Leserfrage zum Thema "Staatsanleihen-Abverkauf"
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 3. Dezember 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
eigentlich wollte ich Ihnen heute ein Markt-Update geben, doch es tut sich immer noch sehr wenig, was wichtige Größen wie den NYSE BPI oder den VIX angeht. Ich möchte mich stattdessen einer interessanten Frage widmen, die mir kürzlich per E-Mail von einem Leser gestellt wurde. Die Frage nimmt Bezug auf das Thema "Staatsanleihenabverkauf und daraus entstehende Währungsprobleme":
Wenn ein Staat eine Anleihe ausgibt und diese erfolgreich "verkauft"/ platziert, so ist er doch im Besitz des "geliehenen" Geldes auch dann noch, wenn die Anleihe selbst vom ersten Käufer an einen zweiten weiterverkauft wird.
Nehmen wir an, ich kaufe im Januar eine US-Staatsanleihe bei Emission. Mein Geld fließt in die US-Staatskasse. Einen Tag später verkaufe ich die Anleihe über die Börse an einen anderen Anleger (ich gebe sie ja nicht an den Emittenten zurück). Dieser Anleger gibt mir quasi etwas von seinem Geldbestand und wird neuer Besitzer der Anleihe. Ich habe ein paar mehr Euro (cash) auf meinem Konto. Wie kommt es, selbst wenn dieser Vorgang - wenn viele Anleger sich so verhalten - auf den Währungskurs des emittierenden Staates auswirkt?
Das ist weitgehend logisch und gut gedacht, doch geht das Beispiel hier implizit davon aus, dass es einen Käufer für die Staatsanleihe gibt. Was aber, wenn niemand oder kaum jemand die Staatsanleihe haben will (oder nur zu einem stark reduzierten Preis)?
Auslöser für solch eine Einstellung der Marktteilnehmer könnten externe Ereignisse sein wie etwa Äußerungen Chinas, sich von seinen Staatsanleihen trennen zu wollen oder noch stärker eskalierende Schulden in den USA, etc. Genau um dieses "Event" zu verhindern, springt ja auch bereits die amerikanische Notenbank immer wieder mit Anleihenkäufen ein, um den Markt kurzfristig zu stützen (Die Kehrseite dieser Entwicklung ist jedoch, dass dadurch der US-Politik eine noch größere Staatsverschuldung künstlich ermöglicht wird, indem frisch gedrucktes Geld zur Verfügung gestellt wird, was langfristig Gift für den Anleihenmarkt ist).
Gehen wir nun also davon aus, dass es deutlich mehr Verkäufer als Käufer für US-Staatsanleihen gäbe (dies ist auch nicht zwangsläufig abwegig, denn die USA sind stets auf weitere Schulden angewiesen und es kommt somit stets neues Angebot von staatlicher Seite in den Anleihenmarkt. Darüber hinaus halten zahlreiche Länder in Asien, allen voran China, einen relativ großen Berg an US-Papieren).
Die Preise gehen nun nach unten und immer mehr Halter von US-Staatsanleihen werden nervös und schließen sich den Verkäufern an, was die Reaktion nach unten noch weiter beschleunigt und für noch tiefere Kurse sorgt. Die Zinsen auf die Anleihen schießen in die Höhe.
Gleichzeitig erhalten die Verkäufer ihrer Anleihen große US-Dollar Cash-Bestände für die Auflösung ihrer Positionen. Diese werden nun gegen die jeweiligen Heimatwährungen der überwiegend ausländischen Anleger "umgetauscht" (d.h. der US-Dollar wird stark verkauft an den Devisenmärkten), was wiederum massiven Druck auf den US-Dollar-Kurs an den Devisenmärkten ausüben wird und somit die Preise in den USA für Importgüter sehr stark anschnellen lassen wird, da plötzlich die eigene Währung stark an Wert verloren hat und somit viel mehr für Importgüter in der eigenen Währung gezahlt werden muss.
Ein derart schnell zerschossener US-Dollar hätte natürlich auch wieder weitere Wechselwirkungen auf die Wirtschaft anderer Länder und somit würde solch ein Ereignis sicherlich starke Schockwellen durch das weltweite Finanzsystem senden, wenn nicht gar ein starkes Erdbeben verursachen, bei dem einiges zu Bruch gehen könnte. Aus diesem Grund versucht man ja seitens der FED auch, den Dollar "kontrolliert verfallen" zu lassen.
Beruhigend: Aktuelle sehe ich keine bedrohlichen Anzeichen dafür, dass es zu einem derartigen "Schock-Ausverkauf" kommen dürfte. Das ändert natürlich nichts daran, dass ich langfristig sehr bärisch auf den US-Dollar bin und China sicherlich weiterhin Stück für Stück versuchen wird, seine US-Dollar-Bestände zu reduzieren bzw. in Gold- und Rohstoffe umzuschichten...
Beste Grüße