Meine Einschätzung zum US-Dollar...
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 19. Dezember 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
wie Sie alle wissen ist Investoren Wissen ein offenes Forum, in dem verschiedene Autoren tätig sind; meine Kolumne lesen Sie z.B. jeden Mittwoch und Freitag. Hierbei lässt es sich natürlich auch nicht völlig vermeiden, dass es teilweise zu widersprüchlichen bzw. konträren Ansichten zwischen den einzelnen Autoren oder Gastbeiträgen kommen kann.Jeder vertritt eben seine eigene Meinung und das ist auch gut so. Je mehr verschiedene Standpunkte Sie sehen, desto besser sind Sie in die Lage versetzt, durch Ihren eigenen Sachverstand vernünftige Entscheidungen zu treffen.
Ich habe es hierbei bisher in der Regel so gehalten, dass ich die Beiträge anderer Autoren nicht sonderlich kommentierte und jedem seine Meinung ließ, denn letztlich gibt es bei niemandem eine 100%ige Sicherheit, dass man richtig liegt, sicher auch bei mir nicht. Dies also zu behaupten wäre völlig vermessen.
Als ich jedoch den gestrigen Artikel von Herrn Basenese las, fiel mir die Kinnlade herunter und ich sehe mich gezwungen, meine Ansicht zum Thema US-Dollar klar und deutlich zu formulieren bzw. mich mit den zwei Artikeln von Herrn Basenese etwas auseinanderzusetzen. Auf diese Weise können Sie sich Ihre eigene Meinung bilden und kennen dabei beide Seiten. Mir geht es hierbei auch überhaupt nicht um "Rechthaberei" oder ähnliche Motive. Vielmehr nimmt der US Dollar im aktuellen Börsengeschehen einfach eine zu wichtige Rolle ein, um dieses Thema nur einseitig (und m.E. kurzsichtig und durch die rosa Brille) darzustellen.
Solche direkten Meinungsunterschiede zwischen Autoren sind sicherlich sehr selten bei Investoren Wissen, aber im Falle des US Dollars anscheinend ausnahmsweise gegeben.
Meine Ansicht zum US-Dollar
Herr Basenese beginnt in seinem Artikel mit der seinerseits unbelegten Behauptung, es gäbe keine "Alternative für die Weltwährung". Alleine hier schon wird deutlich, dass ein schwacher Dollar anscheinend gar nicht auf seinem gedanklichen Horizont existiert und nicht passieren kann, was nicht sein darf.
Fakt ist allerdings, dass der US Dollar durchaus in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung verloren hat: Zunehmend lösen sich Staaten von der US-Dollar Koppelung ihrer eigenen Währung; Nationen beschließen Rohstoffgeschäfte untereinander zukünftig ohne den US Dollar auszuführen (hier lassen sich z.B. die Schritte Chinas und Russlands mit ihren Handelspartnern nennen...); die Schuldenberge der USA wachsen ins Unermessliche (Wer leiht einem Schuldner Geld, wenn die Chance immer mehr gegen Null geht, dieses je wieder zu erhalten?). Diese Liste lässt sich durch eine lange Reihe von Punkten fortsetzen. Geht es etwa doch ohne den US Dollar und Herr Basenese gibt deshalb keinen Beleg für seine Behauptung an?
Betrachten wir aber zuerst einmal den Rest seiner Argumente...
Weitere Zinssenkungen?
Auf den ersten Blick sehr plausibel erscheinend führt Herr Basenese den Punkt an, dass die FED bereits massiv Zinsen gesenkt habe und andere Zentralbanken hier noch nachziehen müssten. Als Resultat würde der US Dollar gestärkt und andere Währungen geschwächt, wenn sich die Zinsdifferenz verengt.
Nun ist es in der Tat so, dass der Devisenmarkt meist auf Zinssenkungen mit Schwächung der entsprechenden Währung reagiert. Nur, ist die Welt aber so einfach? Meiner Ansicht nach übersieht Herr Basenese hier wieder einmal ein paar Punkte:
Währungen bewegen sich relativ zueinander. Wenn weltweit alle Währungen gegen reale Güter stark fallen (wie etwa bei einer globalen Krise, wie z.B. einem massiven Vertrauensverlust in ungedecktes Papiergeld und dessen Abverkauf), dann kann eine relative Stärke einer Währung zu einer anderen Währung geradezu bedeutungslos werden. In solchen Situationen ist es völlig egal, in welcher (sprichwörtlichen) Toilette Sie Ihre Ersparnisse hinunterspülen. Gerade in Zeiten wie aktuell, in denen Zentralbanken massivst Papiergeld drucken, kann ich Ihnen daher nur raten, nicht den Tunnelblick am Devisenmarkt sich zu eigen zu machen: Wenn Sie also Währungen betrachten, so sehen Sie sich ruhig die relativen Bewegungen (d.h. die Kurse gegeneinander) an. Vergessen Sie dabei aber bitte nicht, dass unser Welt-Schuldgeld-System nur auf bunten Papierfetzen ohne irgendwelche materielle Gegendeckung basiert und vergleichen Sie die tatsächliche Stärke einer Währung unbedingt mit realen Werten.
Sie halten dies für übertrieben?
Dann sehen Sie sich einmal den folgenden Auszug aus einer Rede Ben Bernankes vom 21. November 2002 an (u.a. nachlesbar unter http://www.federalreserve.gov/BOARDDOCS/SPEECHES/2002/20021121/default.htm) :
Like gold, U.S. dollars have value only to the extent that they are strictly limited in supply. But the U.S. government has a technology, called a printing press (or, today, its electronic equivalent), that allows it to produce as many U.S. dollars as it wishes at essentially no cost. By increasing the number of U.S. dollars in circulation, or even by credibly threatening to do so, the U.S. government can also reduce the value of a dollar in terms of goods and services, which is equivalent to raising the prices in dollars of those goods and services. We conclude that, under a paper-money system, a determined government can always generate higher spending and hence positive inflation.
(Wie auch Gold haben US Dollars nur einen Wert in dem Ausmaß, wie ihr Angebot streng begrenzt ist. Aber die US Regierung verfügt über eine Technologie, genannt die Druckerpresse (oder heutzutage ihr elektronisches Gegenstück), welche ihr gestattet, so viele US Dollars zu produzieren wie sie möchte, praktisch ohne Kosten. Indem die US Regierung die Anzahl der sich im Umlauf befindenden US Dollars erhöht oder dies glaubhaft androht, kann sie den Wert eines Dollars bezogen auf Waren oder Dienstleistungen senken, was einer Preiserhöhung dieser Güter und Dienstleistungen in Dollar gleichkommt. Wir folgern also daraus, dass eine entschlossene Regierung unter einem Papiergeld-System stets höhere Ausgaben und damit positive Inflation erzeugen kann.)
Ich denke, ein Hinweis auf die Entwicklung des Goldpreises seit 2002 und das entsprechende Geldmengenwachstum in USD dürften reichen, um klarzumachen, worauf ich hinausmöchte.
Bisher war das Argument gegen Gold immer, es bringe keine Zinsen. Jetzt ist der Zinssatz der FED bei faktisch 0% und die Lage im Bankensystem nach wie vor sehr unsicher. Das Zinsargument gilt nun in US-Dollar nicht mehr.
Wie reagierte die Masse der Anleger hierauf?
Ich denke, der folgende Chart sagt alles:
Was Sie hier sehen ist nicht etwa ein Penny Stock oder eine gepushte Aktie, sondern ein US ETF aus langlaufenden US Staatanleihen (20 Jahre und länger)! Auf die letzten drei Monate gesehen ist dieses Teil um über 22% gestiegen. Wir sprechen hier von Staatsanleihen der höchstverschuldeten Nation der Erde... Solch eine Panik scheint durch die Märkte zu gehen.
Dies sollten Sie sich einmal überlegen: Die USA sind das Land mit dem weltgrößten Schuldenberg, haben bereits mehr als 50% ihres BIPs für "Rettungsmaßnahmen", welche kaum funktionieren werden, verprasselt und werden nächstes Jahr eine massive Flut an US Staatsanleihen auf den Markt bringen müssen (dies wird sogar bereits selbst von Regierungsoffiziellen zugegeben). Zu Beginn des Jahrtausends platze die von der FED aufgeblasene Internetblase, danach wurde im Akkord eine Immobilienblase in den USA aufgeblasen und nun sehen wir die nächste Blase bei nationalen Schuldtiteln.
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie solch eine Entwicklung (Investoren kauften sogar für negative Zinsen US Schuldtitel; siehe http://www.nytimes.com/2008/12/10/business/10markets.html?em) dauerhaft anhalten soll. Spätestens wenn diese Blase platzt, erwarte ich einen noch größeren Frust und ein noch größeres Misstrauen gegenüber virtuellen Papierwerten.
Auch kann ich Herrn Baseneses weiteren beiden Punkten nicht zustimmen. Natürlich findet zur Zeit eine kontinuierliche Enthebelung bei den größeren Adressen im Finanzmarkt statt, doch auch diese hält nicht ewig und kann allenfalls eine künstliche Rallye des US Dollars hervorrufen. Bei all den FED Aktionen und Hiobsbotschaften aus der US Wirtschaft kann ich mir allerdings kaum vorstellen, dass solch eine Entwicklung großen Bestand hat.
Den dritten Punkt von Herr Basenese sehe ich nicht als wirklich kommentierungswürdig an. Die Situation heutzutage (besonders im Bereich der US Schulden) sieht deutlich anders aus als in der Vergangenheit. Hier werden m.E. Äpfel mit Birnen verglichen.
Was ich damit sagen möchte ist,...
dass das Problem des US Dollars weit vielschichtiger ist, als es Herr Basenese hier darstellt. Und genau auf diese Punkte gehen führende Investoren immer wieder ein und genau solche Punkte (ich habe hier nur einen Teil aufgezählt) sind es, welche Investmentlegenden mit vorbildlichem Track Record wie Jim Rogers, über den Herr Basenese hier sich ja mit seinen Scheinargumenten versucht zu stellen, veranlassen, ihre US Dollars komplett abzuladen.
Leider scheint, wenn man von seinem gestrigen Artikel ausgeht, in diesem Bereich Herr Basenese die Dinge nicht im gleichen Detailmaß zu erkennen.
