Leser kommentieren: Der Euro - eine kränkelnde Frühgeburt
Cindy Bach in Insider Daily
vom 19. Januar 2012, 14:30 Uhr
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Im Nachgang zu meinem Thema der Woche "Wo sehen Sie den Euro in fünf Jahren?", gingen mir noch zahlreiche Lesermeinungen zu, u.a. die nachfolgende von meinem geschätzten Leser Albert Karl aus München. Er versucht in seinem Kommentar einen historischen Kontext zum aktuell problematischen Ist-Stand der Euro-Krise herzustellen - sehr aufschlussreich wie ich finde. Deswegen habe ich mich entschlossen, diesen Kommentar heute ungekürzt an Sie weiterzugeben. Viel Vergnügen beim Lesen.
"Ausgangslage: Schon Romano Prodi, damaliger EU-Kommissionspräsident hatte bekanntlich 2001 zur Euro-Bargeldeinführung festgestellt: "Es wird ein Kind geboren, das schon bei der Geburt eine erhebliche Dimension hat." Und glauben Sie mir, Herr Prodi kannte sich in solchen Dingen sehr gut aus! Will heißen, dass die überhastete Währungsunion zu einer kränkelnden Frühgeburt geführt hat. Wenn Deutschland finanziell und ökonomisch also gar keine Interessen an einer Einheitswährung haben kann - warum traten dann gerade deutsche Politiker so stark für das unbeliebte Einheitsprojekt ein?
Sicher spielt hier der geschichtliche Hintergrund eine gewisse Rolle: Als 1990 die deutsche Einheit ins Haus stand, war das für die meisten unserer Nachbarn bedrohlich hinsichtlich der gesteigerten Wirtschaftskraft des vereinigten Deutschland. Man hat sich bemüht, Deutschland fest in Europa einzubinden, damit es seine eigenständige Wirtschaftspolitik verlieren würde. Und dazu eignet sich eben der Entzug der Währungssouveränität. Der Beschluss, die D-Mark abzuschaffen, erfolgte deshalb nach der deutschen Einheit, im Jahr 1992 durch den Vertrag von Maastricht.
IST-STAND:
1. Weil die Euro-Staaten mit dem Euro ihre Währung nicht mehr abwerteten und so ihre Produkte im Export billiger machen konnten, gewann ab ca. 2005 die BRD (die Lohnstückkosten in der EU stiegen zwischen den Jahren 2000 und 2010 bis zu 30 %; in der BRD blieben sie stabil. Die Reallöhne stagnierten allerdings). Der wirtschaftliche Aufschwung stellte sich in 2010 ein: 60% der deutschen Exporte im Gesamtwert von ca. 98 Mrd. Euro gingen in die EU.
2. Finanz- und Bankenkrise: Die Konstruktion des EURO als Einheitswährung ist dafür ausgelegt, womit sich der Euro-Raum seit fast zwei Jahren auseinandersetzen muss: Gerät ein Land an den Rand der Zahlungsunfähigkeit, gefährdet es auch den Rest des Währungsraums. Im Kampf mit den Spekulanten auf den Finanzmärkten um die Währung wuchsen die staatlichen Garantiesummen hinsichtlich der Schuldenkrisen in Irland, Italien, Portugal, Spanien und Griechenland immer weiter an: Wie wir alle wissen, haften die EU-Mitglieder mit 500 Mrd. Euro, wovon die BRD momentan 123 Mrd. Euro trägt.
Mit einer Preissteigerungsrate von ca. 2% bleibt der Euro eine stabile Währung - bis heute!
3. Der Euro ist noch die zweitwichtigste Währung der Welt.
4. Fest steht, dass der Euro die wirtschaftlichen Stärken und Schwächen der Staaten nicht ausgleichen konnte. So führten die anhaltenden Unterschiede in den Lohnstückkosten sowie bei den Teuerungsraten zwischen den einzelnen Ländern zu einer nachhaltigen Verschlechterung der Wettbewerbsposition einer Gruppe von Mitgliedsstaaten.
5. Leider können wir noch nicht von einer politischen Union in der EU sprechen. Das hat die fehlende europäische Kontrolle der nationalstaatlichen Finanzen gezeigt. Erst jetzt auf dem EU-Gipfel in Brüssel im letzten Dezember beschlossen die Staats- und Regierungschefs automatische Sanktionen.
6. Die Gretchenfrage nach der Aufgabe der EZB ist unter Experten hoch umstritten und führte letztlich zum Rückzug des Herrn Stark im September 2011. Seither galt der Schäuble-Vertraute Jörg Asmussen als aussichtsreichster Kandidat, der deutsche Interessen und die Linie der Bundesbank zu vertreten pflegte. 6.1 Traditionell sieht ja die deutsche Position den Auftrag der EZB vor allem in der Gewährleistung der Preisstabilität. Diese Maßgabe war einst Voraussetzung für die deutsche Zustimmung zu der europäischen Institution. Wie wir wissen, diente als Vorbild die Bundesbank, die die D-Mark so lange stabil gehalten hatte. 6.2 In dieser Richtungsentscheidung hat sich bedauerlicherweise Herr Draghi nun auf einen anderen Kandidaten festgelegt; seine Wahl fiel auf den Belgier Peter Praet. 6.3 Für Deutschland bedeutet diese Entscheidung eine empfindliche Beschneidung des eigenen Einflusses. Man kann nicht mehr persönlich, finanzpolitisch Einfluss auf die strategischen Geschicke nehmen.
7. Wir steuern auf eine hohe Inflation zu. 7.1 Die etwas stabileren Staaten wie die BRD haben die Schulden der Pleite-Staaten dauerhaft mit zu übernehmen. Wahrscheinlich als Euro-Instabilitätsbonds (die überschuldeten Staaten werden automatisch verleitet, noch mehr Schulden aufzunehmen. Unser Staat wird dann sehr wahrscheinlich seine gute Bonität verlieren und das bedeutet: Höhere Zinsen!
FAZIT: Da Deutschland und Frankreich gemeinsam die Führung übernommen haben, um zu retten was noch zu retten ist - auch wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist - müssen 1. die Länder der Euro-Zone die jetzt beschlossenen Maßnahmen stringent und zügig umsetzen für eine stärkere Planabstimmung der Wirtschaftspolitik. Damit könnte man den Geburtsfehler des Euros im Nachhinein korrigieren. 2. Ein Happy End für den Euro in ca. 10 Jahren ist nicht nur wünschenswert, sondern dann wahrscheinlich, wenn die Staatsschulden in den Griff gebracht werden. Bekanntlich müssen die Regierungen dieser Welt in diesem Jahr fast 8 Billionen Dollar an Schulden zurückzahlen, was nur über die Aufnahme neuer Schulden gehen dürfte (Deutschland 285 Mrd. Dollar). 3. Dass Euro-Bonds und Inflation kommen, ist wahrscheinlich. 4. Es ist unwahrscheinlich, dass es tatsächlich zu einer Euro-Spaltung kommt. 5. Die Rückkehr zur D-Mark ist sehr unwahrscheinlich. Dem Euro ist unser Exportboom der letzten Jahre zum Teil zu verdanken. Unsere Unternehmer und die Bundesregierung dürften alles veranlassen, den Euro am Leben zu erhalten - allerdings müssen wir schon auch sehen, dass auf Basis der aktuellen Rettungsmaßnahmen ein Überleben der Euro-Zone in der jetzigen Form bei einer Zahlungsunfähigkeit eines wirklich großen Eurolandes wie Spanien oder Italien gar nicht gewährleistet ist."
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Jan Fischer (19.01. 2012 15:36 Uhr):
Also ich halte diese Einschätzung immer noch für sehr optimistisch. Sie enthält allerdings einen eklatanten Fehler, welcher besonders von unseren Politikern gern verbreitet wird: "Dem Euro ist unser Exportboom der letzten Jahre zum Teil zu verdanken." Das ist Unfug. Tatsache ist, daß seit der Euroeinführung die Exporte Deutschlands in die Eurostaaten um etwa 2 bis 4% zurück gegangen sind. Der Exportboom kam also durch Länder außerhalb der Eurozone zustande, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Eurozone seit Ihrer Einführung ja noch gewachsen ist. Des weiteren muß man sich vor Augen führen, daß es ein ganz schlechtes Geschäft ist, wenn wir den Griechen, Portugiesen, Italienern u.s.w. Geld geben, damit diese dann Geld haben die deutschen Produkte zu kaufen. Das die Griechen, Portugiesen, Italienern u.s.w. das Geld jemals zurück zahlen, glaubt ja nicht einmal meine Großmutter! Wie man an einem großen deutschen Pharmaproduzenten sieht, ist es nicht einmal dringend ein gutes Geschäft für den Hersteller, denn besagter Pharmaproduzent hat seine Lieferungen an griechische Krankenhäuser, wegen inzwischen Außensständen über die letzten 10 Jahre eingestellt. Wo ist jetzt bitte der Euro ein Vorteil?
Antworten - Kommentar von Frits Erler (19.01. 2012 16:30 Uhr):
Zum Artikel: Der Euro - eine kränkelnde Frühgeburt: Zwar wurde formal im Jahr 1992 beschlossen die DM abzuschaffen. Die ma0geblichen Entscheidungen fielen allerdings schon viel früher in den fünfziger Jahren in der einflussreichen Bilderberggruppe um Joseph Retinger und Jean Monnet. Seit dem wurde beharrlich darauf hingearbeitet., als Etappe zum eruoäischen Einheitsstaat.
Antworten - Kommentar von Simone Walther (19.01. 2012 20:42 Uhr):
Es ist schon seltsam wie leichtgläubig die meisten Menschen alles nachplappern was ihnen von den sog. Leitmedien eingetrichtert wird. dazu zählt die Lüge,der Euro würde unseren Export stützen.Der Export in den Euroraum ist nach Einführung des Euro konstant geblieben.Aussage von zahlreichen Ökonomen u.von einfachen Statistiken.Die Preissteigerungsrate von 2% ist doch als Witz gemeint?!
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