Leserfrage zu Bollinger Bändern
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 15. November 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
über das Wochenende erhielt ich die folgende Leserfrage:
Sehr geehrter Herr Hahn,
vor einiger Zeit schrieben Sie etwas über Bollinger Bänder und wie man diese nutzen könne, um nach Aktien zu suchen, deren Ausbruch bald bevorsteht. Ich habe nun mal versucht, das in einem Aktienscreener zu programmieren.
Als Screening-Kriterium habe ich hierbei mit der Bollinger-Bandbreite gearbeitet, wie Sie empfahlen. Mein Problem ist, dass dieses Kriterium nicht wirklich "handlich" ist. Jede Aktie hat doch ihre historischen Bandbreiten-Tiefs an einer anderen Stelle. Ein Screen müsste somit doch relativ definiert werden anstatt mit absoluten Werten?
Wie lässt sich dies in der Praxis umsetzen? Ich wäre für jeden Tipp dankbar.
Zunächst einmal freut es mich zu sehen, wenn Leser mit Aktienscreenern arbeiten, denn ich halte diese für sehr wichtig auf dem Weg zur eigenverantwortlichen Geldanlage und Suche von Wertpapieren.
Nun aber zu der (übrigens sehr guten) Frage:
In der Tat gibt es hier ein Problem zwischen "relativ" und "absolut".
Als ich in dem damaligen Artikel zu Bollinger Bändern darauf verwies, dass man diese als Screening-Mittel nehmen könne, um nach sich entwickelnden Ausbrüchen zu suchen, hatte ich weniger eine Programmierung in einem Aktienscanner im Sinne, sondern zunächst einmal nur ein visuelles Auswerten vorhandener Situationen.
Aber mit dem Scanner geht's natürlich auch!
Wenn Sie in einem Aktienscanner suchen möchten, erscheint mir die nachfolgende Vorgehensweise ganz sinnvoll. Ich nehme hierbei an, dass Sie mit einem einfachen Paar Bollinger-Bändern mit den Standardparametern 20, 2.0 arbeiten und nehme als Beispiel zur Veranschaulichung einmal die Aktie von "Panera Bread" (US-Ticker: PNRA):
Abb.: Tageschart "Panera Bread" mit Bollinger Band und Keltner-Channel
Wenn Sie sich unter dem Chart die Bollinger-Bandbreite ansehen, so erkennen Sie, dass in den letzten Monaten die historischen Tiefs bei ca. 5.5-6.0 lagen. Natürlich ist dies bei jeder Aktie unterschiedlich (wie der Leser ja auch schon schrieb). Ein Scanner, der gezielt nach verengten Bollinger-Bändern suchen soll, bräuchte daher einen relativen Bezugspunkt (wenn er nicht automatisch historische Tiefs erkennen kann).
Diese relative Definition kann man sich schaffen, indem Sie eine Art "Vorab-Screen" im ersten Schritt nutzen.
Eine Möglichkeit ist hier die Überlagerung des Chart samt Bollinger Bändern mit Keltner-Kanälen (im obigen Chart rot). Als Punkte relativ reduzierter Volatilität können Sie nun die Bereiche wählen, in denen beide Bollinger Bänder (im obigen Chart blau) erstmals gemeinsam innerhalb des Keltner-Kanals verlaufen und genau hiernach suchen. Im obigen Chart ist dies durch die Pfeile verdeutlicht. Diese markieren den Punkt, an dem jeweils das zweite Bollinger Band (oder beide gleichzeitig) in den Keltner-Kanal zurückkehren.
Meist fällt diese Situation auch mit Tiefs in der Bollinger-Bandbreite zusammen oder liegt zumindest sehr nahe an diesen davor.
Wenn Sie dies Ihrem Screener anstelle einer Suche mittels absoluter Werte für die Bollinger-Bandbreite eingeben, dürften Sie weitaus mehr brauchbare Resultate haben.
Das alleine macht natürlich noch keinen Gewinner-Trade aus und nicht jede dieser Situation muss unbedingt Sinn machen für einen Einstieg (die Methode sollte sowieso je nach Anwender und Handelsansatz noch angepasst und etwas modifiziert werden), doch eine ganze Reihe an Vorarbeit bei der Suche nach Trade-Situationen, die von Volatilitätserweiterung begleitet sein sollen, dürfte Ihnen so abgenommen sein.
