Lügen und Nebelkerzen: Inflationsraten
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 22. Juli 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
um kaum eine wirtschaftliche Größe gibt es wohl derart viel Diskussion wie um die Inflationsraten. Es beginnt schon bei der Frage, was Inflation eigentlich ist und wie man diese messen kann.
Bei Wikipedia findet sich z.B. die folgende Erklärung:
Inflation (von lat.: „das Sich-Aufblasen; das Aufschwellen“) bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre einen andauernden, „signifikanten“ Anstieg des Preisniveaus infolge längerfristiger Ausweitung der Geldmenge durch Staaten oder Zentralbanken. Es verändert sich also das Austauschverhältnis von Geld zu allen anderen Gütern zu Lasten des Geldes: für eine Geldeinheit gibt es weniger Güter, oder umgekehrt: für Güter muss mehr Geld gezahlt werden, das heißt sie werden teurer. Daher kann man unter Inflation auch eine Geldentwertung verstehen.
Das ist ja eigentlich schon recht deutlich und auch anschaulich vorstellbar - sollte man meinen. Doch der Teufel liegt, wie nicht selten, auch hier im Detail.
Definitionen, Methoden und Probleme der Inflationsmessung
Wenn Sie sich einmal durch entsprechende Literatur arbeiten oder aber auch einfach nur den von mir zitierten Wikipedia-Artikel einmal etwas näher betrachten, wird Ihnen schnell auffallen, dass es beim Thema "Inflation" sehr verschiedene Ansichten gibt.
Die Masse der Ökonomen und auch die Regierung messen die Inflationsrate über einen sog. "Warenkorb". Der Gedanke hierbei ist, dass dieser Korb veranschaulichen und erfassen soll, welchen Preissteigerungen die entsprechenden Haushalte in einem Land ausgesetzt sind.
Aber wie funktioniert dies im Detail?
Ohne jetzt allzu mathematisch zu werden, können Sie sich dies wie folgt vorstellen: Man nimmt sich ein Jahr als Ausgangsjahr für die weiteren Betrachtungen (In der BRD ist dieses Ausgangsjahr das Jahr 1952). Gleichzeitig legt man einen Warenkorb an Gütern und Produkten fest, deren Preise man verfolgt und in einen Index entsprechend gewichtet umrechnet.
Die dann folgenden Jahre verfolgt man die Preisentwicklung der einzelnen Güter und hat durch die Indexkonstruktion die Preise auf eine mathematische Größe reduziert und somit entsprechend fassbar gemacht, um die einzelnen Jahre miteinander zu vergleichen.
Die Messung der Inflation basierend auf einem Warenkorb läuft nun in der BRD bereits einige Jahrzehnte. Ist solch eine Herangehensweise aber überhaupt solide und wirklich sinnvoll? Oder haben wir es mit einer weiteren Nebelgranate und Lebenslüge der Wirtschaft und an der Börse zu tun?
Erhebliche Nachteile und Schwächen
Lassen wir Wikipedia doch nochmals sprechen:
Probleme bei der Messung dieser Zahlen ergeben sich vor allem daraus, dass mit zunehmendem Abstand zum Basisjahr der Warenkorb immer weniger repräsentativ ist, da das Konsumentenverhalten sich permanent ändert. So finden z. B. Innovationen im Warenkorb nur teilweise Berücksichtigung. Außerdem wird nicht berücksichtigt, dass sich verteuernde Produkte im Konsumverhalten schnell durch ähnliche Güter ersetzt werden.
Na was ist das denn? Steht etwa die offizielle Inflationsrate in der BRD nicht auf mathematisch sinnvollen und soliden Füßen?
Überlegen wir uns doch einmal in anderen Worten, was hier steht. Wenn wir als Grundlage für unsere Inflationsmessungen einen Warenkorb aus dem Jahre 1952 wählen, so liegt dies ja durchaus bereits einige Jahre zurück. Die Zeiten ändern sich, die Produkte ändern sich, Konsumgewohnheiten ändern sich, etc.
Hieraus ergibt sich jedoch ein Problem: Werden zu viele Produkte des Warenkorbs geändert im Vergleich zum Ausgangsjahr, sind die Daten für einen Vergleich mit der Vergangenheit immer schwerer bis im schlimmsten Fall gar nicht mehr nutzbar. Wird der Korb nicht weit genug angepasst, ist er auf die aktuellen Zeiten gesehen realitätsfern wenn nicht gar völlig realitätsfremd.
Es gibt hier also ein gewisses Spannungsverhältnis.
Doch das ist ganz sicher noch nicht alles:
Der Wert ist auch über alle Einkommensgruppen aggregiert, sagt also nichts darüber aus, inwieweit einzelne Einkommensgruppen betroffen sind.
Wenn das kein harter Stoff ist?
Hier haben wir also ein weiteres Problem. Die offizielle Inflationsrate berücksichtigt nicht, wie die einzelnen Haushalte von Preissteigerungen der im Warenkorb erfassten Elemente überhaupt betroffen werden.. Wir haben es hier mit einer Art "Mittelwert" zu tun.
Dies lässt sich relativ einfach an einem Beispiel deutlich machen:
Nehmen wir etwa die Ausgaben, die ein Haushalt pro Monat für den Lebensmittelkauf hat. Prozentual gesehen wird jemand, der von 1000 Euro im Monat lebt, sicherlich weit mehr für Lebensmittel ausgeben als jemand, dem 4000 Euro im Monat zur Verfügung stehen. Steigen also die Lebensmittelpreise in diesem Beispiel stark an, entscheidet die definierte Gewichtung im Warenkorb, in wie weit diese Preissteigerung Einfluss auf die offizielle Inflationsrate hat. Und das muss keineswegs der prozentualen Belastung entsprechen, die der jeweilige Haushalt verspürt. Ein wirklich gleicher prozentualer Anstieg der eigenen Kosten wie der im offiziellen Warenkorb ist wohl so gut wie nie wirklich vorhanden.
Aber es wird noch "schöner":
Außerdem werden wichtige Wirtschaftsbereiche wie die Finanzgüter- und Immobilienmärkte nicht berücksichtigt. So kann man gegenwärtig im Dollarraum und im Euroraum ein deutliches Wachstum der Geldmenge feststellen, was nach der Quantitätsgleichung zu Preissteigerungen führen müsste. Diese Preissteigerungen findet man in Bereichen, die vom Index der Lebenshaltungskosten nicht erfasst werden, etwa den Finanzgütern wie Hedge-Fonds sowie in den Immobilienmärkten. So geht etwa eine Steigerung der Immobilienpreise nicht in den Index der Lebenshaltungskosten ein.
Die offizielle Inflationsrate berücksichtigt also nicht die Preissteigerungen von Finanzgütern und an den Immobilienmärkten. Preisinflation bei Finanzgütern etwa wird in diesem Index also nicht gemessen. Auf diese Weise kann bequem durch das Ausweiten der Geldmenge durch die Zentralbank eine Wohlstandsillusion beim Volk erzeugt werden (etwa steigende Aktienmärkte), was ja letztlich auch in der Vergangenheit nicht nur einmal geschehen ist (Man denke etwa an das FED und die Internetblase oder die extrem lockere Geldpolitik des FED danach, welche letztlich mit zur Häuserblase in den USA führte). Opium für die Massen...
Die Geldmengen steigen jedoch trotzdem, auch wenn der Index es nicht sagt. Nochmals Wikipedia:
Steht dieser Ausweitung der Geldmenge keine entsprechende Erhöhung des Realgüterangebots gegenüber, so steigt das Preisniveau, ohne dass diese Tatsache im Index der Lebenshaltungskosten deutlich wird.
In anderen Worten: Wie bei der Arbeitslosenrate haben die meisten Menschen bzgl. der Inflationsrate ein intuitives Konzept im Kopf, mit welchem die Politik spielt. Man benutzt Worte und bei den Menschen vorherrschende, vermeintlich "logische" Konzepte, geht aber auf dem Papier einen völlig anderen Weg. Nur der, der sich im Detail mit der Konstruktion solch einer Zahl befasst, erkennt relativ schnell, was wirklich Sache ist.
Das "Aufpumpen" der Preise der Finanzgüter um vermeintlichen Wohlstand vorzutäuschen geht nicht nur am entsprechenden Index vorbei, sondern führt auch zu anderen Folgen:
Diese Vermögenspreisinflation führt zu Spekulationsblasen, deren Platzen zu erheblichen Wirtschaftskrisen führen kann wie zum Beispiel der Weltwirtschaftskrise oder der Immobilienblase und der Finanzkrise ab 2007 in den USA.
Genau aus solchen Gründen (und noch weiteren) schoss ich in der Vergangenheit bereits mehrfach verbal gegen Notenbanken wie das FED und kritisierte diese immer wieder als mitwirkenden Brandstifter der Krise, der sich jetzt medial wirksam als Feuerwehrmann gibt .
Doch es geht noch weiter. Nicht nur ist das ganze Indexkonzept, welches verwendet wird, von der Modellbildung her mehr als fragwürdig, sondern es gibt noch ein paar weitere statistische Spielchen, die gerne seitens der mit dem "Föhnen" der entsprechenden Zahlen beauftragten Statistiker verwendet werden. Eins davon möchte ich Ihnen im folgenden Abschnitt anschaulich (und ohne trockene Definitionen und zu viel Mathematik) vorstellen.
Die hedonische Methodik
Stellen wir uns einmal vor, Sie gehen in ein Kaufhaus und legen sich einen neuen Computer zu. Sagen wir einmal rein fiktiv, der Computer sei ein Netbook mit einem 400 Euro Preisschild und mit einem 1,6 Gigahertz Prozessor ausgestattet.
Da das Ding aber nicht viel taugt und nach einem Jahr dampfend den Geist aufgibt (wir ignorieren hier des Beispiels halber einfach einmal die gesetzlichen Gewährleistungsvorschriften), möchten Sie sich ein neues Netbook kaufen. Nun gehen Sie in den Laden und sehen, dass an den Netbooks nun keine 400er-Preisschilder mehr hängen, sondern Sie nun 480 Euro bezahlen müssen. Gleichzeitig haben Sie diesmal aber - die Technik und aber auch gleichzeitig die Software-Anforderungen entwickelen sich ja weiter - einen 2,4 Gigahertz-Prozessor. Für Sie macht das keinen großen Unterschied, denn Sie wollen einfach, dass Ihre Programme auf der verfluchten Blechbüchse laufen und das Ding nicht nach einem Jahr schon wieder seinen Lebensatem in Form einer angeschmort riechenden Gestankswolke Ihnen ins Gesicht haucht.
"Hmm, 20% teurer, ver*!#*te Piraten", denken Sie sich schlecht gelaunt und kaufen trotzdem das neue Netbook. Sie sind nun gerade dabei, an der Kasse Ihr Netbook in eine Tüte zu packen und den Laden zu verlassen, als ein extrem übereuphorisierter Mann mit gefährlich wirrem Blick und auffällig geweiteten Pupillen hysterisch-hektisch und wild gestikulierend hereingestürmt kommt, Ihnen die Hand unaufgefordert auf die Schulter legt, Sie mit weit aufgerissenen Augen aus nächster Nähe betrachtet und sagt: "Ich gratuliere Ihnen!!! Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie soeben MASSIVST gespart haben? Letztes Jahr gaben Sie 400 Euro aus für 1,6 Gigahertz, jetzt sind es 480 Euro für 2,4 Gigahertz. Sie haben somit 50% mehr Leistung bekommen bei nur 20% Preisanstieg. In anderen Worten: Ihr jetziges Netbook ist um 30% billiger!"
Gerade wollen Sie ansetzen und dem Verrückten erklären, dass doch auch die Software-Anforderungen an Ihren Rechner gestiegen sind, man das daher doch gar nicht vergleichen könne und Sie ja immernoch mehr Geld ausgeben mussten, als vorher, aber der Irre ist schon fröhlich tanzend wieder aus dem Laden verschwunden und außer Sichtweite...
Sie denken, ich fabuliere hier irgendetwas daher?
Sicherlich rennen behördliche Statistiker nicht hysterisch und grob zugedröhnt durch Elektronikkaufhäuser und belästigen andere Menschen. Aber vom Grundprinzip ist das, was ich hier ausgeführt habe, eine Methodik, die durchaus verwendet wird, um "Qualitätssteigerungen" mit in die Preise einzurechnen, die dann im Warenkorb landen.
Lassen wir ein weiteres Mal Wikipedia sprechen:
Seit Juli 2002 wird die Inflation wie in den USA und Großbritannien nach der hedonischen Methode berechnet. Dieses qualitative Verfahren führt zu deutlich niedrigeren Inflationszahlen. Das Statistische Bundesamt arbeitet mit ähnlichen Methoden und verwendet bei einigen Waren selbst eine hedonische Methode.
Überraschung, Überraschung... Wer hätte es gedacht...? Die "Qualität" macht's!
Warum sollen Inflationsraten eigentlich gefälscht sein?
Betrachten wir die bisherigen Ausführungen doch einmal durch die theoretische Politikerbrille. Sie erinnern sich an meinen Artikel vom Montag? Wir sitzen immernoch im Bundestag und möchten wiedergewählt werden. Die Arbeitslosenquote haben wir mit unserer Methodik vom Montag "unter Kontrolle" und die meisten Massenmedien geben brav in ihrem Copy&Paste-"Journalismus" unsere Zahl wieder, ohne großartig selbst zu recherchieren bzw. weitere Anmerkungen zum Zustandekommen dieser Zahl zu machen (Die Nachrichtensendung geht eben jede Stunde nur ein paar Minuten und außerdem muss doch noch unbedingt die Brustvergrößerung von Popstar XY Unbedeutend ausführlich thematisiert werden und selbstverständlich alle möglichen Implikationen, die daraus für das weltweite Geschehen resultieren...Von den dort unterzubringenden Werbeblocks ganz abgesehen...)
Soweit funktioniert die Illusion also weitgehend. Nun haben wir und unsere Vorgänger aber in den vergangenen Jahren die finanziellen Mittel gerne immer mal wieder zum Fenster herausgeworfen und vollmundig über die vorhandenen Verhältnisse gelebt. Diese ganzen Wahlversprechen müssen einfach bezahlt werden. Kein Geld in der Kasse? Das war's dann mit der Wiederwahl...? Indiskutabel. Das Geld muss also weiter fließen und zwar richtig kräftig.
Der dadurch aufgehäufte Schuldenberg ist nun aber derart hoch, dass relativ klar absehbar ist, dass wir ihn nicht werden rückzahlen können.
Sollen wir es also auf einen Staatsbankrott zukommen lassen? Niemals. Das wäre ein GAU für die eigene PR. Und schlechte PR ist schlecht für die Wiederwahl.
Also erledigen wir dies durch das sprichwörtliche "Hintertürchen".
Wenn es uns gelingen würde, den Menschen weißzumachen, dass die Inflation bei 2% bis 3% liegt, hätten wir einen entscheidenden Vorteil, denn die psychologische Kette der Manipulation ist einfach: Zuerst nimmt der Mensch etwas wahr. Aus der Summe dieser Wahrnehmungen bildet sich die Gesamtwahrnehmung der Realität. Basierend auf dieser Wahrnehmung handelt der Mensch letztlich. Wenn keine Gefahr wahrgenommen wird und die eigene Wahrnehmung nicht hinterfragt wird, warum dann Angst haben bzw. sich Sorgen machen?
Kommen wir zurück zu den 2%-3% Inflation pro Jahr. Wenn es uns als Politiker also gelänge, die Massen zu überzeugen, dass wir tatsächlich nur 2%-3% Inflation haben, mit denen die Menschen im täglichen Leben zu kämpfen haben, und die Eindrücke der Masse ja nur "gefühlt" sein können, so würde diese ruhig halten, von ihrem massiven Kaufkraftverlust nicht viel merken und der tatsächliche Wert des eigenen Schuldenberges würde Jahr für Jahr durch die Inflation sinken. Und zwar so, dass dieser am Ende vielleicht nominell soweit wie möglich unter Kontrolle gehalten werden kann und dass es keine größeren Verwerfungen gibt. Das Schauspiel muss nur überzeugend genug sein, dann glaubt man es auch. Schließlich hat in Deutschland die Obrigkeit ja immer Recht, wie man schon von Kindesbeinen an lernt, und sie will natürlich nur das Beste..."Vater" Staat... Der wird schon wissen, was er tut... "Was gibt's heute Abend nochmal im Fernsehen?" bzw. "Auf welches Fest wollten wir nochmal gehen?"
(Damit die Sache am Finanzmarkt glaubhaft ist, muss hierfür natürlich noch der Edelmetallpreis unter Kontrolle gehalten werden, aber dass es hier eine ganze Reihe von konkreten Anzeichen für starke Interventionen und "Drückereien" gibt, habe ich Ihnen ja bereits in der Vergangenheit aufgezählt. Wer dies verpasst hat, kann sich u.a. bei GATA, einer amerikanischen Non-Profit-Organisation entsprechend informieren. Dort gibt es mehr als genug deutliche Belege - auch in zahlreichen offiziellen Quellen. Letztlich geht es um nichts weiter als die Aufrechterhaltung des Papiergelds, welches keinen inneren, materiellen Wert hat, sondern einzig auf dem Vertrauen der Teilnehmer aufbaut. Und hier schließt sich auch der Kreis zum Thema vom Montag, nämlich Notenbanken und Währungsausgabe mit pseudo-staatlichem, aber eigentlich doch eher privatem Hintergrund...).
Nur eine "Verschwörungstheorie"?
Wenn Sie meinen, gerne. Sie dürfen natürlich glauben, was Ihnen vernünftig erscheint und was Sie möchten. Auch ich kann bekanntlich falsch liegen (Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dies hier prinzipiell nicht der Fall ist, sonst hätte ich diesen Artikel nicht in dieser Form verfasst).
Bedenken Sie aber bitte, wie viel Geld Deutschland in Zukunft für die Aufrechterhaltung des Sozialsystems und den Schuldendienst brauchen wird. Der deutsche Schuldenberg ist erheblich (zwar nicht so groß wie der Berg der Amerikaner, aber er ist mehr als groß genug) und kann nicht einfach so zurückgezahlt werden. Von alleine wird sich dieser wohl kaum abtragen lassen. Und welcher Politiker möchte schon einen Staatsbankrott eingestehen?
Darüber hinaus bietet die verwendete Art der Preissteigerungsmessung eine ganze Reihe von Manipulationsmöglichkeiten. Es seien hier nur ein paar Varianten auszugsweise genannt:
- Gewichtungsveränderungen im Warenkorb
- Entfernung von stark im Preis steigenden Waren aus dem Warenkorb (s.u.)
- Hedonische Methode
- Auslassen wichtiger Waren im Warenkorb
- Bemessung des Warenkorbs an statistisch nicht repräsentativen Einkommensklassen
Es ist übrigens keineswegs so, als würden einige der hier gelisteten Punkte nicht bereits schon angewendet. Wir haben die hedonische Methode betrachtet, doch auch die Auslasserei von Dingen aus dem Warenkorb hat inzwischen abstruse Ausmaße angenommen: In den USA etwa zählen teilweise Waren, die "starken Preisschwankungen" unterliegen, nicht mehr direkt zum Warenkorb, da diese angeblich statistische Ausreißer seien und das Ergebnis verzerren würden. Hierfür definiert man dann einen neuen Index. Raten Sie mal, was hier z.B. darunter fällt? Lebensmittel und Energiepreise.Was tut man nicht alles, um eine niedrige Zahl zu haben, die man über die Medien dem Volk kommunizieren kann.
Doch aus dieser Warenkorb-Methodik lassen sich noch ganz andere prinzipielle Abstrusitäten ableiten:
Gehen wir doch noch einmal zurück zu unserem hypothetischen Konsumenten, der seine 1000 Euro im Monat zur Verfügung hat. Nun hat die Person ihre Miete gezahlt, Nebenkosten, Versicherungen etc. und es geht jetzt an den Lebensmittelkauf. Blöderweise steigen Lebensmittel dieses Jahr um 20% im Preis. Dafür werden Fernreisen deutlich billiger.
Wozu führt das bei der offiziellen Inflationsrate? Man sagt der "1000-Euro-Person" vom Prinzip her: "Weißt du, in Wirklichkeit gibt es gar keine Teuerung von 20%, unter der viele Menschen leiden. Du bist nur viel zu dumm, um die hohen Sphären der Inflationsstatistik zu verstehen. Lass uns Experten das mal lieber machen. Du müsstest einfach mehr in den Urlaub fahren und dann hättest du das Problem der steigenden Preise nicht und der Ausgleich in deinem Geldbeutel wäre da." Wenn das nicht zynisch ist, was dann? Mir kommt hier der Ausspruch mit dem "Revolutionskuchen", der laut Historikern fälschlicherweise Marie Antoinette zugeschrieben wird, in den Sinn...
Niedrige Inflationsraten haben aber noch eine ganze Reihe weiterer Vorteile
Als ob dies nicht schon genug wäre, haben niedrige Inflationsraten auf dem Papier noch eine ganze Reihe weiterer wichtiger Vorteile. Sehen wir uns doch einmal die USA an.
Hierfür ist es nötig, zunächst einmal kurz darzustellen, was es mit dem sog. GDP-Deflator auf sich hat.
GDP steht hier als Abkürzung für Gross Domestic Product, was im Deutschem dem Bruttoinlandsprodukt entspricht. Unter dem GDP-Deflator versteht man - stark vereinfacht ausgedrückt - eine Art Inflationsmaß, welches benutzt wird, um zu berechnen, wie stark das BIP einer Wirtschaft tatsächlich ist. Dies erfolgt von der Theorie her, indem man aus dem nominalen BIP den Inflationsteil herausrechnet.
Der GDP-Deflator unterscheidet sich von seiner Konstruktion her zwar vom sog. CPI (Consumer Price Index, ein amtlicher Inflationsindex in den USA, ebenfalls auf einem "Warenkorb" basierend), jedoch fällt in der Praxis der Unterschied zwischen Indizes wie dem CPI und dem GDP-Deflator kaum nennenswert aus.
Worauf möchte ich hinaus?
Nun, für den GDP-Deflator wird (und das können Sie z.B. bei hier nachlesen) die folgende Formel angesetzt:
GDP Deflator = Nominales BIP / Reales BIP x 100
Bekannte Größen in unserer Gleichung sind nun das nominale BIP und der GDP-Deflator; also stellen wir die Gleichung etwas um. Durch sog. Äquivalenzumformung (der ein oder andere von Ihnen erinnert sich hieran sicher noch aus dem Mathematikunterricht, wenn er/sie nicht gar beruflich in irgendeiner Form mit Mathematik zu tun hat) ergibt sich:
Reales BIP = Nominales BIP / GDP Deflator *100
Stellen wir uns nun doch einmal vor, die tatsächliche Inflation läge bei 10% und die offizielle aber nur bei 3%? Auf diese Weise könnten wir wirtschaftliches Scheinwachstum erzeugen, da in unserem nominalen BIP die 10% Eingang finden, während unser Abzug allerdings nur von den 3% ausgeht.
Setzen wir hierbei Nominales BIP = Reales BIP x 1,1
In Zahlen sähe dieser mathematische Widerspruch wie folgt aus:
Reales BIP = Reales BIP x 1,1 / 1,03
hieraus ergäbe sich ca.: Reales BIP = Reales BIP x 1,0680
In anderen Worten: Wir erhalten ein wirtschaftliches Scheinwachstum von ca. 6,8%
Besondere Brisanz gewinnen vor solch einem Hintergrund natürlich unabhängige Wirtschaftszahlen, wie sie etwa bei Shadow-Stats zu finden sind (Shadowstats wird von John Williams, einem ehemaligen Regierungsstatistiker betrieben, der die offiziellen Daten nach alten und ehemals amtlichen Berechnungsmaßstäben ohne diverse "Anpassungen" nachrechnet). Dort wird bereits aufgezeigt, dass die offiziellen Inflationsraten etwa in den USA um mindestens ein paar Prozentpunkte nach unten manipuliert werden.
Vor diesem Hintergrund erscheint es auch mehr als naheliegend anzunehmen, dass z.B. in den USA die vergangenen Jahre immer wieder wirtschaftliches Scheinwachstum erzeugt wurde und diese sich in Realität bereits seit Jahren in einer Phase negativer Wirtschaftsentwicklung befinden (Dies trifft wahrscheinlich auch auf eine ganze Reihe weiterer "wirtschaftsstarker" Länder zu...).
Wieder einmal willkommen im Märchenland!
Fazit
Ich könnte zu diesem Thema noch weitaus mehr schreiben und Ihnen z.B. auflisten, welche steigenden Kosten es z.B. für die US-Regierung bedeuten würde, wenn die Inflationsrate zu sehr steigt. Die Zinsen auf eigenen Anleihen steigen, diverse Anspruchszahlungen an Bürger, die an die Inflationsentwicklung gekoppelt sind, steigen, uvm.
Tatsache ist, es gibt zahlreiche Motive, warum es sich als Politiker lohnt, alles daran zu setzen, eine niedrige Inflationsrate zu haben. Nicht nur in den USA sondern auch bei uns.
Vor diesem Zusammenhang führt übrigens Herr Müller in seinem Buch einen interessanten Gedanken an, den ich mir erlaube, hier einmal sinngemäß aufzugreifen:
Geht man davon aus, dass Banken nicht dumm sind und rechnen können, wie hoch eine Inflationsrate in einem Land wirklich liegt, überrascht es da, wenn man nach für den "Durchschnittsbürger" astronomisch wirkenden Renditen greift? Wohl kaum. Vor diesem Hintergrund könnte man sogar die Gier nach sehr hohen Renditen, die wohl auch die Banken in die Zockerei mit den Müllpapieren trieb, sehen, was ein neues Licht auf einige Dinge werfen würde. Nach dieser These ginge es den Banken primär darum, überhaupt absoluten Gewinn zu erzielen in einem aus den Fugen geratenen System - gemessen am tatsächlichen Kaufkraftverlust.
Das entschuldigt und relativiert natürlich keinesfalls das verwerfliche Verhalten besonders diverser führender Angehöriger der Finanzbranche, doch passt auch dieser Puzzlestein überraschend interessant ins Bild, wenn man die Dinge durch die Brille der frisierten Inflationsraten betrachtet.
Eins sollte für Sie jedoch klar sein...
Wenn Sie Ihre Altersvorsorge planen, würde ich die dabei zugrundeliegende Inflationsrate SEHR großzügig ansetzen und keinesfalls die offizielle Zahl nehmen (die allein schon aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um einen "Durchschnittswert" handelt, nicht wirklich aussagekräftig ist). Ich persönlich rechne, relativ konservativ, mit ca. 10%-12% Inflation pro Jahr bei meinen Planungen .
Das mag jetzt für den ein oder anderen von Ihnen sicher völlig überzogen klingen, aber ich bin, was solche Dinge angeht, gerne auf der sicheren Seite, denn ich halte das offizielle Zahlenwerk aus einer Vielzahl von Gründen für höchst fragwürdig und in weiten Bereichen unsinnig. Viel mehr betrachte ich dieses als eine weitere den Bürgern verabreichte Pille, um die Massen zu beruhigen und ihnen vorzugaukeln, alles sei in bester Ordnung.
Im Umkehrschluss hat das Thema "Inflationsrate" allerdings auch eine ganz andere, wichtige Bedeutung für Sie: Wenn Sie bei Ihrer Altersvorsorge davon ausgehen, dass 7% bis 10% Rendite pro Jahr genug seien (wie man Ihnen ja auch sicher nett und "seriös" auf jeder Bank bzw. bei jedem "Vermögensberater" und "Fondsexperten" - bzw. all denen, die von der jeweiligen Provision dieser maximal mäßigen Produkte leben - sagen würde) um eben die 3% bis 4% Inflation zu schlagen, kann das Ihren gesamten Plan umwerfen. Sie könnten im Alter letztlich dann vor Preisen stehen, die Ihr Altersvorsorgekonzept, das vielleicht auf 3% bis 4% Inflation basiert, völlig aus den Angeln heben.
Auch Auswirkungen, die sich hieraus für andere Niedrigzins-Produkte und die meisten "Altersvorsorge-Produkte" ergeben, sind extrem, wenn Sie einmal darüber nachdenken...Hinzu kommt, dass sich noch das entsprechende Finanzhaus und der Verkäufer, der Ihnen das Ding angedreht hat, an diesen Produkten ihre Scheiben großzügig durch die ganzen Gebühren abschneiden...
Die Lösung kann m.E. nur darin liegen, dass Sie pro Jahr deutlich höhere Renditen erwirtschaften müssen und dabei aber keinesfalls das Risiko Ihrer Strategie zu hoch werden lassen dürfen. Unmöglich? Nein. Aber sicher auch nicht einfach. Zahlreiche Profis in der Finanzbranche schaffen es aber auch.
Wenn Sie diesen Weg gehen möchten, müssen Sie dazu Ihr Anleger-Wissen wahrscheinlich in einigen Bereich erweitern, neue Methoden kennenlernen und üben bzw. die Dinge teilweise weitaus mehr selbst in die Hand nehmen. Aber das ist lernbar und machbar und macht nicht selten sogar richtig Spaß!
Mehr dazu schreibe ich Ihnen am Freitag - ohne weitere "schwere Kost". Die haben wir jetzt erst einmal hinter uns - auch wenn es noch einiges an derartigen Dingen zu berichten gäbe...
Beste Grüße
Alexander Hahn