Methoden der Sektoranalyse
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 7. November 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
bevor ich zur heutigen Kolumne komme ein Hinweis in eigener Sache: Anhand einiger Zuschriften der letzten Tage konnte ich erkennen, dass anscheinend etwas Verwirrung besteht zwischen Redakteuren verschiedener Artikel aus dem Englischen und meiner Kolumne. In den Ausgaben von Herrn Dr. Schoor (also Dienstag und Donnerstag) werden Sie immer wieder Artikel finden, welche aus dem Englischen übersetzt sind (in meiner Kolumne mittwochs und freitags gibt es diese Artikel nicht), da sie seitens des Verlags als interessant für Sie als Leser angesehen werden.
Hierbei gibt es auch einen amerikanischen Autor namens Alexander Green, welcher, wie es im amerikanischen Kulturkreis üblich ist, seine Artikel mit "Alex" unterzeichnet. Hierbei handelt es sich nicht um mich. Ich weise hier darauf hin, da es anscheinend zu einigen Verwechslungen gekommen ist.
Wie in Deutschland üblich unterzeichne ich sämtliche meiner Artikel mit Vor- und Zunamen. Alles, was nur mit "Alex" o.ä. unterzeichnet ist, stammt nicht aus meiner Feder. Dementsprechend kann ich Ihnen hierzu auch nicht wirklich Fragen beantworten.
Am Mittwoch kam ich auf das Thema Sektorrotation zu sprechen. Heute möchte ich Ihnen ein paar erste Methoden vorstellen, mit denen Sie Sektoren betrachten können. Wie die meisten interessanten Themen ist natürlich auch dieses relativ umfangreich und kaum mit einem Artikel ausreichend behandelbar.
Sind Sie langfristiger Anleger oder Trader?
Diese Frage ist gerade bei der Sektoranalyse besonders wichtig, denn als langfristigerer Anleger sollten Sie auf jeden Fall anders vorgehen als ein kurzfristiger Trader.
Fundamental gesehen bewegen sich die meisten Sektoren in mehrjährigen Zyklen. Es finden etwa Konsolidierungsphasen statt oder es wird investiert und irgendwann werden eben auch die Profite eingefahren. Was letztlich die Aktienkurse nach oben treibt sind steigende Unternehmensgewinne (engl. "earnings growth"). Als längerfristiger Anleger sollten Sie also ungefähr den Moment abpassen, bei dem eine Zeitphase steigenden Gewinns in der entsprechenden Branche/Sektor beginnt. Massenmedien sind hierfür meist nicht geeignet. Die meisten gängigen Finanzzeitschriften informieren erst, wenn die Branche entsprechende Profite einfährt. Solche Informationen sind also unbrauchbar und nicht selten sogar für Anfänger äußerst gefährlich.
Wie können Sie Sektorentwicklungen früh genug erkennen?
Natürlich gibt es mittels der technischen Analyse Möglichkeiten (die ich Ihnen in den kommenden Ausgaben auch teilweise vorstellen werde) zu erkennen, wann sich in einem Sektor "etwas tut". Um aber nicht nur blind der Masse zu folgen, sondern auch wirklich zu wissen, ob es sich im jeweiligen Fall um eine längerfristige Chance bzw. Entwicklung in einem Sektor oder einer Branche handelt, führt aus meiner Sicht kein Weg an umfangreicher fundamentaler Analyse vorbei. Stellen Sie sich vor, Sie investieren falsch, verlieren eine ganze Menge Geld und verlieren dabei auch noch mehrere Jahre an Zeit bis der Fehler klar wird? In solch einem Fall lohnt es sich ohne Zweifel, die fundamentale Lage genau zu prüfen.
Die wenigsten Menschen haben hierfür verständlicherweise die nötige Zeit und Branchenkenntnisse. Nicht umsonst beschäftigen Banken ganze Heere von Fundamentalanalysten. Natürlich empfehle ich niemandem, sich auf Banken zu verlassen (Sie sehen ja gerade aktuell, was dabei heraus kommt...). Wie aber können Sie sonst vorgehen?
Kurz und knapp: Ich würde mir das nötige Spezialwissen zukaufen. Hier rate ich aber ausdrücklich nicht zu irgendeinem Börsendienst, sondern zu einer Publikation, welche genau Ihre jeweilige Lücke schließt, lange genug am Markt ist und sich bewährt hat. Hier würde ich besonders auf den Hintergrund der einzelnen Autoren achten. Sind dies wirklich Experten oder nur Gestalten, welche sich gut verkaufen können bzw. ein gutes Marketing haben? Es gibt Börsendienste welche exzellente fundamentale Analyse-Arbeit leisten, ohne einzelne Werte zu empfehlen (Branchenbriefe, Fundamentalbriefe, unabhängige Analysehäuser, welche sich auf Privatanleger spezialisiert haben und speziell Analysen für diese veröffentlichen, etc.), andere wiederum bieten Empfehlungen an (wie etwa das große Portfolio des Investor Verlags).
Wie bei allem ist dies natürlich eine Kosten-Nutzen Rechnung: Die Preise für Fundamentalreporte reichen von sehr gut und günstig bis hin zu unverschämt teuer. Lohnt sich der Zukauf von Wissen für Ihr geplantes Anlagevolumen?
Oftmals zahlt es sich aber auch für den ersten Zugang einfach schon aus, einschlägige Branchenzeitschriften und Berichte zu verfolgen bzw. sich in eine Branche einzulesen (wie gesagt, hier bitte keine Massenmedien und Allerwelts-Finanzzeitschriften, sondern Fachliteratur und -material von Branchenverbänden und anderen Insider- und Expertenquellen). Teilweise bieten auch spezialisierte Dailies Informationen im Internet. Letztlich liegt es hier an Ihnen, eine vernünftige Recherche durchzuführen bzw. verlässliche Quellen zu konsultieren. Möglichkeiten gibt es sehr viele und mit ein wenig Einsatz lassen sich wirklich gute Materialien zusammentragen.
Warum die ganze Arbeit?
Im Gegensatz zu manch einem Kollegen meiner Zunft bin ich weder reiner Investor noch Trader, sondern Investor-Trader. Was heißt dies genau? Ich investiere rund 75% meines eigenen Kapitals mittel- bis längerfristig in verschiedene Vermögensklassen (nach einem speziellen, dynamischen Verteilungsschema, welches ich computerisiert berechnen lasse) und mit den verbleibenden 25% jage ich systematisch kurzfristigere Chancen.
Das Mitnehmen von Branchenzyklen, von mir auch gerne als "Sektorritt" bezeichnet, ist, wenn man einmal an dem Punkt angekommen ist, dass eine fundierte Entscheidung gereift ist, ein sehr angenehmes Unterfangen. Sie können sich, wenn Sie es besonders einfach haben möchten, einfach einen ETF, welcher einen Sektor/Branche gut abbildet (also keine übermäßigen Klumpungen, wie dies leider sehr oft vorkommt. Ein Blick auf die Top Holdings verschafft hier oftmals Aufschluss) heraussuchen und für ein paar Jahre Ihre Investition laufen lassen und immer wieder in Schwächezeiten zukaufen. Das Einzige, worauf Sie ein Auge haben müssen, ist die fundamentale Lage. So lange diese sich nach Plan entwickelt und Sie früh genug in einen Sektor investieren, haben Sie meist eine sichere Deckung durch zahlreiche institutionelle Anleger, welche ebenfalls im entsprechenden Sektor ausgiebig und längerfristig einkaufen gehen. Und wenn dann der Sektor in den Finanzmagazinen erscheint, dann wissen Sie, dass es Zeit ist, über erste Gewinnmitnahmen nachzudenken, denn jetzt kommt die letzte Ladung Lemminge und das Ende der Party ist meist in näherer Zukunft recht klar absehbar...
Legen wir noch einen drauf: Globale Makrotrends
Noch interessanter und längerfristiger als Branchenzyklen sind weltweite Makrotrends. Ein Beispiel hierfür ist etwa der mehrjährige Rohstoff-Bullenmarkt. Wie auch bei Branchenzyklen haben viele Privat- und Kleinanleger bei globalen Makrotrends ein gravierendes Problem, dessen die meisten Anleger sich nicht einmal wirklich bewusst sind: Ich spreche vom Zusammenwerfen der Zeithorizonte.
Was meine ich hiermit? Gerade bei globalen Makrotrends ist es besonders wichtig zu verstehen, was einen wirtschaftlichen Fundamentaltrend antreibt. Nehmen wir ein fiktives Beispiel: Rohstoffe steigen und steigen über mehrere Jahre, doch nun gibt es eine mehrmonatige Korrektur. Erfahrungsgemäß fallen diese bei Rohstofffen meist recht stark aus, also geht der Unmut los: "Jetzt geht's rückwärts, das war es mit den Rohstoffen" wird in solch einem Fall die Botschaft der Massen sein.
Wichtig ist bei solchen Dingen aber nicht, ob Kurse zwischendurch vielleicht auch einmal etwas heftiger fallen (was völlig normal ist), sondern ob die fundamentalen Kräfte des Trends noch intakt sind (denn dann werden diese sich früher oder später immer zurückmelden).Langfristige Anleger können diese Momente prima für Nachkäufe nutzen.
Es ist also unerlässlich, dass Sie sich als Anleger in solch einer Situation klarmachen, dass das jetzige Geschehen nicht der fundamentalen Lage entspricht. Vielleicht klingt das für den ein oder anderen von Ihnen jetzt trivial, aber zu oft macht die Psychologie den meisten Anlegern hier einen Strich durch die Rechnung, folglich erscheinen mir diese Punkte durchaus erwähnenswert.
Nächste Woche werde ich Ihnen ein paar Trends, die ich aktuell fundamental sehe, vorstellen. Danach wird es etwas technischer und wir sehen uns das Prinzip der Sektorrotation einmal aus technischer bzw. Trader-Sicht an.
Beste Grüße
Alexander Hahn