Leitzinsen, Mehrwertsteuer und der Wohlstand
Von Georg Pröbstl in Investoren Wissen
vom 02. März 2006 16:00 Uhr
ENL5462
Es war reine Formsache: Wie nicht anders zu erwarten, hat heute die Europäische Zentralbank EZB die Leitzinsen von 2,25 auf 2,5 % erhöht.
Begründung: Steigende Preise im Euroraum und stärkeres Wirtschaftswachstum.
Einige Experten rechnen damit, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ab jetzt im vierteljährlichen Rhythmus an der Zinsschraube drehen wird. 3,0 % Zins bis Jahresende sind wohl schon abgemachte Sache.
Höhere Leitzinsen sind Gift für Deutschland
Steigende Leitzinsen und die bevorstehende Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland im nächsten Jahr von 16 auf 19 % sind eine gefährliche Mischung. In Deutschland hängt ein großter Teil der Konjunktur an der Nachfrage der Verbraucher. Steigende Verbrauchsteuern sind schlecht für den Konsum.
Bei 19 % Mehrwertsteuer steigen nämlich die Preise für den Verbraucher wahrscheinlich um mindestens 3 %. Auf der Lohnseite gibt es dafür keinen Ausgleich. Der Konsum dürfte damit sinken. Und damit das Wachstum im Land.
Auch die Zinserhöhung tut der Konjunktur im Land wahrscheinlich nicht besonders gut. Denn höhere Leitzinsen machen den Kauf auf Pump teurer. Die Leute geben weniger Geld aus. Vielleicht sparen sie sogar noch mehr, wenn es dafür höhere Zinsen gibt.
Und die Unternehmen? Auch die haben es schwer. Steigen die Zinsen müssen sie beispielsweise für ihre Kreditlinie mehr Geld an die Bank zahlen. Investitionen auf Pump werden teurer. Viele Firmen könnten die Sparbremse ziehen.
Für Deutschland ist die Zinsrunde der EZB sehr wahrscheinlich das falsche Rezept. Das Land ist in Krise. Seit Jahren wächst die Wirtschaft, wenn sie überhaupt wächst, mit Raten um ein Prozent. Für 2006 sind zwar alle optimistisch: Unternehmer, Arbeitnehmer, Konsumenten, Politiker. Trotzdem erwarten viele Experten nur ein Wachstum im Land von etwa 1,5 %.
Seien wir doch einmal ehrlich: Das ist fast stationäre Wirtschaft! Die USA beispielsweise wachsen mit 3,5 % und mehr pro Jahr. Dort sind Leitzinserhöhungen auch vertretbar. Auch die meisten anderen Länder im Euroraum können kräftig zulegen. Dort ist der Zinsschritt vielleicht eher angebracht.
Deutschland fällt immer mehr ab
Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, sah das durchschnittliche jährliche Wachstum bei den Ländern der Eurozone zwischen 1995 und 2004 folgendermaßen aus:
Irland: +7,6 %
Luxemburg: +5,1 %
Griechenland: +3,8 %
Spanien: +3,7 %
Finnland: +3,6 %
Niederlande: +2,4 %
Österreich: +2,3 %
Portugal: +2,3 %
Frankreich: +2,2 %
Belgien: +2,1 %
Italien: +1,5 %
Deutschland: +1,4 %
Der Durchschnitt der 12 Euro-Länder liegt damit bei 3,1 %. Das Wachstum der anderen Länder der Eurozone lag im Durchschnitt über einen Zeitraum von 10 Jahren damit mehr als doppelt so hoch, wie in Deutschland.
Folge: Deutschland fällt immer mehr ab. Das belegen die Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft. Danach lag beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt Irlands nach Kaufkraftparitäten je Einwohner im Jahr 2004 bei 37.660 €. In Deutschland waren es nur 28.990 €.
Meiner Meinung nach braucht Deutschland jetzt wirklich keine Zinserhöhung!
Aber irgendwie mangelt es an Interessensvertretern.
Wo bleiben die Interessenvertreter?
Ich erinnere mich noch an eine Veranstaltung des Sparkassenverbandes Bayern kurz vor der Euro Einführung. Stargast war damals der ehemalige Finanzminister Theo Waigel, der die Euro-Verträge ausgehandelt hat.
"Ob die Einführung des Euro richtig war oder nicht, wird sich zeigen." So lautet in etwa sein Kommentar. Ziemlich gleichgültig eigentlich!
Oder Martin Bangemann. Der ehemaliger EU-Kommissar wechselte nach seiner Amtszeit in den Vorstand der spanischen Telefonica. Ein Jahr später hieß es aus der Firmenzentrale: Wir konnten leider bisher noch keine Verwendung für den Mann finden und beenden deshalb das Vertragsverhältnis. Das Salär für dieses kurze Intermezzo in Höhe von etwa 1,5 Millionen Mark, hat Bangemann, trotz offenkundiger Untätigkeit, wohl nicht zurückgezahlt.
Gut – wir sind keine Politiker und müssen hart für unser Geld arbeiten.
Tipp:
1) Die neuen Beitrittsländer zur EU haben sicher noch etliche Jahre mit kräftigem Wachstum vor sich. Sehen Sie sich Aktien in Ungarn, Tschechien und dem Baltikum an.
2) Für Anleger bringt der Euro einen klaren Vorteil: Die Aktien der Eurozone werden transparenter. Kursunterschiede zwischen der Heimatbörse und dem deutschen Parketthandel werden sofort offensichtlich. Und: Es gibt kein Währungsrisiko mehr.
3) Euroland bietet zahlreiche attraktive Aktien. Hohe Dividendenrenditen von mehr als 4 % bekommen Sie beispielsweise bei ABN Amro, Endesa und Enel. Mit einem KGV unter 10 sind beispielsweise Credit Agricole, Renault und Repsol günstig bewertet.
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