Meine aktuelle Einschätzung zum Thema „Deflation – Inflation“
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 15. Dezember 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Direkt in medias res.
Heute werden in den USA die neuesten Werte des „Produzentenpreis-Index" für November veröffentlicht. Zusammen mit dem morgen veröffentlichten Konsumentenpreis-Index gibt der heutige Wert Aufschluss über den Stand des Themas „Inflation" in den USA.
Bekanntlich wird derzeit bei Anlegern und Notenbanken Angst bzw. Sorge vor einer Deflation groß geschrieben. Gegen diese drohende Deflation wird fleißig durch Geld-Drucken, staatliche Garantien und Kreditvergaben und Förderung des Konsums angehalten.
(Hoffentlich kommen keine unsinnigen Maßnahmen wie „Konsum-Gutscheine" - es dürften sich in erster Linie die asiatischen Hersteller von Unterhaltungselektronik freuen, und dafür würden die Staatsschulden erhöht.)
Dass dies im nächsten Jahr zu einem deutlichen Anstieg der Inflation führen dürfte, sehen derzeit offensichtlich die Wenigsten. Nun, derzeit wird in den Inflationszahlen auch noch kein deutlicher Anstieg zu sehen sein. Doch wenn jetzt die „Liquiditätstore" weiterhin schleusenartig geöffnet bleiben, spricht dies für einen starken Anstieg der Inflation im Jahresverlauf 2009.
*** Ein Notenbanker hat diese Gefahr (hoffentlich!) durchaus erkannt: Und zwar unser EZB-Vorsitzender Trichet. Obwohl die EZB die Leitzinsen zuletzt um nie gesehene 75 Basispunkte gesenkt hat, bleibt sie doch in erster Linie einer geringen Inflation (um die 2% pro Jahr) verpflichtet.
Und auf die Frage, ob wir derzeit eine Deflation haben, antwortete Trichet sinngemäß mit: Keineswegs - er würde es als „Disinflation" bezeichnen.
Disinflation, damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass wir derzeit zwar keine stark steigenden Preise sehen (also keine deutliche Inflation haben) - aber eben auch keine Deflation.
Recht hat er! Denn wenn die Preise wirklich fallen - warum ist denn das derzeit der Fall? In erster Linie wegen der fallenden Rohstoffpreise!
Nehmen wir als konkretes Beispiel die heute anstehenden US-Produzentenpreise. Im Oktober waren die um 2,8% gefallen. Das sieht in der Tat nach Deflation aus, 2,8% sinkende Preise, uiui.
Doch was ist das? Wenn man die Energiepreise rausrechnet, dann kommt man auf immerhin +0,4%.
Und meiner Ansicht nach wird in den USA die Inflationsrate ohnehin künstlich niedrig gerechnet. Ich hatte hier im Trader´s Daily am 17. November auf John Williams verwiesen. Das ist ein US-amerikanischer Volkswirt, kritischer Geist und potenziell einer Mitgliedschaft in der Trader´s Daily-Gemeinde würdig. Seinen Berechnungen zufolge liegt die amerikanische Inflation rund 3% über den angegebenen Werten.
Und wenn ich dies im Hinterkopf habe, sehen die vermeldeten 2,8% Minus schon ganz anders aus. Im Oktober waren die Preise für Rohöl, Benzin und Erdgas eben deutlich gefallen. Ohne diese Energiepreis-Rückgänge hätten wir ein Plus von 0,4% gesehen. Und wenn das ohnehin untertrieben ist, haben wir eigentlich das, was jede Notenbank anstreben sollte: Eine gewisse, aber unter Kontrolle gehaltene Inflation. (Für die EZB liegt ihre offizielle Toleranzgrenze bei 2%).
*** Ich finde: Wenn einzelne Preise wie Öl- und Benzinpreis eine relativ sehr starke Auswirkung auf das gesamte Preisniveau haben - dann sollte man sie besser einmal ausblenden, wenn es um die Einschätzung des Themas „Inflation" geht. Starke Preissprünge bei diesen Gütern sind „externe Schocks" und damit Sonderfaktoren.
Das gilt für stark steigende UND stark fallende Öl- und Benzinpreise. Denn überlegen Sie mal: Als z.B. in den 1970ern der Ölpreis stark nach oben schoss, da stiegen naturgemäß die Inflationsraten genau deswegen ebenfalls stark. Doch war das ein Zeichen dafür, dass die zugrundeliegenden Volkswirtschaften heiß gelaufen waren, wovon die Preissteigerungen ein Ausdruck waren? Keineswegs! Nur in einem solchen Fall machen „Abkühlungsmaßnahmen" durch Zinserhöhungen etc. Sinn.
Hätten die Notenbanken damals rein statisch auf „hohe Inflation" reagiert und die Leitzinsen erhöht, hätten sie keine „selbst verschuldete" Inflation bekämpft - sondern eine importierte, durch den hohen Ölpreis. Das hätte die Wirtschaft über Gebühr abgewürgt.
*** Umgekehrt heute: Wenn die Preise ein paar Monate fallen, weil der Ölpreis deutlich gefallen ist (gegenüber seinem Topp hat er sich ja in der Tat gedrittelt)...
...dann ist dies eine „importierte Deflation". Solange aber nicht das Preisniveau generell absinkt, lässt sich damit leben. Es ist doch sogar durchaus gut!
Die Energiekosten sinken, und gerade für Volkswirtschaften wie die EU (die zu den Importeuren von Öl gehört) ist dies doch im Grunde eher ein Anlass zur Freude. Sinkende Kosten für Energie, das freut die einheimischen Unternehmen genauso wie die Verbraucher.
(Und in der Tat senken erste Energieanbieter nun auch für Privatkunden die Preise, wenn auch - natürlich - viel zögerlicher, als sie selbst von den Preissenkungen profitieren).
Mit einer wirklichen Deflation, mit allgemein sinkendem Preisniveau und „Konsum-Boykott", hat dies wenig zu tun.
Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche!
Ihr
Michael Vaupel
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