welcher mir die folgende Nachricht schrieb, hat sich auch in der Vergangenheit stets als sehr differenziert und wohlüberlegt in seiner Betrachtungsweise und Formulierung seiner Nachrichten an mich erwiesen. Die Argumentationsrichtung in der folgenden Nachricht veranschaulicht aber exemplarisch, worauf ich hinaus möchte. Aus diesem Grund sei die Zuschrift des Lesers hier anonymisiert wiedergegeben. Ich hoffe, der entsprechende Leser hat hiergegen keine Einwände. Letztlich geht es ja nicht um Kritik am Leser, sondern um mehr um das Darstellen zweier verschiedener Standpunkte:
Sehr geehrter Herr Hahn,
ich lese gerne Ihre fachlichen Kommentare, bin aber Ihre Hiebe auf die Politik und Ihr Lamento darüber leid. Nicht die Politik, sondern die Banken in der "freien" Marktwirtschaft haben in ihrer Gier die Krise verursacht, und die Politik - und natürlich wir als Steuerzahler - müssen jetzt die Suppe auslöffeln. Was hilft es da, wenn zuerst eine Volksabstimmung über die zu ergreifenden Maßnahmen abgehalten und ein Dauerwahlkampf entfacht würde, in dem das Mittelmaß und die Inkompetenz das Sagen hätten - anstelle des Handelns! Halten Sie sich bitte immer vor Augen, es geht um Millionen von Arbeitsplätzen, und deswegen muß die Politik den gierigen Banken Milliarden in ihren Rachen werfen, um das System der "freien Marktwirtschaft" überhaupt aufrechterhalten zu können. Die Lehre aus dem Debakel ist, die Märkte künftig stärker zu regulieren. Das muß aber die internationale Gemeinschaft tun, nicht ein einzelner Staat, weil es wegen der engen Verflechtungen der einzelnen Volkswirtschaften sonst nicht wirksam wäre.
Zunächst einmal, warum muss den eiligst gehandelt werden? Diese Frage konnte mir bisher niemand der Befürworter von massiven Regierungseingriffen hinreichend beantworten. Auch die obige Zuschrift hält sich hier eher zurück. Fast überall in den Medien gab es nur Panik und selbst der US Kongress wurde massiv unter Druck gesetzt. Kritiker wurden verlacht und kaum angehört. Liegt der Denkweise, die hinter solch einer Forderung steht, nicht implizit die Annahme zugrunde, dass ohne Eingriff alles viel schlimmer würde und Eingriffe das System tatsächlich retten könnten? Eine andere Legitimation für den Einsatz von Steuermitteln für solche höchst fragwürdigen Zwecke dürfte es wohl kaum geben.
Was den ersten Punkt angeht, so stimme ich dem Leser zu: Die Regierungseingriffe verlangsamen manche Entwicklungen tatsächlich etwas, indem zusätzliche Zeit gewonnen wird. Den Glauben, dass diese Eingriffe allerdings das Problem beheben können, kann ich auf keine Weise teilen.
Ich möchte auch erklären, weshalb, denn es handelt sich hier natürlich nicht um eine unfundierte persönliche Meinung von mir, sondern um mehr.
Wenn wir uns einmal fragen, wo Wert geschaffen wird in einer Volkswirtschaft, dann würde mir wohl kaum jemand widersprechen, wenn ich darauf hinweise, dass dies in der Wirtschaft erfolgt bzw. im freien Markt. Der Staat wiederum hat nur die Möglichkeit, Vermögen und Werte umzuverteilen. Hierzu kann er auf Gesetze und auch auf daraus resultierende Abgaben zurückgreifen. Er selbst schafft kein wirkliches Vermögen sondern besitzt höchstens die "Druckerpresse". Bevor wir uns nun jedoch ansehen, welche Faktoren aus Sicht der österreichischen Schule der Nationalökonomie zu dieser Krise geführt haben, möchte ich kurz auf unser "freies" Wirtschaftssystem eingehen.
Viele Kommentatoren in den Medien und auch eine ganze Reihe von Politikern führten immer wieder an, die freie Marktwirtschaft sei gescheitert. Fakt ist jedoch, dass wir nie eine freie Marktwirtschaft hatten und solche Behauptungen daher nicht korrekt sind. Das beste Beispiel hierfür ist der Zins, also der Preis des Geldes. Hierbei handelt es sich um eine der wichtigsten wirtschaftlichen Größen. Diese wird jedoch nicht dem freien Markt überlassen, sondern seit Jahrzehnten schon glaubt eine "elitäre" Riege von zentralistischen Wirtschaftsplanern, besser zu wissen, welcher Zins der "richtige" sei.
Nein, hier handelt es sich auch nicht um ein erneutes "Draufhauen" auf die Politik, sondern der Ansatz der österreichischen Schule, von dem aus ich argumentiere, hat gerade als eins der Grundprinzipien den freien Markt und dessen effiziente Kräfte. Planwirtschaftliche Einmischungen, wie etwa Zentralbanken, müssen aus dieser Sicht daher geradezu zu negativen Entwicklungen führen und somit sind diese auch zu kritisieren, da sie nicht die Heilung, sondern das eigentliche Übel sind. Auch sind Notenbanken aus Sicht der österreichischen Schule für die "Boom und Absturz"-Zyklen in der Wirtschaft verantwortlich. Fast jeder Mensch im Westen kritisiert die Planwirtschaft und das damalige System in der Sowjetunion als ineffizient und doch begreifen die wenigsten, dass Zentralbanken planwirtschaftliche Institutionen sind, welche beständige Manipulationen (leider meist nicht zum Besseren) der Wirtschaft durchführen. Unpassenderweise nennt man diese Institutionen dann auch noch "Währungshüter"...
Wirklich schlimm wurde die Situation allerdings erst mit der Notenbankpolitik der FED unter Alan Greenspan und der "Rettung" von Long Term Capital Management (ohne dies wäre es wohl in der jetzigen Krise kaum zu derartigen Exzessen gekommen, da jede Bank gewusste hätte, was ihr blüht, wenn sie scheitert), welche jedes Problem durch niedrige Leitzinsen, welche zu Fehlinvestitionen und falschem Boom führen, anging. Als Anfang des Jahrtausends die Internetblase riss und die Kurse fielen, öffnete die FED die Geldschleusen und bewarf die Probleme wieder einmal mit Geld. Seit ca. 17 Jahren läuft dies nun beinahe stets nach gleichem Muster. Rezessionen werden verteufelt anstatt sie als das zu sehen, was sie sind, nämlich Marktbereinigungen, welche Exzesse und Fehlinvestitionen tilgen und somit langfristig die Wirtschaft stärken. Stattdessen wird mit allen Mitteln versucht, den Boom-Zyklus künstlich aufrecht zu erhalten. Gleiches gilt für den ewigen Glauben an Kredit und Schulden.
Schon Ludwig von Mises, einer der bekanntesten Vertreter der österreichischen Schule, schrieb hierzu:
Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems kommen soll .
Letzterer nähern wir uns immer mehr.
Wenn ich also zur Kritik an "Rettungsmaßnahmen" und ähnlichem aushole, dann hat dies nichts mit "Lamento" (siehe obige Zuschrift) oder einer chronischen Neigung, schlecht über Politik zu reden, zu tun, sondern damit, dass aus Sicht des wirtschaftlichen Ansatzes, dem ich folge, das alleinige Manipulieren des Markts an sich schon kritisch gesehen werden muss, da dieses - konträr zum weit verbreiteten Glauben - eben nicht wirksam ist.
Wir sehen heutzutage, dass durch "Rettungsprogramme" u.ä. von den Marktteilnehmern Vermögen abgezogen werden, welche fähig gewirtschaftet haben und gerade in solchen Krisenzeiten hierfür belohnt werden sollten. Dieses Vermögen wird an die durchgereicht, welche Schiffbruch erleiden müssten.
So funktioniert keine Marktwirtschaft und so kommt auch keine Marktwirtschaft wieder auf die Beine. Es gibt kein Beispiel in der Geschichte der Wirtschaft, in dem das funktioniert hat, was momentan auf politischer Ebene durchgeführt wird. Anstatt eine Genesung des Marktes durch Subvention gescheiterter Geschäftsmodelle im Wege zu stehen und damit eine Rettung zu verhindern, sollten sich die Verantwortlichen zurückziehen und den Markt nach mehr als einem Jahrzehnt sich endlich einmal wieder selbst bereinigen lassen. Ja, dies wäre durchaus sehr schmerzhaft für viele Menschen, aber es gäbe wenigstens wieder eine zukünftige Perspektive für ökonomischen Wohlstand und Neuaufbau.
Ich bleibe daher bei meiner Prognose: Eine Krise ist unausweichlich. Entweder es wird nichts getan, die Krise ist vergleichbar kurz, vielleicht etwas heftiger aber dafür bereinigend und danach geht es weiter aufwärts (Beispiele wie Korea oder Russland zeigen in der Geschichte immer wieder, das dies funktioniert) oder wir gehen weiter den Weg der Sackgasse und machen am Ende die Dinge nur noch schlimmer.
Nicht nur "die" Banken tragen an dieser Krise Schuld:
- Politiker gaben den Forderungen der Bankenlobby nach und erließen entsprechende Gesetze, wie z.B. in Deutschland das Gesetz zur Modernisierung des Finanzmarkts (Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen verpflichtet; niemand sollte hieraus eine Schuld der Banken bzw. der "bösen Lobbyisten" konstruieren. Damit entmündigen Sie unsere jeweiligen Politiker. Auch wenn dies einigen Lesern nicht passen sollte, es handelt sich hier schlichtweg um eine Tatsache, nachlesbar im entsprechenden Gesetz)
- Natürlich schlugen einige Finanzmanager gnadenlos über die Stränge. Wer würde dies nicht, wenn man in entsprechender Position wäre und derart astronomische, finanzielle Anreize, Konkurrenzdruck und "angenehmes" Regulierungsumfeld hätten? Es ist wohl schwer hierüber zu urteilen, ohne selbst in der Position zu sein. Ich spreche hier keineswegs den "Bankerstand" frei. Viel mehr halte ich es für nicht korrekt, wenn einige Politiker ihre Verantwortung hier bequem auf den Bankerstand abwälzen möchten. Dass natürlich an einigen Stellen mehr Regulierung her muss ist völlig korrekt, aber dies ist nur ein wirklich kleiner Teil der Lösung.
- Auch Zentralbanken, besonders die FED und ihre Politik der Blasenerzeugung, trifft Schuld. Wer von Aktionismus besessen riesige Liquiditätsschwemmen in den Umlauf bringt, wann immer die Kurse etwas rückwärts gehen, muss auch davon ausgehen, dass diese Liquidität sich früher oder später einmal an einem Ort sammelt und eine Blase bildet (Häusermarkt).
Was wir mit der aktuellen Krise gesehen haben, ist mehr als nur "Bankergier". So einfach sind die Dinge nicht. Und genau deshalb sträube ich mich auch dagegen, dass nun der Steuerzahler eben "die Suppe" auslöffeln sollte. Mir liegt sehr viel an der Marktwirtschaft und ich halte sie für absolut nötig, damit Demokratie und Wohlstand existieren können. Wenn unter falschen Vorwänden diese Marktwirtschaft attackiert wird, teils auch um eigene politische Kompetenzen zu erweitern, (obwohl wir keine wirklich freie Marktwirtschaft die letzten Jahrzehnte hatten), sehe ich mich gezwungen, meine Stimme zu erheben und dabei auch in Kauf zu nehmen, dass dies einigen Lesern hier vielleicht nicht gefallen wird.
Wer an meinem heutigen Artikel zweifelt oder denkt, ich erzähle Blödsinn, der möge anstatt zu Brandbriefen an mich zu Hayeks "Der Weg zur Knechtschaft" greifen. Dort wird eindrucksvoll beschrieben, wohin die aktuelle Reise letztlich geht.
Weitere Mythen gibt es ab morgen.
Beste Grüße
Alexander Hahn