"Moral Hazard"
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 13. Januar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
"Wir können den Erfolg nicht garantieren – aber wir können ihn verdienen."
- George Washington
"Das gesamte Universum ist moralisch", schrieb Emerson zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Heute glaubt das keiner ... außer mir.
Das gilt für Märkte, Imperien und auch für individuelle Leben. "Was immer Ihre Schwäche ist – der Markt wird sie finden", so Richard Russell.
Gierige Investoren werden zu lange zögern, zu verkaufen – und ihr Geld verlieren. Angst hat andere davon abgehalten, überhaupt einzusteigen. Andere sind von Faulheit befallen – was dazu führt, dass sie ihre Hausaufgaben nicht machen und einfach mit der Masse gehen, also die populärsten Aktien zu den absurdesten Preisen kaufen.
"Ich hätte zu Höchstkursen verkaufen sollen", sagt der eine. "Ich hätte zu Tiefstkursen kaufen sollen", sagt der andere. "Ich hätte mir die Bilanzen ansehen sollen", sagt der Dritte. "Ich hätte das letzte Glas nicht trinken sollen", sagt der vierte.
Aber die modernen Ökonomen handeln, als ob die Geschichte keine Moral hätte ... als ob es keine "SOLLTE" geben würde. Sie glauben, dass alles nach dem Prinzip "Ursache und Effekt" passiert.
Sie sagen, dass der Aktienmarkt nicht "zu teuer" oder "zu billig" sein könnte ... weil der Aktienmarkt perfekt sei. Die Theorie der perfekten Finanzmärkte. Der Markt findet jeden Tag, jede Minute den idealen Preis.
Deshalb gibt es auch keine moralischen Fehler. Einem Mann kann man nicht vorwerfen, dass er eine Aktie zu einem bestimmten Kurs gekauft hat – weil dieser Kurs zu diesem Zeitpunkt der perfekte Preis war.
Und die Preise wären perfekt, wenn dieser Mann der Mann wäre, für den ihn diese Ökonomen halten. Sie gehen davon aus, dass dieser Mann eine rationale, profit-maximierende Maschine ist. Aber so einen Mann habe ich noch nie im Leben getroffen ... diesen Homo Economicus ... diese mythische Kreatur, die der Fantasie der Ökonomen entsprungen ist ... der immer die richtige Entscheidung fällt, nachdem die verfügbare Information sorgfältig ausgewertet worden ist.
Wirkliche Männer hingegen wägen nur sehr selten alles sorgfältig ab – außer vielleicht Steaks, wenn sie sie kaufen. Und wenn sie an kollektiven Veranstaltungen teilnehmen – wie Politik, Krieg, Fußballspielen oder einem Boom am Aktienmarkt – dann machen sie sich regelmäßig zum Idioten, weil sie mit der Masse gehen.
Ökonomen stellen sich hingegen vor, dass auch die gesamte Volkswirtschaft wie eine Art Maschine funktioniert – mit dem Homo Economicus an den Hebeln. Man kann ein Kartenspiel oder eine Flasche Whiskey vor eine Maschine stellen, eine Stunde später wiederkommen, und die Maschine wird sie nicht angerührt haben. Nicht so ein menschliches Wesen. Dieses Wesen braucht nur eine Gelegenheit dazu, und es ist auf dem Weg in die Hölle!
Was ist mit dem bekannten englischen Begriff "moral hazard" gemeint? Es gibt eine spezifische und eine allgemeine Bedeutung.
"Die Idee ist einfach", erklärt Jeffrey Tucker in einem Artikel, der vom Mises Institute im Dezember 1998 veröffentlicht wurde. "Wenn man kontinuierlich Leute von den Konsequenzen ihrer Fehler schützen will, dann wird sich das in den zukünftigen Entscheidungen dieser Leute widerspiegeln. Langfristig werden sie sogar noch mehr Fehler machen. Dieses Prinzip existiert auf allen Ebenen. Der Lehrer, der nur auf Bitten der Schüler die Noten nach oben korrigiert, hilft ihnen langfristig nicht. Der Lehrer belohnt und fördert damit nur schlechtes Lernverhalten. Er fördert moral hazard."
Die neue, kollektivierte Welt des späten 20. Jahrhunderts war voll von solchen Lehrern und von vergebenden Frauen. Die Investoren zahlten zuviel für ihre Aktien. Die Unternehmen und die Konsumenten verschuldeten sich zu stark. Und die ganze Welt schien zu glauben, was nicht wahr sein konnte – dass der Dollar mehr wert als Gold sei. Für fast 20 Jahre fiel der Goldpreis, während der Dollar stieg.
Gold hätte steigen sollen. Seit Alan Greenspan seinen Job als Fed-Vorsitzender antrat, hat sich die US-Geldmenge verdreifacht. Alan Greenspan hat die kurzfristigen Zinssätze auf ein Niveau gesenkt, das bei nur noch einem Fünftel der Zinssätze von vor 2 Jahren liegt.
"Wenn man die Zinssätze senkt und Liquidität bereitstellt, wenn Probleme auftreten, aber die Zinsen nicht erhöht, wenn Ungleichgewichte auftreten, kann dies langfristig sehr nachteilig sein", gesteht ein Arbeitspapier der Bank of International Settlements ein. "Dies unterstützt eine Form des moral hazard, die der Keim zu Instabilität und zu teuren Fluktuationen der realen Volkswirtschaft sein kann."
Zu Beginn des laufenden Jahres waren geschätzte 9 Billionen Dollar US-Anlagen in ausländischen Händen ... und drei Mal so viele wie 1987 in Umlauf. Die Finanz-Psychologie war nie wichtiger ...