Lehmann-Pleite jährt sich
Sven Weisenhaus in Wave Daily
vom 24. September 2010, 13:00 Uhr
ENL5454
Am 15. September vor zwei Jahren ereignete sich die Pleite der US-Bank Lehman Brothers. Diese Pleite hätte fast das weltweite Finanzsystem zum Einsturz gebracht. Unzählige Regierungen auf der ganzen Welt waren dann gezwungen, durch staatliche Garantien oder sogar durch direkte Hilfen das Schlimmste zu verhindern.
Das Lehman-Desaster von 2008 hat die Anleger 9 Billionen Euro gekostet. Nach einer Studie der Allianz über die Entwicklung der privaten Geldvermögen in 50 Ländern, dem "Allianz Global Wealth Report", lag die Summe der privaten Geldvermögen weltweit zu Beginn des Jahres 2008 bei 85,5 Billionen Euro und an dessen Ende nur noch 76,5 Billionen Euro.
Zwar konnte das Vermögen bis heute wieder auf 82,2 Billionen Euro gesteigert werden, doch bleibt die Unsicherheit unter den Anlegern unverändert hoch.
Bis heute konnten sich die Aktienmärkte an dieses "Vor-Lehmann-Niveau" zurückarbeiten und pendeln seitdem nun schon eine geraume Zeit knapp unterhalb dieses Bereichs seitwärts (oder auch nur noch leicht aufwärts). Doch es gibt auch noch eine andere Marke, die die Märkte davon abhielt, den im März 2009 begonnenen Aufwärtstrend fortzusetzen.
Fundamental gibt es sicherlich hinreichend Gründe, warum die Märkte seit Monaten seitwärts tendieren. Doch charttechnisch kann ich neben dem Lehmann-Niveau noch eine Marke ausmachen, die sowohl im DAX als auch im Dow Jones und S&P 500 recht punktgenau die Märkte zu einem Zwischenstopp zwangen.
Werfen wir zunächst einen Blick auf den aktuellen DAX-Chart:

(Quelle: CFX-Broker) DAX, Candlestick-Chart, Tageskerzen, Fibonacci-Retracements
Die Wellen-Zählung des März-2009-Aufwärtstrends dürfte Ihnen hinlänglich bekannt sein. Ebenso die Aufwärtstrendkanäle (rot, blau) sowie die gelbe steigende Linie, die das Dreieck innerhalb der Korrekturphase (blaues Rechteck) markiert.
Die dicken roten waagerechten Linien markieren die Höchst- und Tiefstkurse am 15.09.2008, dem Tag der Lehmann-Pleite. Die grüne dicke waagerechte Linie zeigt den Kurs am Tag davor (also quasi das "Vor-Lehmann-Niveau"). Gleiches gilt auch für die noch folgenden Charts der US-Indizes (Dow Jones, S&P 500, Nasdaq 100).
Hier ist erkennbar, dass der DAX eigentlich das Lehmann-Niveau schon mehrmals hinter sich lassen konnte. Die Marke, die den DAX wesentlich deutlicher "deckelt", ist das 61,8%-Fibonacci-Retracement (lila waagerechte Linie) bei 6.387,72 Punkten, welches den Rücklauf aus der Abwärtsbewegung vom Hoch 2007 bis zum Tief im März 2009 (schwarze fallende Linie) aufzeigt.
Und DAS finde ich absolut faszinierend. So scheint zumindest im DAX diese Marke eine deutlich höhere Relevanz zu haben, als das Lehmann-Niveau. Die Charttechniker dürfen nun lachend mit dem Finger auf alle Fundamentalisten zeigen.
So lange das 61,8%-Retracement nicht durchbrochen wird, gilt ein Abwärtstrend im übrigen als intakt.
Und als wäre DAS nicht schon spannend genug, so kann ich mit den US-Indizes quasi noch das i-Tüpfelchen setzen.

(Quelle: CFX-Broker) Dow Jones, Candlestick-Chart, Tageskerzen, Fibonacci-Retracements
Hier fallen allerdings Lehmann-Niveau und das 61,8%-Retracement exakt zusammen, zumindest wenn man den Höchstkurs am Pleitetag betrachtet.
Beim S&P 500 sieht die Situation exakt genauso aus:

(Quelle: CFX-Broker) Dow Jones, Candlestick-Chart, Tageskerzen, Fibonacci-Retracements
Auch hier fallen Lehmann-Niveau (Tages-Höchstkurs) und 61,8%-Retracement exakt zusammen.
Einige Experten sehen hier übrigens eine mögliche SKS-Formation in den beiden US-Indizes. Und auch ein Leser wies mich auf diesen Umstand hin. So schrieb dieser bereits einen Tag nach meinem Beitrag vom 13. August folgendes:
"Sehr geehrter Herr Weisenhaus, Der Dax muss nicht liefern, was er nicht kann. In dieser Hinsicht ist die klassische Charttechnik der Elliott-Wellen-Analyse Lichtjahre unüberholbar voraus. Während Elliottanalyse die Vergangenheit zu erklären versucht, kann die klassische Charttechnik mit sehr hoher Wahrscheinlich die zukünftige Bewegung eines Basistitels voraussagen: Dax wird sein vorheriges Hoch knapp erreichen, aber niemals im Sinne Ihres grünen Pfeils sich nach oben bewegen. Dieses Aufwärtspotential hat Dax leider nicht mehr. Er ist ausgepowert und muss sich nach dem vorliegenden kleinen Aufwärtsimpuls gen Süden für einen längeren Zeitraum verabschieden. Der Countdown für die kommende Abwärtsbewegung läuft. Diese eindeutige Vorhersage ist nur mit der klassischen Charttechnik möglich, aber nicht mit der Elliott-wellenanalyse."
Inzwischen wissen wir, dass der Leser bislang nicht Recht behielt und der DAX sehr wohl wie von mir prognostiziert noch mehrfach die Hochs zumindest erreichen konnte.
Meine Antwort lautete damals am 18.08.2010:
"Guten Tag! Die EW-Theorie kann sehr wohl auch für Kurs-Prognosen genutzt werden, nämlich insbesondere dann, wenn eine neue 5-gliedrige Aufwärtsbewegung nach dem Überschreiten des Hochs der Welle 1 im Rahmen der Welle 3 identifiziert werden kann.
Im Moment fühle ich mich noch sehr wohl mit meiner Prognose. Und natürlich war der grüne Pfeil nicht als exakter Verlauf zu verstehen, sondern als grobe Richtung. Ich habe dies im heutigen Beitrag (18.08.2010) auch noch einmal so dargestellt.
Ich bin sehr gespannt, wer von uns Recht behalten wird..."
Im Anschluss daran brachte der Leser dann zu meinem Beitrag vom 23.08.2010 die SKS ins Spiel:
Lieber Herr Weisenhaus, ich will nicht Recht haben, Recht hat immer der Markt. Ich kann den Markt so interpretieren, wie er nach den klassischen Charttechnik überhaupt möglich ist: Schauen Sie doch bitte den Chart von Dow Jones und Nasdaq100 an. Beide Indices sind auf dem Weg zur Vollendung der rechten Schulter einer SKS-Chartformation. Diese Analyse ist so einfach, eindeutig und sicher, dass man nichts mehr hinzu zufügen braucht. Ich weiß Ihre kompetente Analyse sehr zu schätzen, aber in diesem Fall sind Sie leider auf der falschen Seite."
Die SKS im Nasdaq100 ist inzwischen Geschichte, wie der folgende Chart belegt:

(Quelle: CFX-Broker) Nasdaq100, Candlestick-Chart, Tageskerzen, Fibonacci-Retracements
Und so verlief dieser Index auch vollständig anders als die anderen hier und heute dargestellten Indizes. Das Lehmann-Niveau ist längst überschritten und das 61,8%-Fibonacci-Retracement war ebenfalls kein Thema. Lediglich ein horizontaler Widerstand aus den Hochkursen im Jahre 2008 konnten den Technologie-Index bremsen.
Dem Leser antwortete ich wie folgt:
Sie haben .. völlig Recht. Die Indizes in den USA stehen charttechnisch deutlich schlechter dar. Daher habe ich zuletzt auch die Konjunkturdaten so genau analysiert ... Neben der von Ihnen genannten SKS-Formation im Dow wäre auch schlicht ein Rounding-Top denkbar, bei dem die Kurse etwas weniger schnell abgeben. Das Ergebnis für den DAX wäre das gleiche und daher habe ich auch mehr und mehr mahnende Worte in die letzten Beiträge einfließen lassen. Doch wie sagt man so schön: "The Trend is your friend". Und noch ist der DAX charttechnisch OK. ..."
Diese Einschätzung gilt nach wie vor unverändert. Daher habe ich diesen Dialog auch in den heutigen Beitrag aufgenommen, denn besser hätte ich die aktuelle Situation an den Aktienmärkten nicht beschreiben können.
Und auch die fundamentalen Daten aus den letzten zwei Wochen habe ich genau beobachtet. Aufgrund der (Über-)Länge des heutigen Beitrags werde ich diese aber wohl erst am Montag für Sie analysieren.
In den kommenden Beiträgen werde ich natürlich auch noch deutlich ausführlicher auf die Aktienmärkte eingehen und die (Aktien-)Märkte und insbesondere den DAX auch noch in der kurzfristigen Sicht analysieren. Da Herr Schröder mit seinem Gastbeitrag aber heute schon den Stunden-Chart im DAX (und diesen damit bereits in der kurzfristigen Sicht) betrachtet, werde ich mir meine Analyse lieber aufheben und vielleicht dabei auf seine Sicht der Dinge eingehen, so dass Sie wieder eine Analyse im "Vier-Augen-Prinzip" erhalten.
Daher wünsche ich Ihnen nun viel Vergnügen mit der folgenden Analyse von Herrn Schröder und ein erholsames Wochenende
Sven Weisenhaus