Meine Überlegungen zum Basiswert Mais
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Agrar-Rohstoffe
vom 27. April 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
So sehr ich mich über den Rohstoff-Bullenmarkt freue (empfehle Ihnen seit mittlerweile Jahren, auf Rohstoffe zu setzen)...
...im Bereich der Preise für Grundnahrungsmittel wird es mir langsam mulmig, wenn ich mir die Preissteigerungen ansehe. Das sind ja nicht nur Spekulationsobjekte, sondern eben...Grundnahrungsmittel. Und damit lebensnotwendig auch für Arme. Reis, Getreide, Mais. Nehmen wir Mais: Angefangen vom gerösteten Maiskolben hierzulande über aus Maismehl hergestellten „Milipap" im südlichen Afrika bis zu den mexikanischen Tortillas. In Europa und Nordamerika wird Mais in erster Linie als Viehfutter verwendet.
Vor diesem Hintergrund sehe ich Meldungen wie diese durchaus zwiespältig:
Laut einer aktuellen Schätzung des US Grains Council sollen sich die chinesischen Importe von Mais in nur einem Jahr ungefähr VERSIEBENFACHEN.
Von 1,3 Mio. Tonnen (2010/2011) auf 9 Mio. Tonnen (2011/2012).
Der bisherige Höchstwert lag bei 4,3 Mio. Tonnen, welche China vor 15 Jahren importierte, nach einer besonders schlechten Ernte. Wie kommen diese 9 Mio. Tonnen in der Prognose zustande?
Zunächst einmal: Die eigene Maisernte war nicht besonders gut. Es gab in einigen Landesteilen eine Dürre.
Dann: Die chinesische Mittelklasse wächst und gedeiht. Das ist ja auch gut so...und eine prosperierende Mittelschicht ist für jede Volkswirtschaft eine feine Sache. Es bedeutet aber auch erfahrungsgemäß: Die Ernährung stellt sich um. Mehr Fleisch!
Ja, so ist es, mit steigendem Einkommen steigt tendenziell der Fleischkonsum. Und im Fall von China bedeutet das, mehr Nachfrage nach Rind- und Schweinefleisch. Die Rinder und Schweine werden mit Mais gefüttert. Dazu wird der Mais siliert (konserviert), was ihn für die Vieh-Verfütterung erheblich attraktiver macht als Heu. Silierter Mais hat unter den natürlichen Futtermitteln den höchsten Energiegehalt (30% und mehr Stärkeanteil). Er ist leicht lagerbar, zum Beispiel in Hochsilos: Diese werden von oben befüllt, durch sein Eigengewicht kann der silierte Mais dort verdichtet und luftdicht gelagert werden, sehr praktikabel und relativ witterungsunabhängig. Silierter Mais ist aus diesen Gründen ein sehr effizientes Futtermittel.
Lediglich der Rohproteingehalt lässt gegenüber Heu/Grassilage zu wünschen übrig, doch das gleichen die Landwirte durch die Zugabe von Sojaschrot aus.
Insofern gilt: Steigende Nachfrage der chinesischen Mittelklasse nach Fleisch = mehr Schweine und Rinder = mehr Futter für diese nötig = mehr Mais (als Input) notwendig.
Dann: Chinas Mais-Lager sind ziemlich leer. Es kann also nicht auf Lagerbestände zurückgegriffen werden. Ein Sprecher des US Grains Council teilte mit, dass die chinesische Regierung normalerweise 30% der jährlichen Mais-Nachfrage auf Vorrat hat. Derzeit sollen es aber nur wenig mehr als 5% sein.
Insofern steigt der Maispreis in China derzeit kräftig. Da wir in einer globalisierten Welt leben, bedeutet der erhöhte chinesische Mais-Bedarf, dass auf dem Weltmarkt mehr Mais von China gekauft wird. Das wiederum lässt den Preis für Mais generell steigen, und zwar weltweit. So sind z.B. in Indien die Lebensmittelpreise in den letzten 12 Monaten um 18% gestiegen. Überall auf der Welt bekommen langsam insbesondere die „Emerging Markets" ein Problem mit den steigenden Lebensmittelpreisen.
Kein Wunder: In Indien gibt die Bevölkerung im Durchschnitt über die Hälfte ihres Einkommens für Nahrung aus. In Europa sind es wenige Prozent...kein Wunder, dass da eine Preissteigerung bei Nahrungsmitteln in den Emerging Markets durchaus zum existenziellen Problem für einen Teil der Bevölkerung werden kann.
Wenn das so weiter geht, dann könnte es eine neue Lebensmittel-Krise geben, ähnlich wie wir es 2008 gesehen haben.
Die Gefahr steigt natürlich, wenn weiterhin verstärkt Lebensmittel wie Mais zur Gewinnung von Ethanol genutzt werden. Als Übergang ist dies sicher sinnvoll...doch es ist Zeit für „Biosprit 2.0". Und ja, damit meine ich Pflanzen wie die Jatropha-Nuss, welche auf marginalen Böden wächst, wo keine Nahrungsmittel-Pflanzen angebaut werden. Solche Flächen sind weltweit vorhanden, wir sprechen hier von Hunderttausenden bis Millionen Hektar.
Übrigens...noch ein positiver Aspekt der steigenden Preise für Lebensmittel (außer für uns als Trader, die davon profitieren können, via Rohwarenbörse Chicago, es gibt auch zahlreiche Zertifikate, wissen Sie ja):
Die gestiegenen Preise kommen irgendwann auch „unten an", sprich bei den Kleinbauern. Damit wird Landarbeit attraktiver gemacht, und das wirkt der Landflucht entgegen, die gerade in Afrika ein Problem ist. Zum Beispiel ist der Südsudan für Reis-Anbau sehr geeignet - wurde bis jetzt unterlassen. Auch, da kostenlose Hilfslieferungen einheimische Produktion erstickten. (Gut gemeint ist manchmal eben schlecht.)
Angesichts gestiegener Preise könnte nun eine rentable Reis-Produktion im Süd-Sudan aufgezogen werden. Zu gönnen wäre es diesem jüngsten Staat der Welt.
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Dirk Trautmann (27.04. 2011 14:28 Uhr):
Wenn man bedenkt, dass die meisten Unterernährten aus BauernFamilien stammen, dass EU-DumpingExporte die lokale Landwirtschaft behindern, dass steigende TortillaPreise zunächst ein Loch in die Kasse reissen, kann man auch zusammenfassend sagen: niedrige NahrungsPreise sind schlecht, steigende NahrungsPreise sind schlecht, hohe NahrungsPreise sind gut.
Antworten - Kommentar von Klaus Hilpert (27.04. 2011 20:27 Uhr):
Finde die meisten ihrer Artikel sehr interessant. Diesen auch. Ich möchte in diesem Zusammenhang einfach mal auf ein Buch aufmerksam machen: Das Omnivorendilemma von Michael Pollan.Genauso interessant wie es dick ist.Unter anrerem auch über den Unfug im Zusammenhang von Maisanbau und Viehfütterung.
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