Massenbewegung
Axel Retz in DAX Daily
vom 07. Februar 2007 08:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Meinen ersten Besuch in den USA werde ich wohl nie vergessen. Es war Anfang Januar 1996 und ich wartete in Frankfurt auf den Flieger. Handys erregten noch Aufmerksamkeit. Neben mir wartete ein junger Mann in feinem Zwirn soweit ich das mangels diesbezgl. auch heute noch etwas mangelndem Sacherverstand beurteilen konnte.
Der junge Freund wurde nicht müde, der auf das Einchecken wartenden Reisegemeinde durch permanente Anrufe die Zeit zu vertreiben. Ich höre es heute noch: „Helloou, hier ist Dirk, ich komme von Fränkfürt Airport über Handy durch"…
Das kann ja Eiter werden, dachte ich mir, aber im Flieger war das Telefonieren untersagt. Und Dirk entglitt meiner Beobachtung.
Der eigentlich interessanteste Teil der Reise betraf den Rückflug. Die USA versanken in Eis und Schnee. Vom sonnigen und warmen Tucson in Arizona ging es erst einmal nach ich weiß nicht mehr wohin, von dort aus nach Chicago.
Im Flughafen schwante mir Böses. Auf den Gängen saßen und lagen links und rechts gestrandete Reisende, deren Flüge wegen des herrschenden Wetterchaos’ abgesagt worden waren. Und auch an unserem Schalter der American Airlines wartete das Ungemach: Der Flug nach Frankfurt ist storniert, einige Plätze sind aber noch bei der Air France zu haben, wurde uns über Lautsprecher mitgeteilt. Diese Maschine sollte in 35 Minuten starten.
Über 200 Menschen griffen wie auf Kommando nach ihren Koffern, Trolleys und Kindern und starteten einen Spuk, als ob gerade verkündet worden wäre, dass in 15 Sekunden 27 ausgehungerte Tiger auf die Menge freigelassen würden.
Nachdem die Freunde des Instinkts davon geeilt waren, stand ich allein da. Nur mein treuer Koffer saß noch neben mir.
Nun ja. Ich ging noch einmal zurück zur netten Dame der American Airlines und fragte nach, ob es denn überhaupt keine andere Möglichkeit gäbe, doch noch nach Frankfurt zu kommen. Sie tippte ein wenig auf ihrer Tastatur herum. Und ich bekam den letzten freien Sitzplatz in einem Flieger der British Airways. Auf dem Weg zum Gate hörte ich die Durchsage, dass der Flug der Air France gerade abgesagt worden war.
Daran muss ich zuweilen zurückdenken, wenn auch an der Börse wieder alle in scheinbarer Torschlusspanik durch ein und dieselbe Türe rennen wollen.
Heute ist das die Türe zum Kauf, von der die Anleger aus den Medien zu hören meinen, dass sie in wenigen Minuten, Stunden oder Tagen geschlossen wird. Man sollte sich, auch an der Börse, nicht blindwütig gegen die Masse stellen. Aber man muss ihr auch nicht immer folgen.