Liquidität und März 2000
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 08. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Und wieder sprang der Nasdaq100 gestern zeitweise um fast 4 % nach oben. Ausgelöst durch positive Analystenstimmen zum Hightechsektor. Verrückt, mehr fällt mir dazu im Moment nicht ein. Denn es sind im Prinzip die gleichen Analysten, die vor wenigen Wochen den Hightechsektor herabgestuft haben. Hüh und Hott. Schäfchen treiben.
Wissen Sie, es kommen Mails von Ihnen, die anfragen, ob wir uns mit unserer bearishen Einschätzung offensichtlich nicht wohl verschätzt hätten. Die Börsen stehen schließlich auf tiefgrün. Nein, wir haben uns nicht verschätzt in den konjunkturellen Problemen, die sich belastend auf die Börsen auswirken. Wir haben uns wenn, in der Leichtgläubigkeit der Amerikaner verschätzt. Hier in Europa scheinen die Anleger die konjunkturelle Entwicklung bei weitem skeptischer zu beurteilen. Dieser Unterschied hat einen Grund, dazu gleich mehr.
Eine Leserin fragte zu dem Thema: "sichtbare Rezession" ob denn nicht vielleicht einfach der konjunkturelle Tiefpunkt erreicht sei und die Börsen nun einen Aufschwung vorwegnähmen.
Auch das habe ich mich natürlich bereits gefragt. Aber ich kann im Moment noch keine fundamentalen Bedingungen erkennen, die eine konjunkturelle Erholung anzeigen. Unabhängig von diesem Aspekt, Übertreibungen stehen immer auf ungesunden Füßen. Im Moment sind wir in einer solchen "Übertreibung". Etwas anderes wäre es gewesen, wenn es zu moderaten Kursentwicklungen mit sich ganz leicht verbessernden Konjunkturdaten gekommen wäre. Dann würde ich nun "kaufen" schrei(b)en. Zudem habe ich die Entwicklung in Japan im Kopf, auch da kam es zu solch signifikanten Rallyes, die dann wieder in sich zusammenbrachen und noch tiefere Kurse verursachten. Ich will hier lediglich warnen.
Mir ist gestern ein interessanter Vergleich aufgefallen: Es ist hauptsächlich die Liquidität, die dieses Kursfeuerwerk gegen jede Vernunft verursacht. Die Unternehmen machen zwar wieder Gewinne, aber diese resultieren aus massiven Kosteneinsparungen und Investitionskürzungen. Der Konkurrenzkampf wächst währendessen. Das US Verbrauchervertrauen sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt. Das ist kein günstiges Umfeld für eine konjunkturelle Erholung. Also bleibt die Liquidität als kurstreibender Faktor. Erinnern Sie sich an 1999–2000. Da war es im Prinzip auch die enorme Liquidität, die den Markt derart unverständlich, übertrieben hochpuschte (Damals haben übrigens sowohl Martin Weiss als auch Bill Bonner sehr früh bereits zur Vorsicht gemahnt).
Im Jahr 1999-März 2000 entstand diese enorme Liquidität dadurch, dass Hinz und Kunz, Schroeder und Merkel, Schmidt und Meier Aktien kauften. Ich weiß aus vielen Berichten, dass sogar Oma und Opa für wilde Aktienspekulationen den Sparstrumpf geplündert haben. Das Geld wurde an den Börsen in vergleichbar "wenige" Aktien platziert. So führte diese Liquidität dazu, dass völlig unrealistische Kurse entstanden. Die KGVs von damals waren völlig losgelöst jeder Realität.
Und jetzt? Wieder ist es eine enorme Liquidität die den Markt überschwemmt. Nur diesmal ist eine "geschuldete" Liquidität. Fragen Sie sich, würden Sie einer Firma ihr Geld anvertrauen, die hoffnungslos überschuldet ist. Einer Firma, die im Prinzip sagt, wir können so lange Schulden machen wie wir wollen und wir werden noch viel mehr Schulden machen. Ich für meinen Teil nicht. Bevor ich in eine Aktie langfristig Geld investiere, schaue ich mir genau an, wie die Kapitaldecke ist, wie die Verbindlichkeiten sind. Insgesamt verrät die Art wie eine Firma mit ihrem Geld umgeht viel über das Management.
Aber genau auf eine völlig überschuldete Firma setzen Sie im Prinzip, wenn Sie auf diese Rallye setzten. Auf die Firma mit dem Namen "USA" und einem Vorstandsvorsitzenden namens "Bush". Der Finanzvorstand dieser Firma ist unter dem berüchitgten Namen Alan Greenspan bekannt.
Sicher 1999 konnte man enorm viel Geld mit Aktien verdienen. Nur, erinnern Sie sich, die meisten Menschen haben dieses enorm viele Geld in den folgenden Jahren nicht nur wieder verloren, sondern auch noch wesentlich mehr Geld zusätzlich, indem sie nachkauften, zeitweise Schulden machten, etc. In Europa ist uns dieses Ereignis noch sehr gegenwärtig, deswegen sind die Anleger hier wesentlich vorsichtiger. Aber warum scheint das bei den Amerikaner anders zu sein?
Die Amerikaner haben mit dem 11. September einen schweren "kulturellen" Schock erlitten. Meines Erachtens befinden sie sich in einer Art posttraumatischen Schockzustand. Die steigenden Kurse geben das Gefühl von Sicherheit, es sei wieder alles in Ordnung. Deswegen müssen die negativen Nachrichten verdrängt werden, denn sie würden wieder zur Unsicherheit führen, zur Angst. Das erklärt, warum die Amerikaner im Gegensatz zu den Europäern die Erfahrung aus der Hausse bis zum März 2000 nicht umsetzen. Für die Amerikaner bleibt: Der Irak als "Ersatzfeind" (in Anbetracht eines fehlenden fassbaren Feindes) ist besiegt, Amerika hat also seine alte Stärke wieder erreicht, die Börsen steigen wieder, deswegen ist alles ist in Ordnung. Nach 3 Jahren der Unsicherheit ist wieder "Land" in Sicht, ein fester Boden. Beruhigend. Alles was nicht in das Bild passt wird ignoriert.
Und genau dieser Verdrängungsmechanismus im Zusammenhang mit dieser immensen Liquidität führen dazu, dass der weitere Fortgang dieser Rallye schwer einzuschätzen ist. Leider führen diese Aspekte dazu, dass sich charttechnische Fehlsignale mehren, dass Stimmungsindikatoren und andere Indikatoren versagen, dass schlechte US-Konjunkturdaten ignoriert werden. Damit fallen viele wichtige Kriterien zur Analyse weg. Solche Phasen gibt es immer wieder (z.B. 1999–2000). Da kann man nur zuschauen, sich eventuell kurzfristig positionieren und mit dichten Stops größere Verluste verhindern.
Gestern wurden erneut wichtige charttechnische Marken nach oben gebrochen. Die vorangegangene Konsolidierung verlief unerwartet moderat. Beides ist bullish zu bewerten. Doch muss dieser Bruch Nachhaltigkeit beweisen.
Bis dahin spricht auch einiges für ein bearishes Szenario: Der Nasdaq100 hat seinen Aufwärtstrend, wenn auch nur Intraday, gebrochen. Der Dow zeigt sich noch unerwartet schwach. Der Euro hält sich in der Nähe seiner unteren Aufwärtstrendlinie auf, er hat also wieder Aufwärtspotential. Der Goldpreis hält sich trotz des Anstiegs der Indizes in den letzten Tagen überaus stabil. Viele Charts zeigen deutliche Anzeichen von Schwäche. Das im Zusammenhang mit dem Beginn der Nachrichtensaison macht mich skeptisch.
Sollten sich die Märkte jedoch weiter derart stark zeigen und den Bruch nachhaltig bestätigen, ist mit weiteren Kursgewinnen zu rechen. Dann hat der Dax ein (theoretisches s.o.) charttechnisches Potential bis knapp an die 3500 Punkte. Die Rallye kann weiter gehen, sofern die Ergebnissen und Ausblicke der Unternehmen die Erwartungen übertreffen oder die Amerikaner "schwächere Ergebnisse" ebenfalls ignorieren.
Und zum Schluss habe ich noch einen kleinen Link für Sie: www.toptips.com/debtclock.html (oder auf www.brillig.com und dann auf den dritten Link von oben "U.S. National Debt Clock) (Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass wir natürlich keine Haftung für den Inhalt und die Richtigkeit der bei uns angegebenen Links übernehmen) Schauen Sie mal rein. Hier wird die aktuelle Staatsverschuldung der USA angezeigt (es geht dabei nicht um Genauigkeit, dass sind statistische Berechnungen, keine offiziellen Zahlen). Sie können es verfolgen: Jede Minute vergrößert sich das Defizit um ca. 1 Mio. Dollar. Am Tag um 1,55 Mrd. Dollar. Rechnet man die aktuelle Verschuldung auf die Einwohner Amerikas um, dann sind das 22.865 Dollar pro Einwohner. Auf eine vierköpfige Durchschnittsfamilie hochgerechnet ca. 100.000 Dollar. Tendenz stark steigend.