Marktbetrachtung: Ein neuer Trend?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 25. Mai 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
nein, ich spreche hier nicht von einem technischen Trend in irgendwelchen Leitindizes, sondern von einer Beobachtung, die mir die letzten Tage auffiel. Es ist noch zu früh zu sagen, ob sich hieraus ein neuer Trend entwickeln wird, aber ich möchte diese Ihnen keinesfalls vorenthalten.
Flucht aus dem US-Dollar-Raum?
Wenn wir uns einmal ansehen, wie in der Vergangenheit an schlechten Tagen im Markt die Gelder flossen, so fällt relativ schnell auf, dass bei Phasen des Kursrückgangs am US-Aktienmarkt meist in "sichere" Staatsanleihen geflüchtet wurde, während bei Kursanstiegsperioden am Aktienmarkt amerikanische Staatsanleihen entsprechend im Kurs sanken. In anderen Worten: Ein großer Teil der Mittel blieb also im US-Dollar Raum und änderte dort lediglich seine strategische Positionierung.
Die vergangenen Tage jedoch war sehr auffällig, dass an negativen Tagen im Aktienmarkt keine Flucht in die Staatsanleihen stattfand, sondern diese auch, samt dem US-Dollar, abverkauft wurden. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob hier komplett Mittel aus dem USD-Raum abgezogen werden?
Zeitgleich zu den von mir beschriebenen Entwicklungen fand besonders in den amerikanischen Medien übrigens immer mehr die Frage nach einer Reduzierung des "AAA"-Ratings der USA statt...
Natürlich wäre eine Schlussfolgerung noch verfrüht, aber die Frage stellt sich durchaus: Sehen wir hier ggf. einen neuen Trend oder gar den langsamen Beginn einer Staatsanleihenkrise bzw. deren Abverkauf?
Ein paar Gedanken bzw. Charts hierzu...
Zum Thema "Herabstufung der USA"
Wie Sie alle wissen, verfügen die USA über ein "AAA"-Rating, was deren Kreditwürdigkeit angeht. Nicht selten sorgt dieses Ratings angesichts des hohen Schuldenstands der USA für Diskussionen. Kritiker halten den Rating-Agenturen vor, sie seien, wie schon in zahlreichen Fällen in der Vergangenheit auch (etwa bei der Risikobewertung "toxischer" Papiere) , nicht objektiv und deren Ratings seien politischer Natur oder Gefälligkeitsratings. Verteidiger hingegen argumentieren, dass "AAA"-Rating sei vollkommen berechtigt, denn man habe ja die Druckerpresse und die Weltreservewährung und könne sich auf diese Weise sicher sämtlicher Schulden entledigen; somit sei eine Herabstufung des Ratings der USA schlicht unnötig (und darüber hinaus sogar gefährlich für das weltweite Finanzsystem).
Ich halte beide Positionen nur für teilweise richtig. Einerseits stimmt es natürlich, dass sich Ratingagenturen in der Vergangenheit nicht gerade durch vertrauenswürdige bzw. ernstzunehmende Ratings ausgezeichnet haben und ich möchte daher keinesfalls eine Lanze für diese Firmen brechen (im Gegenteil...). Andererseits ist es wohl richtig, dass die USA ihre Schulden nominal, also in US-Dollar, in ihrer jetzigen Lage stets zurückzahlen können. Was die Gemeinde der Gelddruckmaschinen-Anbeter dabei jedoch übersieht bzw. unerwähnt lässt ist, dass natürlich solch eine Rückzahlung von Schulden gemessen an tatsächlicher Kaufkraft eine Farce ist.
Stellen Sie sich vor, Sie leihen jemandem 10.000 Euro und erhalten nominal 10.000 Euro zurück, die jedoch gemessen an tatsächlicher Kaufkraft nur noch 5.000 Euro ihres damaligen Kapitals wert sind. Sie können dies auch in andere Worte fassen und sagen, dass Sie nur die Hälfte Ihres "tatsächlichen" Kapitals zurückerhalten haben (und werden somit wohl entsprechend hohe Zinsen von Ihrem Kreditnehmer fordern...).
Was ich damit sagen möchte: Wenn wir dies auf die USA anwenden, so sprechen wir wohl über zwei Optionen:
1) Einen ehrlichen Bankrott
2) "Wegdrucken" der Schulden
Da kaum anzunehmen ist, dass die amerikanische Politik sich die Blöße eines "offiziellen" Staatsbankrotts geben wird, darf wohl zurecht davon ausgegangen werden, dass der beschlossene Plan das möglichst dezente "Wegdrucken" der Schulden, also mindestens eine Teilenteignung der Kreditgeber durch Inflation, ist. Eine Herabstufung des amerikanischen Ratings halte ich aus politischen und aus Gründen des Interessenkonflikts der Ratingagenturen für nahezu ausgeschlossen, auch wenn viel darüber gesprochen wird in den Medien.
Die Strategie der "Entschuldung über die Gelddruckmaschine" dürfte den meisten Marktteilnehmern auch immer klarer werden. Sehen wir uns doch einmal die langlaufenden Staatsanleihen, welche sehr sensibel auf Inflationssorgen reagieren, an:
Abb.: Aktueller P&F Chart "US-Staatsanleihenkorb 20+"
Wie Sie unschwer erkennen können, wurde der seit 2003 bestehende langfristige Aufwärtstrend der längerfristigen amerikanischen Staatsanleihen erstmalig klar nach unten durchbrochen und die Zinsen auf die entsprechenden Papiere steigen (gut natürlich für die von Ihnen, welche damals zu Beginn des Jahres längerfristig short gingen, als ich das Thema "Staatsanleihenblase in den USA" hier bei Investoren Wissen ansprach; ich denke, wir dürften noch weitere Verluste sehen).
Auch der US-Dollar-Stärke-Index, welcher die Stärke des amerikanischen Dollars gegen einen Korb von international bedeutenden Währungen misst, zeigt sich an einem kritischen Punkt:
Abb.: Aktueller P&F Chart "US-Staatsanleihenkorb 20+"
Der Aufwärtstrend, welcher im Jahre 2008 begann, ist nun gebrochen.
Sie erinnern sich an damals? Der US-Dollar war auf einem gewaltigen Weg nach unten und dann setzten die Schockwellen der Wirtschafts- und Finanzkrise ein, was Massen von Anlegern in die vermeintlich "sicheren" US-Staatsanleihen trieb. Die Absurdität dieser Investmentschafe, welche damals wie eine Herde vor dem Wolf in diese Papiere völlig gedankenlos und reflexartig flüchteten, ging derart weit, dass sogar Negativrenditen in einigen Fällen akzeptiert wurden.
Wie es scheint, hat diese längere Contra-Trend-Rallye nun an Stärke verloren und wir begeben uns mit diesem Trendbruch wieder in Richtung des längerfristigen Trends: Abwärts.
Um zurück zu meinen erwähnten Beobachtungen der letzten Tage zu kommen: Wenn sich die hier beschriebenen Entwicklungen fortsetzen, dürfte dies einigen Leuten in Vereinigten Staaten ein ziemliches Kopfzerbrechen bereiten. Doch auch Europa und die anderen Länder bzw. deren Währungen sind keinesfalls immun. Es bleibt wohl auf jeden Fall spannend.
Kommen wir zu den Aktienmärkten
Auch am Freitag gab der NYSE BPI wieder ab und fiel auf 69.07 Punkte. Somit trennen uns 1.07 Punkte von einem möglichen Reversal. Auch der VIX legte in den letzten Tagen wieder etwas zu.
Diese Woche könnte sehr spannend werden. Wird es eine Entscheidung in einem oder gar beiden dieser wichtigen Indikatoren geben?
Anbei die aktuellen Charts:
Abb.: P&F Chart des NYSE BPI
Abb.: P&F Chart des VIX
Beste Grüße
Alexander Hahn



