Leserfrage: Inflation/Deflation
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 10. Dezember 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
kürzlich erhielt ich die folgende Leserfrage:
Sehr geehrter Herr Hahn,
ich weiß, dass Sie schon öfters es davon hatten, aber ich verstehe einfach noch nicht ganz, warum manche Leute eine Deflation erwarten, während andere von der Inflation sprechen. Es muss doch für beide Standpunkte gute Argumente geben, sonst würde sich diese Kontroverse nicht so halten? Vielleicht können Sie ein paar Zeilen dazu schreiben? Würde mich freuen.
In der Tat liegt der Leser hier richtig. Und zwar mit mehreren Punkten. Über das Thema Inflation/Deflation hatte ich tatsächlich schon das ein oder andere Mal hier bei Investoren Wissen geschrieben und auch für Inflation sowie Deflation gibt es sicherlich Argumente.Ich werde versuchen, im folgenden Abschnitt meine Sicht der Dinge kurz (und stark vereinfacht) wiederzugeben.
Schulden = Vermögen ... unser Geldsystem
Um sich überhaupt Gedanken machen zu können, ob wir es mit inflationären oder deflationären Entwicklungen zu tun bekommen werden bzw. an welcher Stelle sich welche Tendenz durchsetzen wird, ist eine Kenntnis unseres Geldsystems absolut nötig. Jemand, dem nicht bewusst ist, wie unser Geld überhaupt entsteht, kann aus meiner Sicht selbst bei bester Logik keine vernünftige Prognose abgeben.
Wie unser Geldsystem funktioniert habe ich hier bei Investoren Wissen bereits öfters angeschnitten und erläutert, daher setze ich dies hier als bekannt voraus (wem dies noch nicht klar ist, dem empfehle ich z.B. den folgenden zweiteiligen Vortrag als Hintergrundwissen und Veranschaulichung).
Wie auch im oben verlinkten Video beschrieben ergibt sich, dass wenn Angst und Unsicherheit um sich greifen und die Leute beginnen, massiv Schulden zurückzuzahlen und Cash zu horten, ein großer deflationärer Druck entsteht, da kein neues Geld mehr geliehen und somit kein neues Geld geschaffen wird, wie es der Fall ist, so lange die Mehrheit der Leute sich gut fühlt. Auch wird durch das Abzahlen von Schulden und das Platzen von Krediten Geld verschwinden.
Diesen deflationären Entwicklungen versuchen Zentralbanken wie etwa die FED und Regierungen entgegenzusteuern, indem sie massiv Geld ins System pumpen, die Edelmetallpreise manipulieren (da diese als "Fieberthermometer" des Markts gelten) und die Inflationsstatistiken manipulieren, um zu suggerieren, dass es durch diese Maßnahmen keine Inflation gäbe, Zinsen manipulieren und den Aktienmarkt künstlich stützen (PPT), wenn dieser droht, abzustürzen. Jedoch ist jede Marktmanipulation bisher zusammengebrochen, denn die Kräfte des Marktes sind am Ende immer stärker als jeglicher Manipulationsversuch.
Momentan sind wir aus meiner Sicht in der Phase, dass besonders verschiedene EU-Politiker versuchen, die angefallenen Schulden, in denen einige Länder bereits ertrinken, so auf andere Länder zu verteilen, dass der "Tod durch Ertrinken" bei den schwächsten Kandidaten noch etwas hinausgezögert werden kann. Dies kauft jedoch nur etwas Zeit, stellt den "gemeinsamen Crash" sicher und löst nicht die Grundprobleme.
Ab dem Moment, wo das Vertrauen z.B. des Bondsmarkts (dieser ist von den Summen her deutlich größer als der Aktienmarkt) verschwindet, und die riesigen Schuldentürme beginnen, einzubrechen, wird Geldsystem bedingt wohl eine scharfe deflationäre Entwicklung einsetzen.
Diese wiederum wird jedoch kaum zugelassen werden, sondern Zentralbanken, allen voran die FED, werden panisch gegenreagieren und wahrscheinlich aus nackter Angst mit der "Gegeninflationierung" gut über das Ziel hinausschießen. Selbst wenn man den Ausstieg aus der Druckerei gut treffen würde, bestünde immernoch durch das fraktionelle Reservesystem die Chance, dass zu viel Geld seitens der Geschäftsbanken durch Kreditvergabe erzeugt würde. Diese Maßnahmen wiederum haben das Potential, das sprichwörtliche Ruder radikal herumzureißen und zu einer sehr starken, wenn nicht gar Hyperinflation zu führen.
Natürlich ist das ein Worst-Case-Szenario und keineswegs zu 100% garantiert und hier spielen auch noch sehr viele politische Variablen mit hinein.
Das Beste ist es aus meiner Sicht, die Entwicklung beständig zu verfolgen und dynamisch die eigene Strategie anzupassen. Langfristig betrachtet halte ich das Risiko einer Inflation für deutlich höher als das einer Deflation. Das bedeutet aber nicht, dass wir es auf dem Weg dorthin nicht auch mit deflationären Entwicklungen oder Schocks, gegen die dann seitens der Zentralbanken gegengearbeitet wird, zu tun bekommen können. Eine ausschließliche Festlegung auf Deflation oder Inflation, wie man sie bei manch einem Marktkommentator erkennen kann, erscheint mir daher nicht wirklich zielführend. Ich denke, beides muss in einer vernünftigen Risikoabschätzung eingeplant werden, je nachdem, wie sich die Dinge weiter entwickeln.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Ralf Wunschick (10.12. 2010 18:57 Uhr):
Ich denke, durch die Verschleierungstaktik mittels "Auffang- und Rettungsprogrammen" im Euro- Raum sowie hemmungslosem Geld- Drucken und Zinssenkungen wird die Realität NOCH gekonnt verleugnet. Die Frage ist nur, wie lange kann das noch gutgehen ohne einen "Erdrutsch" oder gar einen Supergau auszulösen. Das Einzige, was in einem solchen Fall sicher ist, sind die fassungslosen und unschuldigen Gesichter der Politik. Wie Sie, Herr Hahn, es schon sehr zutreffend formulieren - genau beobachten und die eigene Anlagestrategie entsprechend anpassen. Ihnen, wie allen Lesern, ein schönes und erholsames 3. Adventswochenende.
Antworten - Kommentar von VolkerGerull (11.12. 2010 10:06 Uhr):
Lieber Herr Hahn, Dies ist in verständlichen Worten eine gute Darstellung des Problems.Die Frage ist dann auch, wie lange eine Deflation anhält ,in eine schwere Rezession , oder gar noch schlimmeres mündet und vor allem, wann der Zeitpunkt erreicht sein wird , so es eintritt. ( Was Gott verhüten möge )In der Deflation ist Liquidität wichtig.Insofern wären auch LV `s deren Ablauftermin un kurzer Zeit bevorsteht wohl noch eine sichere Anlage.Und natürlich auch Bargeld sofern man welches hat.Etwas Anderes wäre es natürlich wenn unsere Währung auseinanderbrechen würde und nicht gezielt , eine weiche Landung von den Mächtigen herbeigeführt werden könnte.Dann und im Falle einer gallopierenden Inflation, oder noch schlimmerem, wären Edelmetalle, sofern man sie hat natürlich wichtig.Aber was hilft es z.B. den vielen Einzelhändlern, die georderte ware nicht mehr verkaufen könnten ( in einer Depression o,ä.von Lebensmittlern abgesehen) in Folge derartiger Entwicklungen? Sie stünden sehr schnell am Ende ihrer Möglichkeiten .Die Geschichte hat hinreichend viele Beispiele dafür.Und es würde ein Großteil der Bevölkerung davon betroffen sein.Deshalb kann man nur hoffen, dass es eine für alle tragfähige Lösung gibt, und zwar weltweit, sonst werden die Verwerfungen gewaltig sein.Nur: eines ist auch klar.So gut das Internet für Informationen sorgt so sorgt es auch für Verunsicherung, weil jeder und und alles sofort wieder in Frage gestellt wird.( Von den reinen volkswirtschaftlichen Grunderkenntnissen einmal abgesehen.)Es ist immer die Frage wie man diese interpretiert.Aber an Sie mein Dank für die in verständlichen Worten dargestellten Informationen. Viele Grüße Volker Gerull
Antworten - Kommentar von Werner Koch (11.12. 2010 11:26 Uhr):
Ich fand den Artikel sehr interessant. Leider verstehe ich offensichtlich immer noch nicht, warum die Leute Geld horten - ich dachte bei einer zu befürchtenden Inflation entsteht eine Flucht in Sachwerte - siehe auch "Crack-up-Boom" (Ludwig von Mises). In welcher Phase horten die Leute Geld und in welcher Phase flüchten die Leute in Sachwerte - und wo stehen wir heute. Steigende Aktienkurse und die Immobiliennachfrage deuten doch eher eine beginnende Flucht in Sachwerte an - oder liege ich da falsch?
Antworten- Antwort von Werner Schiffer (12.12. 2010 18:51 Uhr):
Ich sehe drei Hauptbeteiligte: USA als Rekordhalter des Schuldenmachens, China/Japan als Supergläubiger der USA und den Euroraum. Schuldner und Schuldenmacher wollen den Dollar unter allen Umständen nicht sinken lassen. Das geht leider zulasten des Eurokurses. Deshalb boomt unser Export-über die bisherigen Ursachen hinaus (Betrug an den Arbeitnehmern durch Staat und Wirtschaft). Ende?
- Antwort von Werner Schiffer (12.12. 2010 18:51 Uhr):