Lehrbuchmäßig
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 18. Mai 2006 12:00 Uhr
ENL5454
*** Gestern hatte ich im Trader's Daily, Rubrik "Heute anstehende Termine" auf die neuesten Zahlen zu den amerikanischen Konsumentenpreisen hingewiesen. Ich schrieb dazu: "Wahrscheinlichstes Szenario: +0,3 % (ohne Energie und Nahrungsmittel: +0,2 %)"
Außerdem schrieb ich: Diese Zahl gibt "Hinweise darauf, wie sich die Inflation in den USA entwickelt. Die wiederum ist wichtig zur Einschätzung des weiteren Zinskurses, den die Fed fahren wird."
Und, was wurde veröffentlicht? Ein deutlicher Anstieg von +0,6 % (ohne Energie und Nahrungsmittel +0,3 %).
Ja, das lag deutlich über den Erwartungen, nicht nur meinen. Folgende Schlussfolgerung: Die Inflation ist in den USA stärker als erwartet, deshalb wird die Fed stärker als bisher erwartet dagegen vorgehen müssen. Wie tut sie das? Mit Zinserhöhungen, dem für solche Fälle üblichen Standardmittel.
Steigende US-Zinsen wiederum belasten die Kurse der US-Aktien (denn steigende Zinsen sind tendenziell immer belastend für Aktien, da die Anleihen dann im Vergleich zu Aktien attraktiver werden). Und steigende Zinsen stärken gleichzeitig die eigene Währung: Denn da nun mehr Zinsen erzielt werden können, wird tendenziell mehr Kapital aus dem Ausland angezogen, die eigene Währung wird also stärker nachgefragt und steigt deshalb.
So ist es laut Lehrbuch. Und – genau das sahen wir gestern auch: Die Preise stiegen stärker als erwartet, und die US-Aktien sackten durch. Gleichzeitig stieg der Dollar gegenüber dem Euro.
Während einige Spekulanten deshalb gestern auf dem falschen Fuß erwischt wurden (dazu passt das heutige Zitat des Tages), kann die Trader's Daily-Gemeinde – zumindest der Teil, der in Rohstoffe investiert – entspannt bleiben: Denn steigende Inflation ist für Rohstoffe überhaupt nicht schlecht, ganz im Gegenteil.
*** Gestern Abend traf ich mich mit meinem alten Freund Hanno im örtlichen "Irish Pub" (allerdings Guiness: Brrr!), um vor seiner anstehenden Vietnam-Reise noch ein wenig zu fachsimpeln (er ist frisch gebackener Volkswirt auf Arbeitssuche und ebenfalls fleißiger Trader).
Genau wie ich ist er der Ansicht, dass Vietnam ein sehr aussichtsreicher Markt ist ... was uns aber überhaupt nichts bringt. Denn es gibt noch keine Möglichkeit, auf diesen Markt zu setzen. Nunja, wenn man einmal von der Möglichkeit absieht, in einen geschlossenen Vietnam-Fonds zu investieren (denn den gibt es, rate ich jedoch von ab).
Aber ein schönes Index-Zertifikat – Fehlanzeige! Ich behalte das jedenfalls weiter für Sie im Auge.
*** Computer und Roboter sind vielleicht zu erstaunlichen Dingen in der Lage, aber sie können weder Öl noch Kupfer finden, wo es keines gibt. Sie können auch keinen Zucker herstellen oder Baumwolle, Kaffee oder Nutzvieh schneller nach- bzw. aufwachsen lassen, als es die Natur zulässt. Die Technik kann uns weder ernähren, noch warm halten, und die Nachfrage nach Rohstoffen/Rohwaren wird niemals versiegen, solange es Menschen geben wird.
So, aber heute halte ich mich mal zurück und schreibe nicht wieder über mein Lieblingsthema (wenn es um Finanzen geht) Rohstoffe. Das kann ich heute einmal Jim Rogers überlassen – siehe der zweite Teil seines Gastbeitrags, siehe unten.
Viele Grüße,
Michael Vaupel