Letzte Überlegungen, bevor es losgeht
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 08. August 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Heute abend um 20:15 wird die Notenbank der USA bekannt geben, ob sie die Leitzinsen zum 18. Mal in Folge anheben wird oder nicht. Darüber hinaus wird sie diese Entscheidung begründen und wir üblich ein Statement zur Lage und der voraussichtlichen Entwicklung der Konjunktur und der Inflation abgeben.
Was auch immer heute abend beschlossen wird, es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass die Aktien- und Anleihemärkte aus ihren engen Kursspannen der vergangenen Wochen ausbrechen. Der Dax kann und wird nicht ewig in einer wenige Prozentpunkte messenden Seitwärtsspanne oszillieren und der Bund Future nicht auf alle Zeit zwischen 114,70 und 117,10 hin- und herpendeln.
Zwei Aspekte möchte ich im Vorfeld diskutieren: Das „Wie“ und das „Wohin“ der Marktreaktionen und das Problem, dem sich die US-Notenbank ausgesetzt sieht. Zuerst einmal zu den Märkten. Ich kann diesen Aspekt als ersten abhandeln, weil die Marktreaktion keine logische Konsequenz dessen sein muss, was die Notenbank beschließen und aussagen wird.
(kleine Anmerkung: Genau in diesem Moment kam gerade die Netto-Neuverschuldung der US-Verbraucher heraus. Zum kringeln ... mehr dazu im 2. Abschnitt!)
Extreme Volatilität unter riesigen Umsätzen, aber ...
Schlag 20:15 Uhr werden die Kurse der US-Indizes lotrecht entweder nach oben oder nach unten schießen. Nachdem die gerade genannten Kreditdaten und wahrscheinlich auch die morgen Nachmittag anstehenden Produktivitätsdaten die Zahl der Zweifler hinsichtlich einer Aussetzung der Zinserhöhungen erhöht hat ... die heute und am Freitag leicht rückläufigen Kurse unterstreichen dies ... wird ein unveränderter Leitzins zu sofort rapide steigenden Kursen führen, eine Zinserhöhung zu steil fallenden Notierungen. Voraussichtliche Halbwertszeit dieser ersten Reaktion: 5-10 Minuten.
Danach wird man sich den Kommentar der Notenbank genau ansehen. Und erst dann, angesichts dieser Formulierungen, werden die Börsen ihre auch über ein paar Tage hinweg haltbare Trendrichtung finden können. In den ersten Minuten jedoch wechseln die Kurse bisweilen alle 120 Sekunden die Richtung – unter extremen Umsätzen. Daher empfehle ich jedem Anleger, der noch Nerven zu verlieren hat, nicht ausgerechnet direkt vor solchen Ereignissen eine neue Position einzugehen!
... über die Richtung der Kurse wird später entschieden
Am Freitag mittag hätte ich die Chancen für einen neuen, umfassenderen Abwärtsimpuls noch auf 75:25 gesetzt. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Zahl derer, die unbeschwert schon im Vorfeld auf das freudige Ereignis einer Zinspause hin gekauft hatten, noch sehr hoch.
Unter dem Eindruck der relativ hohen Lohnsteigerungen, der exorbitanten Zahl bei der Neuverschuldung und einer voraussichtlich nur mäßigen Steigerung der Produktivität haben jedoch in dieser kurzen Zeit viele Ihre vorsorglich aufgebauten Hausse-Positionen reduziert oder gar glattgestellt, das deutet das stagnierende Kursbild der vergangenen zwei Handelstage an. So gesehen sehe ich die Chancen für einen Abwärtsschub jetzt nur noch bei 60:40. Immer noch hoch?
Ich glaube nicht, dass diese Wette zu hoch liegt. Denn es gehen immer noch zahllose „Experten“ um, die sich der Risiken der aktuellen Börsenlage nicht bewusst sind – und ihren Optimismus ungebremst an jedermann weitergeben. Wenn Sie den Daily Observer regelmäßig lesen, sind Ihnen diese Risiken bekannt, ich will sie daher nicht schon wieder alle herunterbeten.
Der Kommentar wird eher warnend ausfallen
Was mich vermuten lässt, dass die Wahrscheinlichkeit von in den kommenden Tagen und Wochen fallenden Kursen immer noch höher ist? Ich bin überzeugt, ja sicher, dass die Mitglieder des Federal Open Market Committee die momentan prekäre Situation sehr wohl absolut korrekt einschätzen. Und daher bin ich überzeugt: Wenn die Fed den Zins tatsächlich unverändert lässt um zu prüfen, was die bisherigen 17 Zinserhöhungen angerichtet haben, dann wird sie zumindest im nachfolgenden Kommentar klarer als sonst durchblicken lassen, dass es sich hier wirklich nur um eine Pause handelt. Und sie wird klarmachen, dass die Situation durchaus erfordern könnte, auch deutlich mehr als nur noch eine weitere Zinserhöhung zu vollziehen.
Und das kann negativer wirken als eine faktische Erhöhung um einen erneuten Viertelpunkt. Ich habe in den vergangenen zwei Monaten keinen Analysten gehört der mehr als noch maximal zwei Erhöhungen um je 0,25% im gesamten Zyklus erwartet. Das Enttäuschungspotenzial ist meiner Ansicht nach daher bei einer Zinspause samt scharfer Kommentierung der Lage höher als bei einer Zinserhöhung.
Die Lage ist verzwickt
Es bleibt die Frage, was die Damen und Herren um Ben Bernanke dem erwartungsvollen Volk sagen werden. Denn die Zwickmühle, in welcher die Fed sitzt, ist wirklich prekär:
Die Preissteigerungen in den USA sind zu hoch, sprich man liegt über dem Level einer „gesunden“ Inflation. Das liegt an zwei Dingen: Die US-Bürger sparen nicht, sondern geben mehr aus als sie einnehmen. Die Inflation ist damit teilweise kreditfinanziert. Zum anderen sind die Rohstoff- und Energiekosten gestiegen. Das erhöht die Produktionskosten der Unternehmen, aber auch die Lebenshaltungskosten der Bürger.
Werden die Zinsen weiter angehoben, erhöht sich die ohnehin hohe Kreditbelastung der Bürger durch die weiter steigenden Zinsen, gerade im Bereich der Hypotheken ist jedes Viertel Prozent eine Menge Holz. Das heißt, es bleibt ihnen weniger für den Konsum. Der soll aber nicht abgewürgt werden, immerhin macht der Konsumbereich zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung aus. Andererseits:
Der Konsum könnte ohnehin abgewürgt werden, wenn die Schuldenlast der Bürger zu groß wird. Das lässt sich aber per heute noch nicht ermessen, weil die steigenden Leitzinsen sich ja erst nach und nach auf Raten- und Immobilienkredite niederschlagen – wegen der Zinsbindung. Diese ist zwar in den USA in der Regel extrem kurz – aber sofort kann man eben doch nicht prüfen, wie stark die Wirkung ist.
Auf der anderen Seite hat die Notenbank das Problem, dass steigende Zinsen die Rohstoff- und Energiekosten nicht beeinflussen. Steigt der Ölpreis weiter, steigen auch die Preise weiter. Es sei denn, der Konsum ist schon so sehr angeschlagen, dass die Unternehmen die Kostensteigerungen nicht an die Verbraucher weitergeben können. Das würde zwar den Bürgern an der Zapfsäule nicht helfen, aber auf diesem Weg würde die Inflation natürlich zumindest in diesem Bereich etwas gebremst.
Der Haken ist aber, dass dann die Unternehmensgewinne unter Druck geraten. Eine Folge würden Entlassungen sein, die wiederum dem Arbeitsmarkt schaden. Und mehr Arbeitslose sind weniger solvente Konsumenten ...
Eine reine Fiktion: Zinssenkungen und Vernunft
Sie sehen: Eine Ideallösung gibt es nicht. Die höheren Energie- und Rohstoffkosten kommen von außen und können nicht wirklich effektiv beeinflusst werden. Und die Schuldenfalle, in der die US-Bürger sitzen, ist schon vor Jahren entstanden - sie kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber sie kann immer schlimmer werden, wenn die Fed die Zinsen weiter erhöht. Andererseits: Wie sonst soll sie die Inflation bremsen?
Eine Lösung gäbe es ja: Die Notenbank müsste die Zinsen deutlich senken. Das würde die Zinslast der Bürger reduzieren. Und die der Regierung, nicht zu vergessen. Die Kredite könnten sukzessive zurückgezahlt werden und die USA aus der Schuldenfalle entkommen. Gleichzeitig müsste der private Konsum so lange reduziert werden, wie die Energiepreise derart hoch stehen, um die Preisbildung nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Das erfordert jedoch etwas, das die Fed nicht im Katalog ihrer Möglichkeiten hat: Die Einsicht und Vernunft seitens der amerikanischen Bürger und deren Regierung gleichermaßen, die Bereitschaft, sich zum Wohle aller einzuschränken. Also können wir diese Option wohl vergessen ...
Es wird spannend heute Abend, das ist sicher. Und ich bin gespannt, was die Fed zur Lage sagen wird ... alles Wissenswerte hierzu natürlich morgen früh!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt