Mao Tse-Tung
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 12. Oktober 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Je mehr man die Geschichte liest, desto weniger lernt man aus ihr. Nicht, dass es nicht unterhaltsam wäre, im Gegenteil, die Geschichte ist nichts weniger als unterhaltend. Das Problem ist, das sie auch nichts mehr ist. Am Ende ist alles, was man davon hat, ein offen stehender Mund und ein Verstand, der so weit geöffnet wurde, dass er bereit ist, alles zu glauben ... und nichts zu glauben.
Das sage ich jetzt, nachdem ich die große Biographie Mao Tse Tungs gelesen habe, geschrieben von Jung Chang und Jon Halliday. Die Autoren müssen Jahre damit zugebracht haben, sich durch die offiziellen Berichte zu wühlen, sich die mündlich überlieferten Geschichten anzuhören und die Zeitungen zu lesen. Das, was dabei herausgekommen ist, ist außergewöhnlich. Und das Erstaunlichste daran ist, dass es zeigt, wie Menschen mit fast allem durchkommen konnten.
Im 20. Jahrhundert sind die Menschen mit Schlimmerem davongekommen als allgemein üblich. Mord, Raub, Folter, Hunger waren nicht ungewöhnlich. Und die Leute, die diese Verbrechen begangen haben, erfreuten sich oft öffentlicher Bewunderung. Ihre Silhouetten zierten die Papiergeldwährungen. Abbildungen wurden aus Granit gemeißelt und auf öffentlichen Plätzen aufgestellt. Ihre Bemerkungen und Zitate wurden in kleinen Büchern abgedruckt und unter den Massen verteilt wie Weihnachtsgebäck ... und von unerfahrenen Forschern studiert, als handelte es sich um Psalmen.
In den 1960ern habe ich einige Zeit in einem Bildungszentrum in Paris zugebracht. Ich erinnere mich – für die jungen europäischen Intellektuellen bestand die schwierigste Aufgabe in dieser Zeit in der Frage, ob sie den Trotzkisten, den Leninisten oder den Maoisten beitreten sollten. Jeder hatte seinen eigenen Stil und seine eigene Doktrin. Die Studenten blieben bis spät in der Nacht auf den Beinen und stritten über die eine oder andere Feinheit – und keiner von ihnen hatte die geringste Ahnung, wer diese Männer wirklich waren oder was ihre überlieferten Weisheiten wirklich zu bedeuten hatten.
Heute, nachdem man die Archive geöffnet hat und das Leben der meisten dieser Herrscher beendet ist, erkenne ich immer besser, was wirklich vor sich ging ... und wie diese großen revolutionären Helden wirklich waren. Und was das alles für eine widerwärtige Show ist. Hegel trifft auf Chaos, Kapital trifft auf Kettensägenmassaker.
Die Chinesen sind kluge Menschen, sehen Sie sich nur die Namen an, die es in die obersten Wissenschaftsprogramme der besten amerikanischen Universitäten schaffen. Hier zeigt sich, dass die Chinesen und die Japaner überall die Nase vorn haben. Aber lesen Sie die Geschichte von Mao - Sie werden sich wundern! Wie konnten so viele kluge Menschen etwas so Dämliches zulassen ... wäre es hier nicht schon Schmeichelei, von Dummheit zu sprechen?
Wer hätte gedacht, dass eine der ältesten und am höchsten entwickelten Zivilisationen dieses Planeten sich selbst einem derart hirnlahmen Intellektuellen ausliefern würden, dessen Hauptinteressen im Stiften von Verwüstung ... und in der eigenen Darmtätigkeit ... lagen. Was haben sich seine Gefolgsleute gedacht, als sie miterlebten, wie er befahl, man solle seine treuesten Untergebenen in Fesseln legen, foltern und ermorden? Was haben sie gedacht, als ihr eigener General sich – im Anbetracht eines unerbittlichen Feindes, der bekannt gab, sie alle „vernichten“ zu wollen – in Bewegung setzte und dadurch selbst ein Drittel der gesamten Armee auslöschte, oder der auf feindlichen Gebiet seine Zeit vertändelte, entgegen der Stimmen seiner Vorgesetzten, und dem es gelang, von seinen ursprünglich 80.000 Gefolgsleuten 70.000 zu verlieren? Was haben sie sich nur gedacht, als derjenige, der sich selbst als einen Kämpfer der Armen bezeichnete, sie hungern ließ, sie ausraubte und ohne Gnade folterte ... so rücksichtslos, dass jeder Landarbeiter, der die Kraft hatte, zur anderen Seite überlief?
Wenn sie nicht geflohen sind, dann erhängten sie sich oder schnitten sich die Pulsadern auf. Als es Mao gelang, ein kleines Stück von China in seine Finger zu bekommen, verwandelte er diesen Ort direkt in ein Gefängnis. Bewaffnete Wachen patrouillierten in den Straßen und an den Grenzen, um die Leute an der Flucht zu hindern. Man ermutigte die Leute, einander zu verpfeifen. Die Folter war barbarisch, Hinrichtungen alltäglich. Familien war es nicht erlaubt, einander zu besuchen weil die Autoritäten Angst hatten, dass sie etwas aushecken würden. Wurde eine Familie erwischt, die einen Gast empfangen hatte, dann wurde sie getötet. Es ist keine Überraschung, dass die Leute dieses protomaoistische Arbeiterparadies eher als bedrückend empfanden. Selbst die obersten Kader fingen an, sich das Leben zu nehmen. „Selbstmörder sind in den revolutionären Rängen die schändlichsten Elemente“, lautete ein Slogan, der ausgerufen wurde, um diesem Trend ein Ende zu setzen.
Was haben sich die Chinesen gedacht, als sie Mao damit davonkommen ließen? Es war, als würden sie überhaupt nicht mehr selber denken. Während seiner Karriere war Mao für mehr Tote verantwortlich als irgendein anderer Mensch der Geschichte. Durch Mord, Hunger und Folter ... und diese üblichen Sterbeursachen wurden von Mao und seinen Schlägertypen noch um einige ergänzt. Siebzig Millionen ist die Zahl, die Chang und Halliday angeben. Selbst das gesamte Mogulregime des Dschinghis Khan und seiner Ahnen – die drei Zivilisationen eroberten ... Muslime, Chinesen und Hindus ... und die drohten, auch die Christenheit zu erobern - bringt es nicht auf diese Zahlen.
Man sollte doch meinen, dass der eine oder andere der Hundertmillionen leidender Chinesen etwas getan haben sollte. Es müssen doch sicherlich Millionen verstanden haben, was vor sich ging. Es war doch von Anfang an offensichtlich, dass Mao ein Menschen mordender, inkompetenter Tyrann war. Warum hat nicht einer von ihnen, dessen Frau grässlich misshandelt wurde ... dessen Sohn getötet wurde ... oder dessen Familie entweder dem Hunger oder dem Bajonett zum Opfer fiel ...irgendetwas getan, um sich zu rächen? In den ersten Jahren wäre es noch recht leicht gewesen, Mao in einen Hinterhalt zu locken. Aber vielleicht ist das das Problem der modernen Welt. Die Leute nehmen die Pflicht zur Rache nicht mehr ernst genug. Mao starb erst viele Jahrzehnte später eines natürlichen Todes.
Es ist eine Erleichterung für viele, dass Mao ein Kommunist war und dass der Bolschewismus heute nicht mehr die Herzen und die schwere Artillerie befeuert. Aber es ist eine trügerische Behaglichkeit. Mao hat sich nie um Ideologie gekümmert. Er hat seine eifrigen kommunistischen Gefolgsleute genauso bereitwillig ermordet wie die kapitalistischen Bonzen. Er hat Geld aus Moskau akzeptiert, aber er hat den Russen auch immer wieder den Rücken zugewendet, wenn es seiner Sache keinen Schaden tat. Er hätte ebenso gut Republikaner sein können. Er hielt sich an den Kollektivismus nur deshalb, weil die Sache schon im Gang war ... und je schneller er sie schleuderte, desto rücksichtslosere Schleimstückchen drangen an die Oberfläche. Es sei notwendig, schrieb er, „in jedes Land der Erde eine Herrschaft das Terrors einzuführen.“
Praktisch alles über Mao war entweder gelogen oder Betrug. In diesem Sinne war er ein perfekter Anführer für ein großes öffentliches Spektakel. Und wie sich herausstellen sollte, war er für diese Rolle wie geschaffen. Alles an ihm war Show ... alles Unfug ... alles Quacksalberei.
Als Soldat war Mao eine Katastrophe. Er entfernte sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit von den Kampfhandlungen und hielt sich normalerweise im größten, sichersten und bestausgestatteten Haus der ganzen Gegend auf. Dort hat er sich in der Regel den Bauch voll geschlagen und auf der faulen Haut gelegen, während seine Mörderbande ihren Job erledigte. Aufgefordert, der Schlacht beizuwohnen, führte er seine Armee in die entgegengesetzte Richtung ... oder er saß die Schlacht aus und kam später. Warum die Führung der Partei ihn nicht getötet hat, ist ein Rätsel ... ein Versehen, dass sie später schwer bereuen sollten.
Schon sehr früh in seiner Karriere machte er Bekanntschaft mit dem Nervenkitzel der Brutalität. Es gab ihm eine „noch nie zuvor so erlebte Art von Ekstase ... es war wunderbar ...es war wunderbar...“ sagte er. Zu behaupten, er sei hartherzig gewesen, ist, als stelle man fest, die Abwasserkanäle von Peking seien übel riechend; es reicht einfach nicht aus, wenn man den Geruch plastisch beschreiben will. Mao nahm an Foltersitzungen teil. Er verdammte ganze Dörfer zum Verhungern. Er verschliss seine eigenen Soldaten in sinnlosen Schlachten und unnötigem Leid. Selbst beim berühmt gewordenen „langen Marsch“ ist er selbst nicht viel marschiert. Seine dürren Soldaten mussten ihn auf einer Sänfte tragen.
Männer vom Militär sind oft Dummköpfe, zumindest die Besten unter ihnen sind es, aber Mao bildete unter ihnen eine ganz eigene Klasse. Der Lange Marsch war unter anderem so lang, weil Mao nirgendwohin ging. Er marschierte mit seinen Männern die Berge rauf und runter ... hunderte von Meilen erst in die eine Richtung, dann in die andere, mit sehr mageren Essensrationen und fast ohne medizinische Betreuung, nicht einmal für die Verwundeten. Und das nur, um nicht zu einem Treffen zu müssen, das seinen politischen Griff schwächen könnte. Er sollte sich mit einem anderen Armeeführer zusammentun, der ebenso rücksichtslos war wie er.
Der Hauptfeind der Kommunisten dieser Zeit – und jeder hasste ihn – war Chiang Kai-Chek. Aber Chiang hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon entschlossen, die Roten ziehen zu lassen. Dennoch gelang es Mao die Kämpfe anzustacheln, die seine kleine Armee dezimierten. Bei Tucheng brachte Mao seine Truppen in die schlimmstmögliche Situation – sie standen mit dem Rücken zum Roten Fluss – und den besten Streitkräften Chiangs gegenüber. Natürlich wurden die Kommunisten fast ausgelöscht, während Mao von einem nahe gelegenen Berg zusah. Die meisten von den roten Soldaten, die nicht direkt bei den Kampfhandlungen starben, starben wenig später an der Kälte und den Verwundungen. Oder sie wurden von den Bauern der Gegend ermordet, die versuchten das zu rächen, was die Kommunisten ihnen angetan hatten. Wo auch immer er hinging, behandelte Mao die Ortsansässigen mit solch nackter Brutalität, dass er Revolten auslöste – gegen die Revolutionäre.
Der gesamte Lange Marsch ist nichts weiter als die Litanei einer Reihe von Miseren, die Mao auslöste. Aber die Götter müssen in den Dreißigern einen seltsamen Sinn für Humor gehabt haben, sie ließen Mao, Adolf und Josef dennoch zur Macht kommen.
Während Mao als General ein Blindgänger war, war er als politischer Philosoph ein schlechter Witz. Früh in seinem Leben hätte er als Nachfolger von Ayn Rand herhalten können. „Leute wie ich sind nur sich selbst gegenüber verpflichtet“, schrieb er. „Anderen gegenüber sind wir nicht verpflichtet.“ Später grub er seine Gabel in den Marxismus wie ein westlicher Schuljunge, der Sushi probiert. Er war sich nicht sicher, was da drin stecken würde, und er war nicht besonders daran interessiert, es herauszufinden. Stattdessen wählte er Kaiser Qin Shihuangdi (221-206 vor Chr.) zu seinem Vorbild. Qins Imperium überdauerte 2.000 Jahre. Er hat nicht nur die große Mauer gebaut, er hat auch konfuzianische Gelehrte ermordet, klassische Bücher verbrannt und Tausende, vielleicht auch Millionen von Menschen verfolgt.
Es war sein zielgerichtetes Streben nach Macht, das Mao so erfolgreich werden ließ. Seine Rivalen haben tatsächlich das marxistische Geschwätz geglaubt. Sie nahmen ihre Befehle von den Kadern der Partei entgegen und versuchten ernsthaft, viele dumme und unmögliche Programme durchzuführen. Als Mao Unterstützung aus Moskau bekam, merkten seine chinesischen Zeitgenossen, dass ihnen die Hände gebunden waren, sie wussten, dass er Probleme machen würde, aber sie konnten ihn nicht los werden
Mao hatte damit nicht viel zu tun. Er löschte seine Feinde und Freunde aus – ganz wie es ihm gerade gefiel. Er hörte auf Moskau, wenn er wollte und wenn Moskau Befehle gab, die ihm nicht zusagten, dann ignorierte er sie. Er war kein ‚guter Kommunist’. Er war eigentlich überhaupt kein Kommunist.
„Der Kommunismus ist nicht Liebe“, sagte er „Kommunismus ist ein Hammer, den man verwendet, um den Feind zu zerschlagen.“
Aber in seinem Verhalten gegenüber dem schönen Geschlecht tritt die schlechteste Seite von Mao zutage. Wenn es um Frauen ging, dann war der große Steuermann mehr als ein Pfuscher ... ein Grobian ... er war ein Schurke.
Er heiratete eine Frau ... und ließ sie dann links liegen. Die nächste brachte zwei Kinder zur Welt. Nur knapp 18 Monate später führte er einige grausame Mordkampagnen durch und brachte seine Armee in die Nähe der Gegend, in der sie lebte. Mao hätte seine Frau sofort aus dem Gefahrenbereich bringen können und sollen, aber das hat er nicht getan. Seine Feinde schnappten sich die arme Frau und brachten sie zu Tode, in der Hoffnung, dass sie so Maos Herz einen Schlag versetzen würden. Aber dem Mann schien es überhaupt nicht aufgefallen zu sein. Er hatte bis dahin schon eine neue Geliebte und die zweite Ehefrau war vergessen.
Seine neue Geliebte, Gui-yuan, wurde daraufhin zu seiner dritten Frau und bekam während des langen Marsches ein Baby. Wieder war Mao in der Nähe, kam aber nicht, um sie zu sehen. In der Hoffnung das Baby vor den entsetzlichen Bedingungen, die vorherrschten, zu schützen, gab sie es zusammen mit einem Geldbetrag für seine Pflege, in die Hände eines ortsansässigen Bauern. Es ist bald darauf gestorben.
Bald darauf ist Gui-yuan selber fast gestorben, als sie von einer der Bomben Chiangs getroffen wurde. Die Ärzte gaben ihr nur noch wenige Stunden zu leben und ihr Schmerz war so groß, dass sie ihre Kameraden bat, dem Elend ein Ende zu setzen. Wieder einmal war Mao in einem nahe gelegenen Dorf und sagte, er sei zu ‚müde’ zu kommen und nach ihr zu sehen.