Lügen und Nebelkerzen: Die Arbeitslosenzahl
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 20. Juli 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
kaum eine Woche vergeht, in der wir heutzutage nicht in irgendeiner Form mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit konfrontiert werden. Sei es der Nachrichtenbericht in den Medien, welcher die aktuelle Arbeitslosenzahl verkündet, oder sei es gar durch Schicksale im Bekannten- oder Freundeskreis, völlig entziehen kann sich diesem Thema wohl kaum jemand.
Wie Sie wissen, wird auch an der Börse auf die Arbeitslosenzahlen geachtet. Generell gelten sie dort als ein fundamentaler Indikator, der gewöhnlich als nachlaufend betrachtet wird.
Heute soll es aber einmal weniger um die Interpretation der Zahl an den Börsen gehen, denn in der Regel zählt hier bei offiziellen Zahlen sowieso nur der Mechanismus "Besser ausgefallen als erwartet? KAUFEN!" - "Schlechter ausgefallen als erwartet? Schnell VERKAUFEN!" Wie diese Zahlen im Detail zustande kommen, fragt praktisch kaum jemand mehr. Die wenigsten Marktteilnehmer haben hiervon überhaupt eine wirklich konkrete Vorstellung bzw. Ahnung. Die Herausforderung für die Masse der Händler besteht in der Regel viel mehr darin, schnell genug den "Kauf"-Knopf zu drücken, bevor die auf gleiche Weise konditionierte Konkurrenzmasse einen selbst überholt. Den Letzten beißen die Hunde.
Sie halten dies für Polemik? Dann möchte ich Sie in den folgenden Abschnitten vom Gegenteil überzeugen.
Grundsätzliche Gedanken zum Thema "Arbeitslosenzahl"
Ich möchte mich nicht in theoretischen Definitionen ergehen, aber um ein paar grundsätzliche Gedanken zur Frage, was eigentlich unter der Arbeitslosenzahl zu verstehen ist, führt kein Weg herum, um sich auf saubere Weise mit dem Thema zu beschäftigen.
Wenn wir uns korrekt mit der Arbeitslosenzahl befassen wollen, dann ist natürlich zuerst einmal die Frage zu stellen, wie diese mathematische Größe überhaupt definiert sein soll. In anderen Worten: Was ist Arbeitslosigkeit überhaupt (Alleine schon hieraus ergibt sich, dass es nicht "die" richtige Zahl Arbeitslose geben kann, sondern dies immer auch etwas davon abhängt, wann jemand gesellschaftlich als arbeitslos betrachtet wird und wann nicht. Die wenigsten Arbeitslosen fallen zwar in diese Grauzone, dennoch sorgt diese dafür, dass es keinen 100%igen Absolutheitsanspruch dieser Zahl geben kann. In den folgenden Abschnitten spreche ich daher mehr aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung von "der Arbeitslosenzahl". Diese Zahl ist jedoch nie als auf den Mann genau zu verstehen).
Manch ein Zeitgenosse mag auf die Frage nach Arbeitslosigkeit antworten, dass eben "arbeitslos ist, wer keine Arbeit hat", doch solch eine zu einfache Betrachtungsweise hilft für unseren Zweck nicht viel weiter.
Rein mathematisch betrachtet ist die Arbeitslosenquote nichts anderes als der Quotient aus der Anzahl Arbeitsloser und der Gesamtzahl der zivilen Erwerbspersonen. In anderen Worten:
(Arbeitslose / Gesamtzahl ziviler Erwerbspersonen ) x 100 = ... % (Arbeitslosenquote)
Nun ist die Gesamtzahl ziviler Erwerbspersonen (in Abhängigkeit der entsprechenden Definition des Ausdrucks "zivile Erwerbsperson") vergleichsweise einfach ermittelbar, womit hauptsächlich die Größe "Anzahl der Arbeitslosen" zu betrachten bleibt.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Politiker an der Macht...
und es geht langsam aber sicher auf die nächste Wahl zu. Sie möchten dringend weiter so schön dick verdienen wie bisher und überhaupt, die Stühle im Bundestagsgebäude sind einfach wunderbar bequem. Auch dieser Machtgeruch im Parlamentsgebäude hat Sie inzwischen derart süchtig gemacht, dass Sie einfach nicht Ihren Koffer packen möchten.
Sie fragen sich also, wie Sie die nächste Wahl gewinnen können, und kommen relativ schnell zu dem Schluss, dass gute Stimmung vor der Wahl auf jeden Fall wichtig ist. Einen Eckpfeiler hiervon - diesen Teil des politischen 1x1 kennen Sie bereits auswendig - bildet natürlich der Arbeitsmarkt und somit kommt der veröffentlichten Arbeitslosenquote in Ihren Augen eine besondere Bedeutung zu.
Wie wir im obigen Abschnitt gesehen haben, ist aus mathematischer Sicht die Arbeitslosenquote hauptsächlich im Zähler, also der Anzahl der Arbeitslosen, manipulierbar.
Der Dreh- und Angelpunkt der Statistik liegt also schwerpunktmäßig in den Definitionen, welche festlegen, wer als Arbeitsloser gilt, und wer nicht.
Die Manipulation kann somit theoretisch auf zwei Arten erfolgen:
- Sie verändern die Definition, die festlegt, wer als zivile Erwerbsperson zu betrachten ist. Angenommen, Sie haben eine sehr hohe Arbeitslosigkeit bei älteren Menschen in einer bestimmten Altersklasse, so könnten Sie diese Personen theoretisch einfach ausklammern und legen somit fest, dass diese nicht mehr als zivile Erwerbspersonen gelten. Damit werden sie in der Gesamtrechnung auch überhaupt nicht mehr berücksichtigt und fallen praktisch aus der zu untersuchenden Grundmenge im Vorfeld heraus.
- Sie verändern die Definitionen, die festlegen, wann jemand als arbeitslos zu betrachten ist. Dies ist ein sehr beliebtes Mittel, was gerne und häufig zur Frisierung der entsprechenden Statistiken angewendet wird (mehr dazu im nächsten Kapitel)
Sie beschließen also - damit Ihre nächste Wahl deutlich wahrscheinlicher wird - entsprechend aktiv zu werden...
Wie sieht die Realität aus?
Nüchtern betrachtet lassen die offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit Zeitphasenvergleiche kaum noch zu. Somit ist natürlich auch eine Beurteilung der Entwicklung praktisch nicht mehr möglich. Der Grund hierfür liegt in der fortwährenden Manipulation der Basis der Arbeitslosenstatistik
Ein kleiner Auszug aus der Liste der Manipulationen der letzten Jahre:
- "Saisonkurzarbeitergeld-Regelung" (2006): Praktisch arbeitslose Bauarbeiter erhalten in Schlechtwetterphasen Kurzarbeitergeld in Höhe des sonst üblichen Arbeitslosengeldes. Damit wird diese Gruppe nicht mehr als arbeitslos gezählt
- Verlängerung des Allgemeinen Kurzarbeitergelds auf zwei Jahre: Wer dieses Geld erhält, zählt nicht als arbeitslos
- Zahlreiche über 58-jährige werden nicht mehr als arbeitslos geführt (Neuregelung aus dem Jahr 2007). Viele dieser Menschen möchten aber noch arbeiten.
- Seit Mai diesen Jahres zählt man Arbeitslose, die durch private Träger betreut werden, nicht mehr als arbeitslos.
Insgesamt sind z.B. im Mai 2009 nur noch 56,9% der Arbeitslosengeldbezieher als arbeitslos registriert.
Aber werfen wir nun doch einmal einen Blick auf die aktuelle Fassung dieses Zahlenwerks und sehen uns näherungsweise an, wie die tatsächliche Lage wirklich aussieht.
Im Monatsbericht "Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland (Juni 2009)" finden sich auf Seite 52 interessante Zahlen.
Die offizielle Arbeitslosigkeit liegt bei 3.409.980 Arbeitslosen. Dies sind in der Regel dann auch die Zahlen, welche in der hirnlosen Schnipsel-Berichterstattung der meisten Massenmedien heraustrompetet werden.
Doch diese Zahl berücksichtigt z.B. nicht die Arbeitslosen in sog. "Ausgewählten Maßnahmen". Addieren wir diese hinzu, so erhalten wir bereits 5.031.052 Arbeitslose.
Besonders schön wird es jedoch, wenn wir uns einmal ansehen, wer alles unter ALG I, ALG II ("Hartz IV"), Sozialgeld, Kurzarbeitergeld (Stand März) fällt.
Hier die Zahlen:
ALG I: 1.101.389
ALGII: 4.931.613
Sozialgeld: 1.809.586
Kurzarbeitergeld: 1.258.895
Insgesamt ergibt dies eine Summe von 9.101.483 Leistungsberechtigten.
Das Arbeitsamt gibt die Gesamtanzahl ziviler Erwerbspersonen mit 41.787.365 an.
Wenn wir also in unseren obigen Quotienten statt der offiziellen Zahl von 3.409.980 die tatsächliche Zahl von 9.101.483 einsetzen, was ergibt sich dann wohl?
Laut den Daten auf S. 52 des genannten Berichts liegt die offizielle Arbeitslosenquote bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen insgesamt bei ca. 8,1%.
Setzen wir nun aber einmal die unfrisierten Zahlen ein, also 9.101.483, und betrachten Arbeitslosigkeit einmal etwas im weiteren Sinne, dann ergibt sich
9.101.483 / 41.787.365 = 0,2178
In anderen Worten, wir hätten es mit einer inoffiziellen Arbeitslosenquote von ca. 21,78% zu tun.
Ist das nicht traumhaft? Willkommen im Märchenland und "Aufschwungparadies" Deutschland! Und viel zu viele Medien multiplizieren diesen dümmlichen Schwachsinn von den weniger als vier Millionen Arbeitslosen immer wieder, während die "Nachrichten"-Konsumenten landesweit die Zahlen irgendwie eben zur Kenntnis nehmen und eben konsumieren.
So lange die große Umverteilungsmaschine also noch funktioniert, mag man diese Millionen ruhigstellen können, aber was, wenn die Zahlmaschine nicht mehr funktioniert? Wohl jeder Europäer kennt dank Geschichtsunterricht den großen Schreihals in der braunen Uniform und seine Schlägertrupen, der die damals ca. sechs Millionen Arbeitslosen in der Weimarer Republik "zurück in Arbeit und Brot führte"... Ich möchte hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber in diesen Zahlen steckt m.E. angesichts eines Staates, der immer verschuldeter wird, gehöriger Sprengstoff, den man hier versucht mit allen möglichen Tricks vor großen Teilen der Öffentlichkeit zu verstecken.
Schauen Sie sich vor diesem Hintergrund doch einmal das tolle Gerede manch eines salbungsvoll und dumm daherschwätzenden Politikers an. Was man nicht alles erreicht habe für Deutschland. Geradezu grotesk, aber auch auf eine gewisse, psychologische Weise sehr zynisch.
Zynische Konsequenzen dieses Zahlenwerks
Ich muss gestehen, wann immer ich die offiziellen Arbeitslosenzahlen höre, spüre ich einen starken Zorn in mir aufkommen. Nicht nur wegen der - formulieren wir es höflich - Lügerei, sondern auch aus einem ganz anderen Grund:
Versetzen wir uns doch einmal in die Lage eines Arbeitslosen in der jetzigen Situation. Wie Sie aus den Medien entnehmen können, betreffen zahlreiche Kündigungen den Arbeiterbereich und einfache Angestellte und damit Menschen, welche sich jetzt schwerpunktmäßig nicht unbedingt unter mathematischen Aspekten mit der Arbeitslosenquote, PDFs der Bundesagentur für Arbeit und den einzelnen Manipulationsgesetzen befassen (Dies soll übrigens keineswegs herabwürdigend gemeint sein, sondern einfach als neutrale Feststellung).
Wie reagiert nun ein Mensch, wenn er seine Arbeit verliert und dabei von den Medien die offiziellen Zahlen unhinterfragt per Nachrichtenschnipsel nachgeschwätzt bekommt? Solange in den Medien zu hören ist, das "Jobwunder" rollt oder der Arbeitsmarkt trotze erstaunlich stark der Krise, wird der Arbeitslose eher bei sich die Schuld suchen und sich für den Arbeitsplatzverlust schämen. Gedanken wie "Die anderen haben ja noch Arbeit. Nur ich nicht" halten stattdessen Einzug. Zweifel am Selbstwertgefühl können durchaus einsetzen, denn hier wird bewusst damit gespielt, dass bei den meisten einfachen Menschen die naive Definition von "Arbeitslos = Wer keine Arbeit hat" voherrscht. Man suggeriert also ein falsches Bild.
Wäre man hingegen ehrlich mit diesen nicht selten durchaus hart arbeitenden Menschen und würde aufhören mit der plumpen, offiziellen Lügerei und dem wertlosen, selbstgefälligen Geschwätz vom sich verbessernden Arbeitsmarkt, würden diese feststellen, dass das Problem vielleicht gar nicht bei ihnen liegt, sondern viel mehr in der Wirtschaft.
Dieser Zynismus ist aber m.E. bewusst gewollt, denn letztlich geht es den meisten Politikern ja um den eigenen Machterhalt und das Aufrechthalten von Illusionen gegenüber der Wählerschaft. Statt der Wahrheit feiert man sich in seiner Arroganz selbst für "Erfolge", die keine sind, und verdeckt somit die Schwachpunkte und Fehlentwicklungen des aktuellen wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Systems, das maßgeblich auf ungedecktem Kreditgeld und der Propaganda, dass Globalisierung für alle Menschen das ultimative Heil sei und nicht hinterfragt werden darf, basiert (mehr dazu in späteren Artikeln dieser Serie) .
Was macht die Börse?
Auch hier hält die Realitätsverweigerung Einzug. Achten Sie einmal drauf, wie diverse "Experten" mit diesen Arbeitsmarktdaten, die, wie wir oben gesehen haben, statistisch überhaupt nicht nutzbar sind, umgehen. Erschreckend. Da werden ohne mit der Wimper zu zucken teilweise Vergleiche gezogen, die aufgrund der völlig unterschiedlichen statistischen Basis der Arbeitsmarktdaten über die Jahre hinweg eigentlich so nie gezogen werden dürften.
Die Wahrheit ist, es interessiert nicht, wie diese Daten gemacht werden. Der oben beschriebe Mechanismus "Besser als erwartet? Schnell den BUY-Knopf drücken!" bzw. "Schlechter als erwartet? Schnell verkaufen!" greift.
Mit wirtschaftlicher Realität hat das nicht mehr viel zu tun. Viel mehr handelt es sich hierbei um einen "Klick-Wettbewerb". Wer als erster - gleich einer Horde aufgedrehter Affen im Käfig - das Kaufknöpfchen bedient, hat gewonnen. Das globale Börsencasino zeigt hier bereits die ersten Abkopplungserscheinungen von den tatsächlichen wirtschaftlichen Realitäten; die Zockerei verkommt immer mehr zum Selbstzweck.
Damit bleibt nur noch die Frage:
Wer macht eigentlich die "Analystenerwartungen" bzw. den "Analystenkonsens"?
Natürlich gibt es eine Reihe wirklich guter Fundamentalanalysten, aber auch eine Vielzahl von "Analysten", die einfach die Meinung ihrer Kollegen abpinseln. Wenn man gemeinsam der gleichen Meinung ist, kann man sich schön gegenseitig bestätigen und das schafft Zuversicht. Der Mensch ist eben ein Herdentier.
Wer zuerst seine Meinung in die Medien bekommt und diese entsprechend aggressiv multiplizieren lässt, dominiert nicht selten das Meinungsbild.
Generell ergibt sich der Analystenkonsens aus einem Mittelwert von Analystenschätzungen. Auch hier ist natürlich immer die Frage, welchen Analyst ich befrage und welchen nicht (Dies lässt sich übrigens auch vortrefflich bei Stimmungsumfragen nutzen, wie etwa diversen "Geschäftsklima-Indizes" etc. indem man genau auswählt, welche Firmen man befragt und welche nicht. Herr Müller zeigt dies in seinem o.g. Buch relativ anschaulich auf).
In anderen Worten: Auch dieser Konsens ist nicht selten fragwürdig bzw. mindestens mit Vorsicht zu genießen.
Fazit
Am Beispiel der Arbeitslosenzahlen habe ich nur eine der täglichen Manipulationen, die verschleiern sollen, wie es wirklich um die Wirtschaft steht, aufgezeigt. Wir werden uns weiter vorarbeiten, indem wir uns am Mittwoch einmal ansehen, wie bei der Inflationsrate fröhlich frisiert und "optimiert" wird.
Auch werden Sie sehen, dass der Mechanismus "Besser als erwartet - schlechter als erwartet" nicht nur bei den Arbeitslosenzahlen greift und an der Börse die Frage, wie sinnvoll solche Wirtschaftszahlen überhaupt sind - teils gegen besseren Wissens einiger Teilnehmer - nicht gestellt wird.
Wir werden in den nächsten Artikeln sehen, wohin das letztlich insgesamt führt...
Beste Grüße
Alexander Hahn
P.S.:
Wenn Sie übrigens einmal wissen möchten, wie Arbeitslosigkeit "live" in der BRD heutzutage aussieht und welche wirklich perversen Auswüchse staatlich gesponsorte Entwicklungen hier angenommen haben, dann empfehle ich den ARD-Kurz-Dokumentarfilm "Die Armutsindustrie". Dieser zeigt deutlich, was man als Arbeitsloser von staatlicher Stelle aus "erwarten" kann und für was ein guter Teil der Sozialabgaben, die wir alle zahlen, in diesem vom Bürokratiekrebs durchseuchten System Monat für Monat völlig sinnlos verfeuert wird. Dieser Film ist m.E. fast schon ein Muss für jeden Abgabenzahler, der einmal sehen möchte, was man so mit seinem Geld anstellt...