Maximus Greenspan
Bill Bonner in Investors Daily
vom 05. September 2002 18:00 Uhr
ENL5454
"Wir können den Erfolg nicht garantieren, aber wir verdienen ihn."
(George Washington)
Auf dieses Zitat von George Washington bin ich auf eine merkwürdige Weise aufmerksam geworden. Valery Giscard d'Estaing befasste sich mit der Organisation der Europäischen Union. Derzeit wird die Union durch eine Reihe von Verträgen zusammengehalten. Wenn es ihnen gefällt, können Mitgliedsstaaten einfach Verträge ignorieren oder Gründe finden, warum der Vertrag hier nicht greifen soll. Beispiel Deutschland: Wenn die im Maastricht-Vertrag vorgesehene Defizit-Obergrenze dieses Jahr voraussichtlich überschritten werden wird, wird Deutschland bestimmt Gründe präsentieren, die das rechtfertigen.
Diese Situation ist vergleichbar mit der zu Beginn der amerikanischen Republik. Virginia oder Pennsylvania wollten sich zu diesem Zeitpunkt noch wie souveräne Staaten verhalten – was sie ja auch eigentlich sein sollten. Giscard hat diesen Sommer viel über Adams, Washington und die Leute, die eine starke, zentrale amerikanische Regierung geschaffen haben, gelesen. Dabei entdeckte er das oben wiedergegebene Zitat von Washington.
Ich werde jetzt – Sie werden erfreut sein, das zu hören – nichts über die Europäische Union schreiben. Es geht um Geld, nicht um Politik. Aber die Gemeinsamkeiten lassen sich nicht leugnen. Bei beiden Themen geht es um die Gefühle von Massen, und um unvorhergesehene Ereignisse ... und diese sind sehr schwer zu verstehen, sogar dann, wenn sie schon eingetreten sind.
"Worum ging es eigentlich?", fragen wir uns, und denken dann jahrelang darüber nach. Als Henry Kissinger einmal Deng Xiaoping nach seiner Meinung gefragt hat, inwiefern die Napoleonische Ära Europa beeinflusst hat, antwortete der Chinese: "Es ist noch zu früh, um diese Frage zu beantworten."
Es wird immer zu früh sein, weil Geschichte immer eine Mischung aus Vermutungen und Lügen ist. Dinge passieren und Leute versuchen sie einzuordnen. Sie versuchen, aus Fehlern zu lernen, oder – wie Giscard – aus den Erfolgen anderer. Und so werden Lügen gesponnen, Mythen gepflegt, Nächtelang gegrübelt ... bis die Zigaretten und der Alkohol ausgehen und man nur noch ins Bett gehen kann. Und sogar da, im Schlaf, träumen sie von Sieg und Niederlage ... von Sturm und Drang ... von Gier und Angst. Von den guten Taten ... und Torheiten ... die sie gemacht haben, oder gemacht haben sollten.
Was wird Alan Greenspan, alleine in der Badewanne, wohl denken? Wie wird die Geschichte einmal über diesen Mann richten? Was ist sein eigenes Urteil? In den späten 90ern, Sie erinnern sich vielleicht, war er einer der drei starken Männer des amerikanischen Finanzsystems. Die anderen beiden, Larry Summers und Jack Rubin, waren bald von der Bildfläche verschwunden: Summers ging nach Harvard, Rubin verschwand mit dem Präsidentenwechsel. Aber Greenspan war noch da ... der letzte Mann des Triumvirats ... der Caesar des weltweiten finanziellen Systems.
Man glaubte allgemein, dass Greenspan keine ernsthafte Rezession zulassen würde. Auch den Aktienmarkt würde er nicht einbrechen lassen. Aber nachdem die Aktienkurse eingebrochen waren, war er immer noch da ... und zehrte immer noch von seinen früheren Verdiensten. Immerhin – er senkte die Zinsen sehr schnell, und ermutigte die Konsumenten dadurch, sich noch weiter zu verschulden. Die Mini-Rezession von 2001 hätte sonst deutlich schlimmer sein können ... und wer weiß, was mit den Aktienkursen passiert wäre.
Und ist er nicht vor ein paar Wochen sogar von der britischen Queen zum Ritter geschlagen worden?
Das Auswahlkomitee der Queen wird wahrscheinlich ein sehr verzögerter Indikator sein. Oder vielleicht haben die Neuigkeiten sie noch nicht erreicht ... die News, dass die Spekulationsblase, die Greenspan noch genährt hat, vielleicht doch keine so gute Idee gewesen ist.