Leserfrage: Negativzinsen in der Schweiz?
Miriam Kraus in Devisen-Monitor zum Thema Devisen & Devisenhandel
vom 5. August 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
Aus aktuellem Anlass verzichte ich heute auf die Optionsstrategien und möchte mich stattdessen der Beantwortung einer wichtigen Leserfrage widmen.
Leser A.S. fragt:
Ich erinnere an die Negativzinsen der CH in den 1960er Jahren. Würde das heute auch noch wirken und wie?
Meine Antwort:
Herr S. Vielen Dank!
Alles in allem liegt das Zinsband in der Schweiz ja bereits jetzt schon enorm tief. Auch vor der Zinssenkung in dieser Woche wurden Sparguthaben nur noch minimal verzinst - abhängig von Alter und Anlagesumme im Durchschnitt um 0,6%. Im Gegensatz zu den deutlich höheren Zinsen im Euroraum.
Doch kommen wir nun konkret zu Ihrer Frage:
Die aktuelle Situation ist wahrlich nicht die erste, in der sich die Schweiz mit einem Ansturm von Investoren-Geldern und einer extremen Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber sah. Bereits in den 60er und 70er Jahren gab es gewaltige Kapitalzuflüsse in die Schweiz.
Damals reagierte die Schweiz mit der Einführung von Negativzinsen um den Kapitalzufluss einzudämmen. Soll heißen, wer sein Geld in die Schweiz brachte, wurde dafür mit einer Strafgebühr belohnt. Anstatt die Franken-Anlagen zu verzinsen, wurden umgekehrt Zinsen von den Investoren verlangt, damit diese ihr Geld überhaupt in der Schweiz bunkern durften.
Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Szenario erneut eintreten wird?
Nun, es ist gar nicht einmal so unwahrscheinlich. Denn tatsächlich gibt es bereits jetzt in verschiedenen Bereichen eine negative Verzinsung zu beobachten.
Bei Swap- und Optionsgeschäften im professionellen Handel der Banken ergeben sich bereits jetzt beispielsweise im USD/CHF Abschläge, die einer gerechneten Negativverzinsung gleich kommen. Doch lassen wir das mal außen vor.
Interessanter sind vielmehr die beschlossenen Rückkaufaktivitäten der SNB. Sie wissen sicher, dass die SNB angekündigt hatte, ausstehende Geldmarktpapiere (Bills) zurück zu kaufen. Offenbar zahlt die SNB für Laufzeiten zwischen 3 und 6 Monaten über 100%. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass hier bereits Negativzinsen implementiert worden sind, denn in der Regel liegt der Kaufpreis unter 100% (Nominalwert abzüglich Zinsen).
Überdies könnte ich mir gut vorstellen, dass die SNB die Einführung von Negativzinsen (oder auch Gebühren) auf Schweizer Obligationen für Ausländer in Betracht ziehen könnte. Diesen Schritt halte ich dann für wahrscheinlich, wenn sich die Dynamik der Franken-Aufwertung weiterhin verstärkt.
Fazit
Obgleich es also bereits jetzt Tendenzen zu beobachten gibt, wäre die Einführung von Negativzinsen in der Schweiz mit Sicherheit der letzte Schritt, der unternommen würde, denn er würde einerseits aufzeigen, dass die SNB ihr letztes Pulver verschossen hätte und sich im Grunde nicht mehr anders zu helfen wüsste. Bevor dies geschieht, dürften aber zunächst deutliche FX-Interventionen anstehen. Erst wenn diese keinen Erfolg bringen, könnte der Schweiz am Ende nicht mehr viel anderes übrig bleiben.
Abhängig ist diese Entwicklung natürlich vornehmlich von der Entwicklung im Euro-Raum.
Doch ganz abgesehen davon, lehrt die Vergangenheit auch, dass Negativzinsen nicht zwangsläufig den gewünschten Effekt bringen, denn in den 70er Jahren konnten auch Negativzinsen von bis zu 10% pro Quartal die Aufwertung des Schweizer Frankens nicht verhindern.
Damit verabschiede ich mich für heute und wünsche Ihnen (trotz allem) ein schönes und hoffentlich erholsames Wochenende. Nächste Woche geht es dann mit den Optionsstrategien weiter...
Liebe Grüße und bis nächsten Mittwoch
Ihre Miriam Kraus