Leben im Subprime-Staat
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 01. Oktober 2007 07:30 Uhr
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Willkommen im Subprime-Staat, liebe Leser!
So hat Stephen Roach es bezeichnet. Der Volkwirt von Morgan Stanley war Mitte der Woche in der Zeitung und hat erklärt, warum der Rückgang des Dollars eine schlechte Nachricht ist. Ganz einfach ausgedrückt bedeutet ein schwächerer Dollar, dass man mehr Dollar braucht, um am Markt etwas kaufen zu können. Dieses Jahr werden die Amerikaner vermutlich Güter im Wert von 2,5 Billionen Dollar aus dem Ausland kaufen. Sie würden für dieses Geld deutlich mehr bekommen, wenn der Dollar stärker wäre. Ganz besonders dann, wenn der Dollar immer noch das wert wäre, was er 2002 wert war – dann bekämen sie 20% mehr. Mit anderen Worten hat der Dollar in den letzten fünf Jahren – im Vergleich zu anderen Währungen - 20% seines Wertes verloren.
Im Vergleich zu anderen Dingen, die auch aus dem Ausland importiert werden, hat der Dollar sogar noch mehr an Wert eingebüßt. Zink ist allein im letzten Jahr um 60% nach oben gegangen. Nickel um 125%. Im Laufe dieser fünf Jahre ist Öl um 158% gestiegen. Weizen ist 126% teurer. Und das bereits erwähnte Nickel schoss um 415% in die Höhe.
Der Dollar ist am Mittwoch wieder gefallen – auf einen neuen Tiefstwert gemessen am Euro. Man muss jetzt 1,41 Dollar aufbringen, um einen einzigen Euro kaufen zu können.
Die Amerikaner, die denken, Bernankes lockere Geldpolitik würde die Wirtschaft retten, müssen darüber noch einmal nachdenken. Geringere Zinssätze sollen Kredit besser verfügbar machen. Doch mehr Kredit ist meiner Meinung nach genau das, was die amerikanische Wirtschaft nicht brauchen kann.
In den folgenden 18 Monaten sind angeblich 2,5 Millionen Haushalte von Anpassungen der Hypothekensätze betroffen. Der Gesamtwert der Hypotheken liegt bei 350 Milliarden Dollar. Denken Sie zuerst einmal darüber nach: Wenn der Dollar immer noch das wert wäre, was er vor fünf Jahren wert war, dann könnten die Amerikaner ungefähr 500 Milliarden Dollar mit ihren Käufen aus dem Ausland sparen – in einem einzigen Jahr! Der Wert aller amerikanischen Anlagewerte liegt bei – sagen wir – 50 Billionen Dollar. Ein Rückgang von 20% ist ein Wertverlust, der 12,5 Billionen Dollar entspricht ... es ist ungefähr so, als würde jedes börsennotierte Unternehmen in den Vereinigten Staaten Konkurs machen.
Die Zinssenkungen der Zentralbank sollen eine Rezession verhindern … damit die Amerikaner nicht ärmer werden. Aber der schwächere Dollar macht sie sowieso ärmer.
Und jetzt bedenken Sie auch noch das Folgende: Die meisten der minderwertigen Hypotheken werden angepasst werden, nicht basierend auf dem Leitzinssatz der Zentralbank, sondern basierend auf dem Londoner Interbanken-Angebotssatz. Die langfristigen Hypothekensätze sind nicht die gleichen, wie die kurzfristigen Sätze. Wenn die Zentralbank ihre Zinssätze senkt, dann signalisiert das den Kreditgebern, dass die Inflation zunehmen wird. Das drückt die langfristigen Kredite nach oben – z.B. die Hypotheken. Als die Zentralbank also in der vergangenen Woche die Zinssenkungen bekannt gab, sind die langfristigen Zinssätze um fast so viel gestiegen, wie sie durch die Zentralbank gesenkt wurden: um einen halben Prozentpunkt. Jetzt wird, laut der Financial Times, die Anpassung der Zinssätze für die üblichen Kredite bei geringer Bonität bei 10% liegen – das ist für die armen Hausbesitzer ein gewaltiger Anstieg der monatlichen Ausgaben ... und die Folgen werden (wie wir bereits sehen konnten) überall in der Weltwirtschaft zu spüren sein.
Derweil kommen so viele negative Anzeichen bei mir im Büro an, dass ich das Gefühl habe, ich sollte einen Exorzisten kommen lassen. Ist eine Rezession unterwegs? Auf mich wirkt es so, als habe sie schon begonnen.
Die Bestände an Wohnhäusern sind auf dem höchsten Wert in 18 Jahren.
Die Verkaufszahlen und Wiederverkaufszahlen sind bei Häusern auf dem geringsten Wert in fünf Jahren.
Die Preise für Wohnhäuser sind laut Case/Shiller in den 20 größten Städten Amerikas um 3,9% gesunken.
Die verspäteten Zahlungen liegen deutlich über den historischen Durchschnittswerten.
Mehr als 150 Hypothekenunternehmen haben die Türen zugemacht.
Während der Wert des wichtigsten Anlagewerts der USA fällt, steigen die Lebenshaltungskosten. Und auf mich wirkt es so. als würden sie noch deutlich weiter steigen. Warum?
Sie erinnern sich vielleicht, dass gerade ein Krieg der Vorsilben herrscht. Es besteht kein Zweifel daran, dass wir in einer „-flationären“ Welt leben. Doch von welcher Art? „in-“ oder „de-“? Jedes Mal, wenn ich mich mit dieser Frage auseinander setzte, zögerte ich, doch heute kann ich ihnen eine eindeutige Antwort geben: Beide!
Die „-flation“ am Immobilienmarkt benötigt ganz deutlich die Vorsilbe „De-“, genauso wie die gesamte Subprime-Wirtschaft der Vereinigten Staaten. Ja, liebe Leser, es ist eine Subprime-Wirtschaft. Wie die Subprime-Hausbesitzer, so hat auch die gesamte amerikanische Wirtschaft zu hohe Schulden und einen Lebensstil, den sie sich nicht wirklich leisten kann. Die großartige Geste der Zentralbank (mehr Kredit anzubieten), wirkt im Fernsehen gut (die Rohlinge, die Jim Cramer sehen, müssen es lieben), aber das sorgt nicht dafür, dass die Schulden verschwinden ... es kann nicht wirklich die unvermeidliche Deflation der amerikanischen Finanzanlagewerte aufhalten ... und in Wirklichkeit erhöht es noch den Druck auf den normalen amerikanischen Haushalt, weil es die Preise nach oben treibt.
Die amerikanische Wirtschaft ist heute vom Verbraucher abhängig; niemals zuvor war eine Wirtschaft so sehr davon abhängig, dass die Verbraucher mehr Geld ausgeben. Fast drei von vier Dollar des Bruttoinlandsprodukt stammen aus den Verbraucherausgaben.
In der vergangenen Woche sind die Verkaufszahlen des Einzelhandels um 1% zurückgegangen. Die Verbraucher würden gerne Geld ausgeben. Aber wo sollen sie das Geld hernehmen?
Die Steuereinkünfte sind gesunken. Die Arbeitslosenzahlen von August zeigten, dass Stellen verloren gehen. Und es gibt 1,3 Millionen Immobilienmakler im Land, deren Einkünfte zurückgehen müssen.
Derweil wenden wir uns der “in-” Seite des “-flationären“ Schlachtfeldes zu, denn auch die Kräfte der steigenden Preise gewinnen an Schlagkraft.
Ein Bericht in USA Today berichtet, dass die Heizkosten im Winter für eine durchschnittliche Familie vermutlich ungefähr 10% höher liegen werden als im vergangenen Jahr.
Rohstoffe schießen „wie Raketen in den Himmel“, sagt mein alter Freund Jim Rogers – weil sich die Welt heute weitergedreht hat. All diese Millionen Menschen in Asien, die bereit waren, für so geringe Löhne zu arbeiten, werden heute zu Konsumenten. Und was konsumieren Konsumenten? Nickel, Kupfer, Weizen, Sojabohnen.
“Die Inflation lauert hinter dem globalen Horizont”, lautet eine Schlagzeile im heutigen International Herald Tribune. „Die Globalisierung“, heißt es in dem Beitrag, „reißt einige der Vorteile, die man im vergangenen Jahrzehnt für Europa und den Vereinigten Staaten gebracht hat, wieder an sich, und höhere Preise sind eine immer wahrscheinlicher werdende Folge davon.“
Ja, liebe Leser, die Welt dreht sich … und dreht sich weiter. Jedes mal, wenn man die warme Sonne im Gesicht und die kühle Brise im Rücken hat, passiert etwas. Die Welt dreht sich. Und ehe man sich versieht, ist der Himmel tiefschwarz ... und der Sturm weht einem ins Gesicht.
Der arme Subprime-Staat hatte es so lange so gut. Was für ein Jammer, dass sich die Welt dreht. Heute sieht es so aus, als sähen wir die Dämmerung einer gewaltigen – wenn nicht sogar absurden – Ära ... in der die Amerikaner Geld ausgeben konnten, das sie nicht hatten, für Dinge, die sie nicht brauchten und in der sie sich keine Sorgen darum machen mussten, was als nächstes passieren würde. Doch jetzt kommen wir dahinter. Die Deflation nimmt den Schwung aus der Wirtschaft und den Wert aus den Anlagewerten. Derweil erhöht die Inflation die Preise von allem, was wir kaufen.
Als die Globalisierung gerade erst in Schwung kam, war es eine großartige Sache für die reichen Länder. Sie konnten mit Outsourcing die Herstellung und andere arbeitsintensive Industriezweige ins Ausland bringen. Selbst in der Heimat konnten sie Millionen von Arbeitern importieren – oder über die Grenzen schmuggeln – um sie die Drecksarbeit machen zu lassen. Die Gewinnmargen sind mit den sinkenden Arbeitskosten gestiegen. Und auch wenn die Preise für die Rohmaterialien nach oben gingen, konnten die günstigen Arbeitskräfte das mehr als ausgleichen.
Doch dieser verfluchte Planet … er dreht sich einfach weiter! Heute haben die Asiaten ein bisschen Kleingeld in den Taschen und sie werden dreist. Sie wollen UNSER Öl kaufen ... unseren Weizen ... unser Nickel ... unser Kupfer ... unser Rindfleisch. Also steigen die Preise – UNSERE Preise.
Und jetzt auch noch das: Die chinesischen Hersteller sagen, dass auch ihre Arbeitskosten steigen. „Diese Entwicklung“, berichtet der International Herald Tribune, „die in China schon seit langem bevorstand, hat an Tempo gewonnen, nachdem die Küstenregionen voller Niedriglohnarbeiter anfingen, Knappheiten der Arbeitskräfte zu erleben.“
Ja, diese Millionen asiatischen Arbeitstiere und Packesel ... die wir freundlicherweise in unbeheizten Ausbeuterbetrieben für einen Dollar in der Stunde angestellt haben ... wollen jetzt mehr Geld! Was für eine Frechheit.
Diese undankbaren Menschen! Wenn es unsere Bereitschaft nicht gäbe, uns selbst in die Armut zu treiben, indem wie Dinge kaufen, die wir uns nicht leisten können und auch nicht wirklich brauchen, mit Geld, dass wir nicht haben, dann würden sie immer noch mit Holzstöcken auf ihren Reisfeldern arbeiten.
Aber so sind die Dinge nun einmal, liebe Leser.
Der Dollar fällt … zusammen mit den Wert fast aller in Amerika angesiedelter, in Dollar ausgezeichneter Anlagewerte. Aktien, Anleihen. Löhne. Immobilien. Hier kommt das “De-” her.
Aber es könnte auch schlimmer sein. Um genau zu sein, ist es schlimmer. Die andere Art der „-flation“ gibt es auch noch. Jetzt müssen die Amerikaner bald für alles mehr Geld bezahlen – für Energie, für Lebensmittel, Immobilien ... und für all diese dummen Gerätschaften aus Asien.“
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