Leserbrief: Wie kommen solche Chart-Marken zustande?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 23. Februar 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Sehr geehrter Herr Steffens,
ich bitte Sie um Aufklärung zu folgendem Thema:
Häufig lese ich, dass der DAX oder Dow die xxx (z.B. 11050)-Marke "testet" und dass, wenn er diese durchbricht, kein Halten mehr nach oben ist o.ä.
Woher soll das kommen? In aller Regel kaufe oder verkaufe ich doch keinen "DAX" oder "Dow", sondern eine Allianz oder IBM o.ä. Ich kann dabei noch nachvollziehen, dass der allgemeine Trend eines Index auf die eine oder andere Weise in die Kaufentscheidung einfließt. Warum aber gerade eine bestimmte Index-Marke dafür relevant sein soll, ist mir nicht nachvollziehbar.
Für eine Aufklärung wäre ich dankbar.
R. Blum
Sehr geehrter Herr Blum
Das ist eine wirklich interessante aber auch sehr schwierige Frage, über die sich die Geister trefflich streiten. Die einen behaupten, solche charttechnischen Marken hätten deswegen eine Relevanz, da viele darauf achten, also so eine Art self-fulfilling prophecy. Die anderen begründen solche Marken mit allerlei guten und weniger guten Thesen.
(Einschub: Der Dax wird auch stark über den Dax-Future beeinflusst und somit wir der Dax zum Teil sehr wohl "gekauft". Hier kann es zu wichtigen Widerständen kommen, die sich dann auch auf den Dax auswirken. )
Meiner Meinung nach hat es etwas damit zu tun, dass der Mensch das Chaos nicht mag und zur Vereinfachung und Strukturen neigt. Wenn Sie eine Aktie kaufen, sagen Sie nicht zu Ihrem Nachbarn: Ich verkaufe sie am 29.März 2006 bei 97,87 €, sondern: "Die halte ich bis Ende März, dann steht die bei 100 €!".
So entstehen Widerstände, deswegen sind solche "psychologischen Marken auch so interessant für die Charttechnik.
Ein weiterer Grund ist, dass viele Anleger sich vor einer Kaufentscheidung natürlich die Kursverläufe der Aktien ansehen und irgendeinen Anhaltspunkt brauchen, um einen Einstieg oder Ausstieg festzumachen. Da wird sich dann eine Linie gesucht, da wird dann gewartet, bis dies oder jenes passiert.
Früher haben die Anleger nur auf die Ticker geachtet und dann ein Gespür dafür bekommen, bei welchen Marken eine Aktie sich häufiger aufhält, wo sie Unterstützung, durch Käufer erhält, oder aber wo Sie auf Widerstand stößt. Ein Punkt, an dem die Aktie einfach nicht weiter kommt. Da natürlich alle diese Ticker beobachteten, glichen sich irgendwann die Wahrnehmung der Teilnehmer an. Das ist wohl ähnlich wie beim applaudieren, irgendwann klatschen alle im gleichen Takt.
Daraus entstanden dann Linien, die man dann auch im Chart erkennen konnte, welche dann auch so genannt wurden: Unterstützungs- und Widerstandslinien.
Ein letzter Grund ist, dass wir Menschen, auch wenn wir es nicht glauben wollen, alle doch sehr ähnlich und einfach strukturiert sind. Ich kann Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung sagen, dass Sie irgendwann anfangen die Charts "zu fühlen". Einfach weil Sie doch irgendwie immer ähnlich verlaufen. Die Kurse sind getrieben von unzähligen Kaufentscheidungen, die letzten Endes alle eher menschlicher Natur sind, egal wie viele Computer daran beteiligt sein mögen.
Darüber hinaus können Sie natürlich zurecht alle anderen möglichen Thesen und Theorien über Zyklen, Fibonacci Zahlen, Wellenmuster, Fraktale, mathematischen Modelle, chaostheoretischen Grundsätze heranziehen – aber das würde den Rahmen dieses Newsletters bei weitem sprengen.
Für mich als Trader ist wichtig, dass es solche entscheidenden Marken gibt und das sie eine Relevanz haben. Schließlich geht es darum, damit Geld zu verdienen. Das sie eine Relevanz haben – habe ich oft genug hier im Investor's Daily sehr bewiesen.
Ein Absatz sei mir noch erlaubt: Den Fehler, den viele machen ist, zu denken, Charttechnik sei relativ einfach. Es reiche aus, ein oder zwei Bücher zu lesen und schon verdiene man damit Geld. Dem ist leider nicht so. Tatsächlich ist es nur ein Hilfsmittel, das wesentlich mehr Erfahrung, als angelerntes Wissen erfordert. Es dauert Jahre des täglichen Umgangs mit Charts, um hier einigermaßen gute Prognosen treffen zu können – denen aber schlussendlich auch nur Wahrscheinlichkeiten zugrunde liegen, zum Beispiel eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 70 % (was schon viel ist). Das bedeutet aber auch, dass Sie in 3 von 10 Fällen trotzdem daneben liegen.