Lebensversicherungen - alles andere als SICHER!
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 5. Februar 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
in der vorletzten Ausgabe meiner Miniserie zum Thema "Anleihen und Zinsen" gehe ich heute auf die Risiken einer länger anhaltenden Niedrigzinsphase für die Lebensversicherer ein.
Bitte lesen Sie (bei Bedarf) die vergangenen drei Ausgaben der Serie unter diesen Links noch einmal durch:
Nachdem ich in der Investoren Wissen Ausgabe vom letzten Dienstag von der "Pfandbriefproblematik" der Lebensversicherer berichtet habe, will ich die letzten beiden Ausgaben speziell dem Thema Staats- und Unternehmensanleihen widmen.
Große Versicherungsunternehmen haben folgende Anleihenbestände in ihren Portfolios (Quelle: FOCUS Nr. 47, 16.11.09, S100 ff.):
Allianz:
15% Unternehmensanleihen
19% Staatsanleihen
Hamburg-Mannheimer:
17% Unternehmensanleihen
35% Staatsanleihen
HUK-Coburg:
4,5% Unternehmensanleihen
18% Staatsanleihen
Versicherungskammer Bayern:
8% Unternehmensanleihen
25% Staatsanleihen
Man kann also durchaus behaupten, dass neben Pfandbriefen Anleihen das „Herzstück“ der Portfolios zahlreicher deutschen Versicherungsunternehmen darstellen.
Doch welche Problematik könnte sich aufgrund dieser hohen Anleihengewichtung ergeben?
Fassen wir die in den vergangenen Ausgaben aufgezählten Fakten noch einmal zusammen:
- Das gegenwärtige Zinsniveau ist auf einem historischen Tiefstand angelangt.
- Die meisten Notenbanken haben keinen „Zinssenkungsspielraum“ mehr.
- Langsam erhöht sich der Inflationsdruck, da zahlreiche Rohstoffe wie z.B. Zucker, Palladium oder Öl seit ihren Tiefs Anfang 2009 stark gestiegen sind.
- Langlaufenden Staatsanleihen zahlreicher Staaten kommen immer mehr unter Druck (u.a. Griechenland, GB, USA, Portugal).
Wie lange die Notenbanker die Zinsen auf diesem Niveau halten können ist fraglich.
Doch spielen wir das Szenario einer langjährigen Niedrigzinsphase einmal durch.
Wie wirkt sich das aktuelle Zinsniveau auf die Versicherungsunternehmen aus?
Alle aktuell neu emittierten Anleihen bringen den Versicherern sehr wenig Rendite. So zahlt die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH für eine 10-jährige Anleihe einen Nominalzins von gerade einmal 3,25%. Für eine Bundesschatzanweisung (Laufzeit 2 Jahre) zahlt die GmbH verschwindend geringe 1,25% Zinsen.
Wie sollen also die Versicherer eine Niedrigzinsphase wie diese überstehen, wenn sie doch schon aufgrund des Garantiezinses 2,25% auf die Einlagen ihrer Kunden zahlen müssen? Und nicht zu vergessen: Zahlreichen Kunden mit einer älteren „kapitalbildenden“ Lebensversicherung wurden gar 4% Zins und mehr garantiert.
Laut FOCUS müssen die Versicherungsunternehmen im Schnitt mindestens 3,5% Rendite erwirtschaften, um überhaupt den Garantiezins auszahlen zu können. Da klafft offensichtlich eine gewaltige Lücke zwischen der aktuell zu realisierenden Rendite und dem auszuschüttenden Mindestzins. Doch wie groß ist diese Lücke? So genau weiß das keiner bzw. es schweigen sich die Unternehmen gegenseitig tot.
FOCUS schreibt zu dieser Problematik:
"2008 griffen viele Versicherer schon in die Reserven, um etwas mehr als die Garantie zu offerieren. Am Schluss bekommen Kunden für braves Sparen über 30 Jahre nur noch einen Teil dessen, mit dem sie bei Abschluss gelockt wurden.“
Wie viele Versicherer gehen heute denn schon „auf dem Zahnfleisch?“ Muss sich der „deutsche Michel“ etwa Sorgen machen?
Nun ja, die BAFIN tut es zumindest. Ich zitiere aus einem Artikel der Financial Times vom 14.10.09:
„ [Die] Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hält eine lang anhaltende Niedrigzinsphase für eine reale Gefahr für die Assekuranz. Nach FTD-Informationen verlangt die Aufsichtsbehörde erstmals in ihrer Geschichte von den Lebensversicherern Modellrechnungen, die von sehr niedrigen Zinsen bis 2018 ausgehen und den Zinsbedarf bis 2027 modellieren. Bislang nahm die Aufsichtsbehörde in ihren Stresstests zur Krisenfestigkeit der Lebensversicherer einen schockartigen Wertverfall von Aktien oder festverzinslichen Wertpapieren an - nicht aber einen jahrelangen Niedrigzins.
[...] Die BaFin befürchtet offenbar, dass einige Anbieter bei lang anhaltenden niedrigen Erträgen aus den Kapitalanlagen kaum in der Lage wären, diese Garantien dauerhaft zu bedienen. Dann käme mancher Lebensversicherer in eine Schieflage. In Japan führten Deflation und Niedrigzinsen in den 1990er-Jahren zu einer Reihe spektakulärer Zusammenbrüche von Lebensversicherern.
[...] Sollte es dazu kommen, könnte die BaFin die Garantien für die Kunden aussetzen oder reduzieren. Das wäre allerdings mit einem katastrophalen Vertrauensverlust für die Branche verbunden - die 80 Millionen Deutschen haben mehr als 60 Millionen Kapital-Lebensversicherungen.
[...] Zwar haben die Unternehmen noch viele deutlich höher verzinsliche Papiere in den Beständen. Doch laufen diese nach und nach aus und werden zwangsläufig durch Papiere mit sehr viel niedrigeren Erträgen ersetzt. Die deutschen Lebensversicherer haben mehr als 80 Prozent der Kapitalanlagen, die Ende des vergangenen Jahres 686 Mrd. Euro betrugen, in festverzinslichen Papieren angelegt.“
Ich habe kürzlich das Ergebnis dieser offiziellen BAFIN Untersuchung bei Investoren Wissen verlinkt. Ich zitiere ebenfalls einen Ausschnitt:
[...] ihr Geschäftsmodell basiere darauf, dass es immer Kapitalanlagen mit ausreichender Rendite gebe, um die Zinsversprechen erfüllen zu können. Daran seien "angesichts des gegenwärtigen Zinsniveaus Zweifel angebracht“ [...] Unmittelbar gefährdet ist aber noch kein Versicherer.
Ich sage es ganz ehrlich: Wäre ich die BAFIN, ich hätte es selbst nicht besser ausdrücken können. Welche Behörde würde schon freiwillig zugeben, dass bereits heute ein Großteil der privaten deutschen Altersvorsorge wahrscheinlich unter Wasser steht?
Gleichzeitig eine positive Nachricht für alle Portfoliomanager der Versicherungsunternehmen:
Die Zinsen werden vermutlich bis Ende 2010 wieder deutlich steigen. Doch ich würde die Sektflaschen vorerst noch im Kühlschrank lassen und mir Gedanken über die große Welle neuer Probleme, welche durch steigende Zinsen auf die Versicherungen zurollt, machen.
Wenn Sie wissen wollen, mit welchen Problemen sich Allianz und Co. bald „rumschlagen“ müssen, dann lesen Sie auch nächste Woche wieder Investoren Wissen.
Beste Grüße
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Peter Treudler (05.02. 2010 16:11 Uhr):
Das Landgericht Hamburg stufte schon 1982 die Lebensversicherung zur Altervorsorge als "Legalen Betrug" ein. http://www.gegen-altersarmut.de/Wissen_Gerichtsurteile.htm
Antworten - Kommentar von Dr Papp Ernoene Ungarn (05.02. 2010 16:34 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn! Die Versicherungen müssen von allen Geistern verlassen sein, da sie sicherlich auch T-Bonds in ihren Portfolieus haben. Warum verkaufen sie es nicht schnellstens, und legen das Geld sicherer an? Dort sitzen ja fachkundige Leute, und sogar ich, nicht fachkundig, weiß, dass die T-Bonds von Tag zu Tag an Wert verlieren. Wieso werden diese Herren nicht zur Rechenschaft gezogen?
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (06.02. 2010 16:25 Uhr):
Sehr geehrter Herr Dr. Papp, vielleicht ist man bei den Versicherungen der Meinung, man weiss es besser und ist viel schlauer als der Rest? Es kann nicht sein, was nicht sein darf? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich keinen Cent in solch eine Sache investieren würde. Egal, wie viel studierte vermeintliche Experten dort sitzen. Aber das kann ja zum Glück jeder für sich entscheiden. Mein Job ist es nur, auf solche Dinge hinzuweisen, so dass jeder Bescheid weiß, auf was er sich einlässt. Beste Grüße Alexander Hahn
Antworten - Kommentar von Ellen N (07.02. 2010 01:10 Uhr):
Da kam doch die Griechenland-Anleihe mit 6,2% gerade recht. Vielleicht gibt es ja in Zukunft auch noch Potugal - Spanien - Italien - Anleihen die unsere Lebensversicherungen retten.
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (07.02. 2010 12:19 Uhr):
Naja, von den Zinsen her vielleicht, aber vom Thema Anlagerisiko...? Ginge es nur um die Zinsen, wäre die Sache ja entsprechend einfach :-) Beste Grüße, Alexander Hahn
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- Kommentar von millsi (07.02. 2010 14:15 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, könnten Sie noch ein Wort zu den "fondsgebundenen LVs" sagen. Sind die LVs wirklich alle über einen Kamm zu scheren? Oder bestehen doch noch hoffnungsschimmernde Unterschiede zwischen der Kapital-LV, der o.g. und evtl. noch weiteren LV-Varianten?!? Gibt es eine - natürlich unverbindliche, aber grundsätzliche - Empfehlung Ihrerseits? Z.B. "LV auch mit Verlust möglichst bald abstoßen."
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (07.02. 2010 22:26 Uhr):
Millsi: Mein Artikel bezog sich primär auf herkömmliche LV-Policen mit Garantie-Zinsleistung. Da hier aber m.E. ein Risiko besteht, dass der ein oder andere Lebensversicherer auch komplett zerbröseln könnte, wenn es hart auf hart kommt, bin ich der Branche gegenüber generell eher skeptisch eingestellt. Spezielle Empfehlungen kann ich hierzu leider aus verschiedenen Gründen (u.a. rechtliche Punkte) nicht geben. Auch kann ich nicht sagen, ob eine fondsgeb. LV besser ist oder nicht, da es hier sehr von den einzelnen Fonds abhängt und den genauen Ausgestaltungen und Anpassungsmöglichkeiten solcher Verträge. Beste Grüße Alexander Hahn
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