Metall gegen Fleisch
Daniel Dennning in Investors Daily
vom 21. November 2002 18:00 Uhr
ENL5454
"Es wäre ein Gewinn für die Menschheit, wenn wir über dieses Land die Idee von Amerika verbreiten könnten – dass alle Menschen frei und gleichberechtigt geboren werden, und wir politische, soziale und individuelle Freiheit etablieren können."
Theodore Parker in einer Rede in Boston, Massachusetts am 7. Juni 1846.
Am 18. Mai 1846 überquerte der amerikanische General Zachary Taylor den Rio Grande und besetzte Matamoros in Mexiko. Und das erste Mal in der Geschichte hatten die USA eine ausländische Stadt besetzt. Zehn Tage vorher hatten Taylors Männer eine Schlacht gegen die Mexikaner gewonnen.
Es war eine kleine Schlacht. Aber es ist schwer, die Auswirkungen dieser Schlacht zu überschätzen, sogar heute noch. Lassen Sie mich zuerst auf die Waffen hinweisen. Die amerikanischen Kanonen bestanden aus 6, 12 und 18-Pfündern. Das ist natürlich meilenweit von den heutigen High Tech-Kanonen der Panzer entfernt. Aber die amerikanische Artillerie war den Mexikanern überlegen und zerstörte ihre Formationen.
Neben dem rein taktischen Sieg gab es noch einen Punkt, den nur Geschichtsstudenten anerkennen. Taylor war eigentlich kein militärisches Genie. Ein Offizier von Taylor schrieb sogar, dass Taylor nur durch Zufall gewinnen könne. Zum Glück für Taylor hatte er fähige Leute unter seinen Offizieren.
Taylor hatte einen jungen Leutnant, der Ulysses S. Grant hieß. Und innerhalb weniger Stunden lernte dieser Mann den Effekt von massierter Feuerkraft kennen, was eine militärische Revolution bedeutete, auf die der heutige Verteidigungsminister stolz gewesen wäre. Grant lernte das, was General Lee, der große Südstaatengeneral im US-Bürgerkrieg, in Gettysburg vergaß. Metall ist Fleisch überlegen.
Man kann sagen, dass das US-Militär seit damals dieser Doktrin gefolgt ist.
Manchmal muss man in die Geschichtsbücher sehen, und nicht nur um zu verhindern, dass Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Nein, sonder auch, um zu verstehen, warum wir da sind, wo wir jetzt sind – und ob irgendetwas darauf hindeutet, wohin wir uns bewegen könnten.
Die Jahre 1846 und 2002 haben viel gemeinsam. In beiden Jahren stand Amerika auf der Schwelle von historischen Veränderungen seiner Beziehungen mit der Welt. Und in beiden Jahren – hier greife ich der Zeit etwas voraus, entschuldigen Sie bitte – spielen/spielten Technologie und Kapitalismus die entscheidende Rolle.
Ich vermeide jegliche moralische Diskussion über "effizientere Kriegführung" und damit "effizienteres Töten" und nehme dies als gegeben hin. Ich nehme es auch für gegeben hin, dass sie meine Philosophie kennen: Krieg macht den Staat immer stärker, in dem Sinne, dass er die persönliche Freiheit seiner Bürger beschränkt. Dennoch sollten uns diese Einschränkungen nicht daran hindern, zu verstehen, was passiert, oder – wenn möglich – wie man davon profitieren kann.
1846 versuchten die USA das erste Mal, eine anerkannte politische Macht zu werden. Texas war zwei Jahre vorher annektiert worden. New-Mexico und Kalifornien folgten. Das Oregon-Territorium würde bald folgen. Amerika wurde selbstbewusst in seiner Rolle auf dem nordamerikanischen Kontinent, und vielleicht in seiner Rolle in der Welt. Bernard DeVoto schreibt darüber in seinem Buch: "The Year of Decision, 1846."
Tausende Siedler zogen nach Westen. Die Grenze war 1846 auch die Grenze zum Unbekannten. Es gab noch keine Institutionen ... aber der freie Markt findet Lösungen für fast alle Probleme ...
Von 1836 bis 1846 hatte Samuel Colt per Hand ungefähr 6.000 seiner patentierten Revolver hergestellt. Tragbar, leicht zu benutzen, und mit sechs Kugeln ausgestattet, war "der Revolver am Platz, wo er gebraucht wurde: Der westlichen Grenze", so DeVoto.
Die Colt-Gesellschaft geriet 1846 wegen Missmanagement dennoch in eine schwere Krise. Aber 1846 begann in Amerika gleichzeitig auch die industrielle Revolution. Dr. Richebächer sagt uns ja oft, dass es Produktion von Kapitalgütern ist, die neuen Reichtum schafft. Und das ist sicher einer der großen Unterschiede zwischen dem Amerika von heute und dem von 1846. Das Amerika von 1846 platzte fast vor Investoren, Patenten und neuen Maschinen, die Maschinen herstellen konnten.
Die Revolver von Colt waren dafür ein perfektes Beispiel. Als er seine erste Fabrik 1942 schließen musste, musste danach jeder Colt per Hand hergestellt werden. Aber 1846 schloss sich Colt mit einer Gesellschaft namens Whitney Arms zusammen. Colt und Whitney bauten Maschinen, die den Herstellungsprozess automatisierten.
Diese Fabrik war die erste von ihrer Sorte. Als Jahre später Colt-Geschäfte in England eröffnet wurden, gab es dort keine Maschinen, um die Colts herzustellen, und keine geschulten Arbeiter. Das Kapital zum Aufbau dieser Fabriken musste aus Amerika importiert werden, wo die Notwendigkeit, die Freiheit und eine expandierende Nation neue Güter und Dienstleistungen mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit produzierten.
DeVoto nennt das Jahr 1846 deshalb den Beginn des "Amerikanischen Systems". Dieses System wurde am besten auf der Messe in Washington im gleichen Jahr sichtbar, wo eine immense Bandbreite von Gütern ausgestellt wurde. Es ist zu bezweifeln, dass jeder die wirtschaftlichen Folgen realisierte, dass Amerika plötzlich alles vom Reis bis zu Tabakpressen selbst produzierte. Aber die Folgen waren immens.
Amerika begann, reich zu werden, durch die Verarbeitung von Rohstoffen. Es gab einen enormen Boom bei den Erfindungen – und so ein Boom ist nur dann möglich, wenn jeder Mann und jede Frau Erfindungen patentieren lassen kann und die Freiheit hat, ein patentiertes Produkt zu verkaufen.
Ein Teil der Dynamik des Landes war die Energie seiner Bewohner. Henry David Thoreau versuchte herauszufinden, was die Dynamik Amerikas ausmachte. Er wusste, dass es nicht die Regierung war. Es war der Charakter der Amerikaner; und sie hätten sogar noch mehr gemacht, wenn sie durch die Regierung nicht manchmal behindert worden wären.
Demnach war es der Charakter – mir fällt leider kein besseres Wort ein –, also die individuelle Initiative und der Mut, der den Amerikanern auch schon im Unabhängigkeitskrieg geholfen hatte. Aber Thoreau bemerkte, dass dies gleichzeitig mit den neuen Technologien und dem Streben nach ausländischen Eroberungen plötzlich freie Menschen sehr gefährlich und tödlich machen kann.
John C. Calhoun sagte über den Krieg zwischen den USA und Mexiko, dass "er einen Vorhang zwischen der Vergangenheit und der Zukunft fallen ließ, einen undurchdringlichen Vorhang ... der erste Akt war geschlossen, der zweite begann ... und kein Sterblicher konnte sagen, wie es weitergehen würde."
Nur im Westen produziert der Geist des rationalen Wissenwollens und der wissenschaftlichen Experimente soviel messbaren technischen Fortschritt ... und damit wird gleichzeitig auch die Fähigkeit zu unglaublicher Gewalt geschaffen, die die politischen Amibitionen unterstützen kann.