Les Baux-de-Provence und die Börse
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 09. Mai 2003 18:00 Uhr
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Warum habe ich mir eigentlich Sorgen um den Euro gemacht? 1,15 Dollar! Bald ist das Allzeithoch von 1,19 Dollar erreicht. Nun gut, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und gerade bei Geldanlagen ist in diesen wirren Zeiten an den Börsen Vorsicht oberstes Gebot. Das Stopplimit für die Teilposition Eurocall bleibt drin. Aber mein Daxput ist wieder im Plus. Erfreulich.
Die Amis haben brav an dem 1155er Widerstand im Nasdaq100 angefangen zu verkaufen. Die Amerikaner sind bekannt für ihre Liebe zur Charttechnik. Der Dax rasselte darauf wie gewohnt erst einmal um knapp 4 % weg. Offizielle Begründung: Die Anleger zeigten sich enttäuscht über die ausgebliebene Zinssenkung (seltsame Begründung, da im Vorfeld kaum jemand mit einer Zinssenkung gerechnet hatte). Wirklicher Grund: Die Deutschen sind bekannt für ihre emotionales Verhalten an der Börse, gerne verfallen sie von einem Extrem ins andere. Von Panik in Euphorie, so kann Börse zur Sucht werden.
Die (deutschen) Investoren haben gesehen, dass der Dax in den letzten Tagen bereits im Vergleich zu den Amis schwächelte und saßen alle etwas nervös vor den Monitoren. Die rechte Hand zittrig auf der linken Maustaste, den Mauszeiger auf "VERKAUFEN – ALLES", haben sie bei den ersten Anzeichen von Schwäche bei den Amerikanern den linken Finger fallen lassen. Durchatmen, Gewinne gesichert, und zurücklehnen. Sie kennen vielleicht das entspannende Gefühl, eine Position verkauft zu haben. Heute morgen besinnen sich die ersten wieder eines Besseren und steigen ein, Gegenreaktion traden. Sollte der Dax nun jedoch wieder nach oben tänzeln, sitzen die restlichen wieder ebenso nervös vor den Monitoren und wollen ihre Positionen erneut aufbauen.
Wenn Sie wie ich in der Provence sitzen würden, bei strahlendem Wetter, auf den Wegen von Königen und Baronen des frühen Mittelalter, würden Sie wahrscheinlich auch etwas spöttisch lächelnd auf diese Entwicklungen schauen. Doch ich weiß genau, noch etwas mehr als eine Woche und ich reihe mich wieder in die nervöse Tradergilde ein und sitze ebenso gebannt vor meine vielen Monitoren und reagiere gereizt, wenn Freunde mir sagen, ich arbeite zu viel.
Der Hauptgrund für die aktuelle Schwäche der amerikanischen Indizes ist die Veröffentlichung schwacher Absatzzahlen einiger großer Einzelhändler für April. Diese Zahlen bestärken die Vermutung, dass der Konsum nicht wie erwartet ansteigt. Die Nachkriegseuphorie könnte doch schneller verpuffen und nicht zu einem anhaltend steigendem Konsumverhalten führen. Und wie ich bereits sagte, die hohen Arbeitslosenzahlen in Amerika fressen die Effekte des gestiegenen Verbrauchervertrauens auf. Die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in den USA sind auch in dieser Woche auf dem hohen und kritischen Niveau über 400.000 geblieben. Zudem ist die Verschuldung der privaten Haushalte eine weitere Konsumbremse. Die amerikanische Wirtschaft hängt jedoch auf Gedeih und Verderb am Tropf des Konsums. Da helfen auch keine besseren Unternehmensergebnisse, die zum größten Teil auf Kosteneinsparungen zurückzuführen sind und nicht auf deutliche Umsatzsteigerungen.
Im Moment genieße ich jedoch die Ruhe und Abgeschiedenheit dieses wunderschönen provencialischen Landhauses, das gute Essen und besonders den überaus schmackhaften Rotwein. Wobei ich ein bisschen das Gefühl habe, dass auch das Land mit seinen Düften und Farben und Geräuschen und Stimmungen die Geschmacksnerven positiv beeinflusst. Aufgrund des provencialischen Weines werde ich mich heute auch etwas kürzer fassen müssen. Denn heute geht es mit unserem Gastgeber zu ausgesuchten Weinproben in der Umgebung. Immerhin 90 Liter Wein darf man innerhalb der EU aus- und einführen und das pro Person. Zu zweit sind das 180 Liter oder 257 Flaschen. Mal schauen ob wir da noch das Gepäck mitkriegen oder es uns nachschicken lassen müssen. Spaß beiseite, aber ich hoffe schon, dass ein oder zwei Weine meinen Geschmack treffen ...
Gestern haben wir die Festung Les Baux-de-Provence besichtigt. Eine Burg in der Nähe von St. Remy. Die Herren der Stadt waren im Mittelalter ein mächtiges Adelsgeschlecht, dass seine Ursprünge auf einen der heiligen Könige, Balthasar, den König aus dem Morgenland, zurückführte. Die Geschichte dieses Ortes handelt von Belagerungen, Eroberungen, Rückeroberungen, Kämpfen, politischen Intrigen und Mauscheleien. Während ich so den Geschichten lauschte, in der Sonne durch alte Ruinen wandelnd, kam es mir ein wenig so vor, als erzählte man mir, die Geschichte der Börse. Das Auf und Ab, die goldenen Zeiten, voller gönnerhaftem Reichtum, dicht gefolgt von düstren Phasen des Krieges, Hungers, Krankheiten und Armut. Die Intrigen und Mauscheleien erinnerten mich an die Praktiken einiger Börsen-Gurus und die Bilanzskandale einiger Firmen. Mit dem gehörigen Abstand erschien mir die Börse plötzlich so menschlich und so alt – ein Spiel, welches wohl bereits mit den ersten Menschen selbst entstanden ist.
Aber bevor ich noch weiter ins Philosophieren komme, wieder zur Börse: Die Kursrückgänge an den amerikanischen Börsen geschehen noch unter geringen Umsätzen. Zudem sind noch keine klaren Topformationen zu erkennen. Aber viele kleine Anzeichen der Schwäche. Es bleibt weiterhin spannend. Dass der Dax gestern so deutlich abgab, zeigt die Nervosität und ist ein offensichtliches Zeichen dafür, dass viele Investoren Zweifel an dem Fortgang der Rallye haben. Trotzdem sollte man den Bruch der 2800 Punkten abwarten.