Leerverkäufe und die Geschichte der Schuldzuweisungen
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Rohstoffe
vom 26. Mai 2010, 20:00 Uhr
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hach ja...Leerverkaufsaktivitäten können bisweilen ein Thema sein, welches die Emotionen hoch kochen lassen kann. So geschehen, gerade in Deutschland. Irgendwie bieten sich Leerverkaufsaktivitäten offenbar fast schon auf dem Silbertablett an, als Sündenbock für alles was schief gehen kann. Und das nicht nur im 21.Jahrhundert!
Böse Leerverkäufe oder eine Geschichte voller Missverständnisse?
Dem Begriff Leerverkauf haftet offenbar grundsätzlich ein negatives Bild an (Sie wissen schon, das eines bösartigen Profitgeiers). Nichts desto trotz sind aber Leerverkäufe schon seit Hunderten von Jahren ein wichtiger Bestandteil der Finanzmärkte.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will damit nicht sagen, dass das Short-Selling (und insbesondere das Naked Short Selling) keine Risiken in sich birgt. Das tut es! Dennoch glaube ich, dass man es sich zu einfach macht, wenn man Leerverkaufsaktivitäten grundlegend verteufelt. Vielmehr wäre es wohl angeraten Nutzen und Risiken dieser Geschäfte abzuwägen und erst dann eine Entscheidung zu treffen.
Die Geschichte der Leerverkäufe ist eine Geschichte der Restriktionen
Doch der Lauf der Geschichte zeigt, dass gerade die Politik nicht dazu neigt Nutzen und Risiken konsequent abzuwägen und sich stattdessen seit 400 Jahren immer nur auf ein und dieselbe (Re)Aktion stürzt: Restriktion oder Verbot!
Interessanterweise werden solche Restriktionen, wie ein Roter Faden durch die Historie, meist erst dann erlassen, wenn ein Crash bereits passiert ist. (Obwohl es auch davon Abweichungen gibt und einigen Fällen Restriktionen erst zum Crash geführt haben). Erstaunlicherweise müssen diese Restriktionen und Verbote hernach aber immer wieder aufgehoben worden sein - ansonsten gäbe es ja heute keine Leerverkäufe mehr, welche man verbieten könnte.
So ist die Geschichte des Short-Sellings im Grunde nur eine Geschichte der Restriktionen, denn Short Selling ist seit Beginn der Aktienmärkte ein fester Bestandteil derselbigen und erregt im Laufe der Jahrhunderte immer nur dann Aufsehen, wenn es gerade einmal wieder verboten wird.
Die Geschichte beginnt mit dem Crash des niederländischen Aktienmarktes 1610 und dem darauf folgenden Leerverkaufsverbot, zieht sich weiter über ein Naked-Short-Selling-Verbot nach dem Crash der South Sea Bubble 1733, über Leerverkaufsverbote während Kriegen (im napoleonischen Frankreich und den USA), das Leerverkaufsverbot nach dem 29er Crash, bis hin zu den temporären Short- und Naked-Short-Selling-Restriktionen und Verboten nach der Finanzkrise Ende 2008 und heute nun das deutsche Naked-Short-Selling-Verbot während der Staatsschuldenkrise.
Und der Nutzen daraus? Bislang keiner, denn wie wir alle wissen, gibt es beide Formen der Leerverkäufe auch nach 400 Jahren noch immer. Da drängt sich doch die Frage auf, warum, wenn Leerverkäufe derart diabolische Finanzinstrumente sind, diese heute noch immer existieren und es bislang nicht vermocht haben, das Finanzsystem in den Orkus zu befördern? Vielleicht ist es ja auch einfach nur so, dass Leerverkäufe generell eben wichtige Funktionen für die Finanzmärkte erfüllen, die Politik im Laufe der Jahrhunderte aber gelernt hat, dass keiner einen besseren Sündenbock für eine fehlgeschlagene Übertreibung in einem Markt abgibt, als der böse Short-Seller? Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die Politik auch nach 400 Jahren noch immer nicht versteht, wie es zu Blasen und Crashs, zu Verfehlungen und falschen Entscheidungen kommt, oder überhaupt, wie generell die Finanzmärkte funktionieren?
Leerverkaufsaktivitäten erfüllen wichtige Funktionen:
An dieser Stelle möchte ich nun die SEC zu Wort kommen lassen, welche die wichtigen Funktionen, die Leerverkäufer für die Finanzmärkte erfüllen, folgendermaßen formuliert:
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Leerverkäufer tragen zu einer effizienten Preisfindung im Markt bei
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Leerverkaufsaktivitäten tragen dazu bei Blasen abzuschwächen
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Leerverkaufsaktivitäten tragen dazu bei die Liquidität in einem Markt zu erhöhen
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Leerverkaufsaktivitäten unterstützen die Kapitalbildung
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Leerverkaufsaktivitäten erleichtern Absicherungsstrategien und andere Management-Aktivitäten
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Leerverkaufsaktivitäten limitieren nach oben gerichtete Marktmanipulationen (also Manipulationen, welche einen Kursanstieg zum Ziel haben)
Sonderform Naked Short Selling
Bislang habe ich nun allgemein über Leerverkaufsaktivitäten gesprochen. Und selbst generelle Kritiker dürften zumindest einigen der von mir aufgelisteten Punkte in Bezug auf die Wichtigkeit von gedeckten Leerverkäufen zustimmen. Aber das aktuelle deutsche Verbot bezieht sich ja auch gar nicht auf die gedeckten, sondern die ungedeckten Leerverkäufe. Und ich gebe den Kritikern dahingehend Recht, dass das Naked Short Selling mit Sicherheit deutlich höhere Risiken in sich birgt, als das einfache Short Selling.
Sehen wir uns diese im zweiten Teil doch einmal genauer an...