Meine Jahresprognose 2007
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 15. Dezember 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Immer dann, wenn unser Dax steigt oder fällt, ohne dass die US-Börsen die entsprechenden Vorgaben dazu liefern, ist das verdächtig. Denn dann „müssen“ Akteure kaufen oder verkaufen – sei es, um notleidende Derivate-Positionen glatt zu stellen; sei es, weil neu zufließende Liquidität in den Fonds dringend angelegt werden muss.
Das erste häuft sich vor großen Verfallterminen, das andere regelmäßig zu Quartalsenden. Und beides steht nun an. Kein Wunder also, dass der Dax sich zu neuen Jahreshochs emporschwingen kann. Ich hatte ja in den letzten Tagen bereits gemutmaßt, dass wir hier weiter steigende Kurse mit Blick auf diese beiden Termine sehen werden, wenn uns die US-Konjunkturdaten, das Öl oder der Euro/Dollar-Kurs keine Knüppel zwischen die Beine werfen würden. Es blieb in den letzten Tagen ruhig an diesen Fronten. Die logische Konsequenz:
Shorteindeckungen und Window-Dressing Hand in Hand
Shortpositionen wurden in fliegender Hast eingedeckt – das sind diese plötzlichen Schübe um 15-20 Punkte binnen ein oder zwei Minuten, die zu den unmöglichsten Zeiten auftauchen.
Und die Gewinner der vergangenen Wochen und Monate werden weiter gekauft, während die Verlierer so weit als möglich unauffällig abgestoßen werden. Da die zwischenzeitlichen Veränderungen in den Quartalsbilanzen der Fonds meist nicht auftauchen lässt sich so das Portfolio mit strahlenden Gewinnern füllen und suggerieren, man habe ja vorher schon gewusst, was laufen würde. Damit dekoriert man das Schaufenster, um neue Kunden zu locken und alte zu erfreuen – das altbekannte Window-Dressing.
Das lässt erwarten, dass wir in den verbleibenden Handelstagen dieses Jahres keine größere Bewegung nach unten zu erwarten haben, wenn sich die Rahmenbedingungen ruhig verhalten. Überraschende Veränderungen bei den oben genannten, potenziellen „Knüppeln“ können jederzeit eine Abwärtsbewegung auslösen. Aber die Chancen, dass es dazu vor der Jahreswende kommt, sind eher verhalten. Was bedeutet:
Es ist durchaus drin, dass der Dax nun sogar in den nächsten zwei, drei Wochen in den Bereich 6.700/6.750 vorstößt. Nur – kann er da auch bleiben? Legen wir einfach mal die chart- und markttechnischen Werkzeuge beiseite (die dies nicht erwarten lassen) und sehen uns andere Aspekte an:
Was wurde besser gegenüber Juli 2006?
Als der Dax am 18.7. den laufenden Aufwärtstrend begann, stand er bei grob 5.400 Punkten. Per gestern Abend waren es stattliche 1.150 Punkte oder 21,3% mehr. Zu diesem Zeitpunkt im Juli notierte der Ölpreis bei 76 Dollar, heute „nur“ noch bei 62. Das ist recht ordentlich. Der Euro zum US-Dollar jedoch lag am 18. Juli bei 1,25, gestern bei 1,32. Das ist nun wieder weniger erfreulich. Gleichzeitig verschlechterte sich das konjunkturelle Bild bei der US-Wirtschaft, die nach wie vor auf alle größeren Nationen ausstrahlt, deutlich. Fürchtete man sich im Juni noch vor Zinserhöhungen, welche die zu gut laufende Wirtschaft und damit auch die Inflation eindämmen sollten, hofft man heute vergeblich auf Zinssenkungen, um die schwächelnde Konjunktur zu stützen.
Ist das ein Bild, das eine 20%-Rallye unterstützen würde? Ich vermute, dass ich nicht der einzige bin, der darauf nicht nur zweifelnd den Kopf wiegt, sondern klar und deutlich mit „NEIN“ antwortet. Natürlich ließe sich der „vorgelaufene“ Dax rechtfertigen, wenn zügig Besserung bei den Rahmenbedingungen käme. Dazu muss nur der Ölpreis bleiben wo er ist, der Euro/Dollar-Kurs wieder klar unter 1,30 fallen und die US-Konjunktur trotz tatenloser Notenbank flugs von selbst wieder auf die Beine kommen.
Oder aber die US-Unternehmen werden trotz stagnierender Preise, steigender Lohnkosten und relativ schwachen Konsums ihre Gewinne weiter kontinuierlich ausbauen ... einfach so, irgendwie, man weiß es ja nicht ... das würde in den USA weiter steigende Aktienkurse nach sich ziehen und so automatisch auch unseren Dax unterfüttern. Denn wenngleich hierzulande die Ertragssituation (hört, hört) besser aussieht wie jenseits des Atlantiks – gegen eine schwache Wall Street kann sich der Dax nur behaupten, wenn Verfalltermin und Quartalsende sich wie jetzt die Hände reichen. Und das wird Anfang Januar nicht mehr der Fall sein.
Ab Januar zählen wieder die alten Gesetze
Glaubt das jemand? Dass niemand etwas tut, ohnehin auch keiner so recht weiß, was zu tun wäre und sich die kippelnde US-Wirtschaft einfach von alleine bessert? Sicher, man kann die Statistiken der Konjunkturdaten einfach „reformieren“ und die Datenerhebung so gestalten, dass das Ganze besser aussieht .. .wie unlängst bei den Arbeitsmarktdaten oder bei uns vor einiger Zeit bei der Berechnung der Arbeitslosenzahlen. Aber wenn man diesen Zauberstab zu oft zückt, merken auch die gutgläubigsten Anleger, dass man sie übers Ohr hauen will.
Nein, verehrte Leser, ich denke, dass es für den Dax ab der zweiten, evtl. auch erst der dritten Woche im Januar erst einmal was auf die Mütze gibt (zumindest eine schnelle Korrektur zwischen 5 und 10%). In der ersten Woche tut sich da wenig, weil sich die institutionellen Anleger für das neue Jahr positionieren. So sagt man. Weniger elegant ausgedrückt müssen sie das neu zugeflossene Geld irgendwie investieren. Außerdem geht die Mär um, dass die ersten zehn Handelstage wegweisend für das ganze Jahr sind. Geht es da nach oben, wird auch das ganze Jahr im Plus enden. Dazu gibt es dann wieder Statistiken, die dies mit Wahrscheinlichkeiten von 63:47 in den letzten x Jahren belegen .. und vergleichbaren Unfug. Da aber genug Akteure an solche Dinge glauben wird man – wie jedes Jahr – versuchen, die Kurse bis zum zehnten Handelstag unter dem Strich im Plus zu halten.
Wenn ich mir die Rahmenbedingungen so ansehe, die mit jedem Prozent Kursanstieg im Dax weniger kommentiert werden, während das Wort „Jahreshoch“ bei den Kommentatoren ungefähr so oft fällt wie der Fachausdruck „äääh“, wird mir angesichts des jetzt erreichten Kursniveaus einigermaßen schwindlig.
Mag sein, dass ich mich irre, diesmal wirklich alles anders ist, obwohl es das früher doch nie war und wir immer und immer weiter nach oben laufen. Weil, wie schon 1999 oder 1987, irrelevante Nebensächlichkeiten wie z.b. Umsatz und Gewinnentwicklung, Rohstoffpreise oder Devisenrelationen unwichtig sind. Entscheidend für den Kursanstieg ist, das hörten wir damals auch immer: Liquidität!
Jawoll. Wer meinen gestrigen Artikel gelesen hat weiß, was ich davon halte. Geld, das aus dem nichts entsteht und so meist auch ohne harte Arbeit in die Hände fällt, ist leicht angelegt. Da ist dann auch das Bewusstsein für die Risiken geringer, als wenn man jede Mark mit eigener Hand mühsam erkämpft hat. Und es ist auch schneller weg. Das Argument „es ist einfach Liquidität da“ als Grund für einen Aufwärtstrend im Endstadium ist eigentlich nichts anders als Alarmstufe Rot für erfahrene Anleger, die solche Kapriolen bereits erlebt haben.
Meine persönliche Dax-Prognose 2007
Kommen wir also zu meiner Jahresprognose 2007: Ich erwarte eine obere Grenze zwischen 6.800 und 7.100 Punkten. Die untere Grenze des Dax könnte ich mir zwischen 5.200 und 5.500 vorstellen (und das wären vom aktuellen Niveau aus gerade mal maximal 20%).
Das entspricht meiner Ansicht, dass sich die Rahmenbedingungen einfach gegen die Liquidität durchsetzen werden, so, wie sie es bislang immer getan haben. Auch wenn das jedes Mal aufs Neue vorher niemand glauben mochte. Und es entspricht meiner Vermutung, dass gegen die schwache US-Wirtschaft entweder gar keine Maßnahmen getroffen werden oder diese zumindest zu spät kommen.
Wenn Sie nun aber auch noch gerne wissen möchten, was wann zuerst auftritt – das mögliche Hoch oder das angenommene Tief – ich weiß es nicht. Woher auch? Die Einflussfaktoren auf die Aktienmärkte sind dermaßen zahlreich – und jeder einzelne Faktor ist in sich schon nicht prognostizierbar. Und selbst wenn es möglich wäre, ist immer offen, wie sehr die Marktteilnehmer dann darauf reagieren. Daher ist auch die vorgegebene Kursspanne des Dax einfach nur aus der aktuellen Situation und einer Annahme für die Zukunft geboren, die ich heute treffe.
Bedenken Sie immer, dass niemand im Januar 2006 angenommen hätte, dass der Ölpreis auf fast 80 Dollar steigt und dann wieder – trotz ausgebliebener Hurrikans, womit wiederum niemand rechnete – nur auf 62 Dollar zurück käme. Wer hätte im Januar 2006 mit einem Goldpreis über 700 Dollar gerechnet? Oder mit der scharfen Korrektur im Mai? Der Beispiele gibt es zahllose. Wir können nicht wissen, was kommt. wir können nur reagieren, wenn es geschieht – falsch oder richtig.
Bedenke, dass Du nichts weißt
So gesehen ist das Nennen einer vermutlichen Kursspanne für den Dax das einzige, was man halbwegs als Prognose abgeben kann. Und selbst das setzt wie gesagt voraus, dass sich die Rahmenbedingungen so entwickeln, wie ich es vermute. Und das können sie gar nicht, zumindest nicht alle.
Dementsprechend sind die jetzt wieder losgetretenen Jahresendprognosen 2007 völliger Schwachsinn. Niemand kann wissen, wo der Dax Ende 2007 steht – nicht einmal vier Wochen vorher. Und diejenigen, die diese Prognosen abgeben, wissen das auch. Es sind die nervtötenden Fragen der Interviewer, die sie dazu veranlassen, solche Prognosen abzugeben. Und so lange wir diejenigen, die auch nur einen Deut auf solche Vorhersagen geben (die übrigens zu 95% höher als der heutige Stand liegen werden, einfach, weil der Dax seit Monaten steigt), nicht mit Tomaten bewerfen, wird dieser Unsinn auch nicht aufhören. Aber:
Unsinn bleibt es trotzdem. Halten wir es besser mit Bill Bonner, dessen Weisheit Kern vor allem einem entspringt: Er weiß, dass er nichts weiß. Und dass er nie genug wissen wird, um sicher zu erkennen, was morgen sein wird. wer sich dieser Schwächen bewusst ist, handelt an den Aktienmärkten genau dann, wenn es zu handeln gilt und immer mit der Erkenntnis im Hinterkopf, dass man immer mehr falsch als richtig machen kann. Wer jedoch den zwangsläufig bullishen Prognosen der Auguren in diesen Tagen Glauben schenkt und sich bereits auf ein weitere Hausse-Jahr einstellt, wird zu den Verlierern gehören. Dessen bin ich mir sicher. Aber was weiß ich schon?
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt

