Leserfrage zum Beta von Aktien
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 11. August 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
kürzlich erreichte mich die folgende Frage:
Sehr geehrter Herr Hahn,
ich beschäftige mich schon seit längerer Zeit mit dem Beta von Aktien, bin mir aber noch nicht sicher, wie ich es am besten einsetzen kann. Vielleicht könnten Sie dazu nochmal etwas sagen?
Aber gerne doch. Zunächst einmal zur Erinnerung:
Was versteht man unter dem Beta einer Aktie?
Unter dem Beta einer Aktie versteht man die Volatilität dieser Aktie gegenüber dem breiten Markt. Dies funktioniert wie folgt:
Die Analysten definieren, dass der Markt (also z.B. der S&P 500 Index im Falle der USA) ein Beta von 1 und Cash ein Beta von 0 hat. Gegen diese "Anker-Werte" wird nun die Volatilität einer einzelnen Aktie gemessen.
Hat also eine Aktie ein Beta von größer als 1, so können Sie davon ausgehen, dass diese volatiler als der vergleichbare Marktindex ist. Analog dazu gilt für Aktien mit einem Beta kleiner als 1, dass diese weniger volatil als der zugehörigen Marktindex sind.
Je kleiner das Beta einer Aktie ist, desto näher kommt ein Investment in diese Aktie einem Investment in Cash von der Volatilität her betrachtet (nicht automatisch vom Risiko!) gleich.
Ein Beispiel: Sagen wir, die amerikanische Aktie ABC hat ein Beta von 0.5 und der S&P 500 bekanntlich ein festgelegtes Beta von 1. Somit sollte ABC sich im Schnitt halb so weit bewegen, wie der S&P 500. In anderen Worten: Verliert der S&P 500 10%, sollte der Verlust bei ABC bei ca. 5% liegen. Gewinnt der S&P 500 10%, sollte der Gewinn von ABC im Schnitt bei ca. 5% liegen.
Das Beta funktioniert also in beide Richtungen!
Viele Anleger setzen das Beta einer Aktie mit dem Risiko einer Aktie gleich. Dies mag zwar in weiten Bereichen stimmen, jedoch steckt in solch einer Aussage nicht die ganze Wahrheit, denn letztlich ist das Beta nur eine Funktion der vergangenen Bewegungen der Aktie. Was nicht berücksichtigt wird sind z.B. Punkte wie das Geschäftsmodell, welches der entsprechenden Firma zugrunde liegt, oder das zukünftige Risiko der Aktie bzw. das Verhalten der Aktie, wenn sich die Gesamtmarktbedingungen ändern.
Wenn wir vom "Beta" reden, sprechen wir also primär von einem historischen Wert.
Möglichkeiten, das Beta in das eigene Aktienscreening bzw. die eigene Wertpapiersuche zu integrieren
Je nach Handelsansatz gibt es natürlich verschiedene Möglichkeiten, wie Sie mit dem Beta einer Aktie umgehen können:
Einige Anleger nutzen es lediglich, um sich ein Bild zu verschaffen, mit wie viel Bewegungsdrang grob gerechnet werden muss (im Vergleich zu den Gesamtmärkten). Andere Anleger gehen wiederum anders vor.
Das Beta kann in einem Aktiensuchmuster (auch "screen" genannt) eine wichtige Funktion erfüllen.
Stellen wir uns beispielsweise vor, Sie suchen Aktien mit hoher relativer Stärke, die entsprechend "Gas" geben, wenn die Märkte sich nach oben bewegen.
Hierfür könnten Sie u.a. auf die folgenden Kriterien zurückgreifen:
- Beta von mindestens 1.7
- beständiger und intakter Aufwärtstrend
- Hohe Eigenkapitalrendite
- ...
Sie können das Beta neben all Ihren Kriterien beim Aktienscreening sozusagen als "Geschwindigkeitsfilter" benutzen. Wenn Sie nur Aktien möchten, die sich entsprechend beherzt bewegen und historisch eher langweilige Aktien mit kleineren Sprüngen im Vergleich zum Markt ausschließen möchten, ist das Beta beim Filtern ein interessanter "Schalthebel" für Sie.
Auch lässt sich das Beta bei Risikoprognosen sehr gut für diverse Abschätzungen nutzen. Gehen Sie z.B. von einer 10% Gesamtmarktkorrektur aus und haben eine Aktie, die einen technisch angeschossenen Chart hat und (sagen wir) über ein Beta von 2.5 verfügt, so können Sie grob davon ausgehen, dass die Aktie die Tendenz haben wird, mehr als doppelt so weit zu fallen, wie der Gesamtmarkt. Eine Garantie gibt Ihnen dies natürlich nicht, aber eine Näherung auf historischer Basis ist sicher besser als gar kein Wissen.
Für derartige Kursprognosen sind natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Faktoren interessant und maßgeblich. Dennoch halte ich das Beta einer Aktie für eine sehr hilfreiche und in vielen Situationen auch wichtige Kennzahl, die ich mir bei Papieren stets ansehe.
Beste Grüße
P.S.:
Oft geht es in diesem Newsletter um die US-Märkte, da diese letztlich der Taktgeber für die weltweiten Börsen nach wie vor sind.
Im zweiten Artikel der heutigen Ausgabe von Investoren Wissen geht es diesmal jedoch um eine kurze Einschätzung zum DAX. Diese stammt exklusiv aus dem Börsendienst "Value Investor", welcher von meinem Kollegen Franz-Josef Buskamp geführt wird.
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